Cannes, das Festival der alten Männer? So sieht es in diesem Jahr aus - wobei „alt“, was die Lebensjahre angeht, nicht für alle gilt. Neunzig ist nur Alain Resnais, und es kommen auch ein paar Männer unter fünfzig, von denen nicht alle schon mal hier waren. Alt im Sinne von bewährt und festivalgestählt, das sind die allermeisten auch der jüngeren aber schon. Carlos Reygadas aus Mexiko etwa ist einundvierzig und schon zum vierten Mal eingeladen, Thomas Vinterberg aus Dänemark ist dreiundvierzig und hat bereits eine Goldene Palme gewonnen, wie auch der vierundvierzigjährige Rumäne Cristian Mungiu. Jeff Nichols, der mit dreiunddreißig Jahren Jüngste des Wettbewerbs, ist mit drei Filmen unterm Gürtel nach Cannes-Kriterien nahezu ein Frischling, und sein albträumerischer Paranoia-Thriller „Take Shelter“, der kürzlich auch in Deutschland in die Kinos kam, macht gespannt auf seinen Wettbewerbsfilm „Mud“, wieder mit dem irrlichternden Michael Shannon in einer Hauptrolle.
Es ist gar nichts dagegen einzuwenden, dass ein Festival seinen bewährten Filmlieferern die Treue hält. Aber in diesem Jahr haben es die Verantwortlichen in Cannes dann doch sehr weit getrieben. Auf dem Papier sieht das Programm satt, bewährt und sehr etabliert aus. Palmengewinner und Palmenkandidaten der letzten Jahre und Jahrzehnte sind in großer Zahl wieder da: Michael Haneke (zum sechsten Mal eingeladen), Abbas Kiarostami (zum fünften Mal), Ken Loach und David Cronenberg (beide ebenfalls zum fünften Mal), Hong Sang-soo (zum vierten Mal). Und so weiter. Könnte es sein, dass hier ein Netzwerk ziemlich gut funktioniert? Könnte es daran liegen, dass von zweiundzwanzig Filmen im Wettbewerb tatsächlich keiner von einer Frau gedreht wurde? Offenbar schaut die Auswahlkommission immer in dieselbe Richtung.
Keine Frauenquote
Jedenfalls ist die Antwort vom Programmdirektor des Festivals, Thierry Frémeaux, auf den Protest der Filmemacherinnen Fanny Cottençon, Virginie Despentes und Coline Serreau in „Le Monde“ vom Wochenende (F.A.Z. von gestern) ein starkes Stück. „Wir nehmen keinen Film ins Programm, nur weil er von einer Frau ist“, sagte er in Verdrehung der Situation und versicherte, eine Quote werde es in Cannes nicht geben. Von Quote allerdings war gar keine Rede. Bei hundert Prozent Männern im Wettbewerb wird man aber wohl mal fragen dürfen, wo eigentlich die Frauen bleiben.
Was die Jury damit macht - auch deren Vorsitz hat ein Mann inne, nämlich Nanni Moretti (seinerseits siebenmal im Wettbewerb des Festivals, Gewinner einer Goldenen Palme) -, werden wir nur im Ergebnis erfahren. Dabei wäre es interessant zu hören, ob die palästinesische Schauspielerin und Regisseurin Hiam Abbass, die britische Regisseurin Andrea Arnold oder die Schauspielerinnen Emmanuelle Devos und Diane Kruger mit ihren Jury-Kollegen, dem Modemacher Jean-Paul Gaultier, dem Schauspieler Ewan McGregor und den Regisseuren Alexander Payne und Raoul Peck, über diese Frage diskutieren werden.
Über „Twilight“ verbunden
Mit dem einzelnen Film hat die hundertprozentige Männerquote natürlich gar nichts zu tun. Wes Anderson, dessen „Moonrise Kingdom“ heute Abend die Filmfestspiele eröffnet, hat darin eine wunderbare Rolle für ein Mädchen mit Verstand geschaffen, und Regisseure, die in Cannes oder andernorts bereits auszeichnet wurden, bündeln ja auch einige Hoffnung auf ihren neuen Werken - Matteo Garrone etwa, von dem wir seit „Gomorrah“ vor vier Jahren keinen Film gesehen haben, Ulrich Seidl, Walter Salles, Jacques Audiard, der wieder einmal, wie vor drei Jahren, mit Michael Haneke im Wettstreit liegt. 2009 gewann Haneke die Goldene Palme vor Audiards „A Prophet“. Doch eine wild card ist keiner von ihnen - es gibt nicht nur keine Regisseurin im Programm, sondern auch keinen Debütanten. Einen Deutschen auch nicht. Nur deutsches Geld. „Im Nebel“ von Sergei Loznitsa ist eine deutsche Koproduktion.
Aus Österreich immerhin kommt die Liebe. „Liebe“ heißt der Film von Michael Haneke, „Paradies: Liebe“ der von Ulrich Seidl. Bei beiden darf man fast sicher sein, dass Liebe mit lieb nichts zu tun haben wird. Cronenberg und Salles wiederum haben Bücher verfilmt, die das amerikanische Lebensgefühl zu unterschiedlichen Zeiten verdichten - Salles kommt mit „The Road“ nach Jack Kerouac an die Croisette, Cronenberg mit der Don-DeLillo-Verfilmung „Cosmopolis“. Über die „Twilight“-Serie, niemals canneswürdig, sind die zwei Filme darüber hinaus verbunden, denn bei Cronenberg spielt die Hauptrolle des aalglatten Maklers im Stau Robert Pattinson, der züchtig glitzernde Vampir aus „Twilight“, bei Salles des Vampirs Versuchung, Kristen Stewart. Beide Darsteller werden in Cannes erwartet.
Filme von Männern, Lächeln von Frauen
Isabelle Huppert, die vor einigen Jahren als Jury-Präsidentin fast omnipräsent war, kommt gleich in zwei Filmen im Wettbewerb groß heraus, beim Koreaner Hong Sang-soo und bei Michael Haneke. Brad Pitt wird anreisen, weil er in Andrew Dominiks „Killing Me Softly“ mitspielt, Sean Penn hat den Schneider Giorgio Armani gefunden, der eine sehr pompöse Haiti-Gala ausrichten wird, und so wird es keinen Leerlauf auf dem roten Teppich geben. Auch dass James Bond in diesem Jahr das für einen Agenten fast biblische Alter von fünfzig erreicht, wofür ihm eine Retrospektive am Strand gegönnt wird, dürfte für Prominenz am Ort sorgen. Wer dann von Maßanzügen genug hat, kann den Horror-Altmeister Dario Argento begrüßen, der „Dracula 3D“ und seine Tochter Asia in einer Mitternachtsvorführung vorzeigt.
Filme von Männern, Beine, Ausschnitte und Lächeln von Frauen - so sehen die Aktivistinnen von „La Barbe“ (Der Bart) Cannes in diesem Jahr, und so wird es vielleicht kommen. Vielleicht wird es handfestere Proteste geben als einen Aufruf in „Le Monde“. Und vielleicht sind einige der Filme trotz allem gut.