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Abschlussbericht Cannes Frauen, leider nicht am Steuer

 ·  Das Filmfestival in Cannes, dessen Preise am Sonntag verliehen werden, hat mit David Cronenbergs „Cosmopolitan“ geschlossen – natürlich wieder ein Film von einem Mann, wie die anderen einundzwanzig Streifen auch.

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© dpa Von wegen Vampir: Robert Pattinson, zur Abwechslung wirklich unheimlich, in David Cronenbergs „Cosmopolis“

Wo verbringen die Limousinen, die in langen Schlangen ab dem frühen Nachmittag die Croisette verstopfen, eigentlich die Nacht? Man fragt sich das, seit Leos Carax sie in seinem Preisanwärterfilm „Holy Motors“ in einer Garage gleichen Namens abstellte, das Licht herunterdrehte und sie sich unterhalten ließ, jede Silbe ein Blinken des Standlichts. Es waren weiße Limousinen, sie sieht man selten in Cannes, doch bei David Cronenberg tauchten sie wieder auf. Gefilmt von ganz unten, wo die Ratten leben, die später gegen die Scheiben fliegen. Und Eric Packer, der in einer dieser weißen Limousine einen Tag lang in New York im Stau steht, fragt sich und seinen Fahrer auch: Wo sind all die Limos bei Nacht?

Cronenbergs Don DeLillo-Verfilmung „Cosmopolis“, einer der letzten Beiträge des Wettbewerbs, war eine Herausforderung früh um halb neun. Er hat die Dialoge aus dem Buch übernommen, philosophische, klugscheißerische, komische, surreale, melancholische Sätze im ununterbrochenen Fluss, ausgetauscht zwischen Eric Packer (Robert Pattinson weit jenseits seiner „Twilight“-Züchtigkeit) und einer Reihe von Figuren, die einsteigen, eine Weile mitfahren, wieder verschwinden. Eric ist unermesslich reich, ein Banker, der an diesem Tag mit dem Yuan spekuliert, und für einen Haarschnitt auf die andere Seite der Stadt gebracht werden will. Der Verkehr steht fast still. Unendlich langsam gleiten die Bilder der Stadt vorbei, Passanten, Demonstranten, Elend, Glanz. Eric thront drinnen über einem Reich aus Computer-screens. Der Niedergang der Welt wird hier entschieden. Es gibt Tote, Sex, Gespräche über Kunst und lange Reden über Geld. Und Bilder einer Welt, die in den Abgrund stürzt, stark, schrecklich, zum Wiedersehen.

Wo waren die Frauen?

Gegen Ende des Festivals, wenn die Bilder ineinander verschwimmen und nicht mehr immer zu unterscheiden ist, ob die Filme, die man verpasst zu haben glaubt, tatsächlich liefen oder nur als Ideenstrom bereits die Runde machten, mit Fotos, Pressemitteilungen, Postern, Geschichten und Käufern - in dieser gefräßigen Stimmung nach noch mehr Bildern, anderen Geschichten, neuen Filmen scheint auf, was hinter dem, was wir gesehen haben, verborgen war, uns aber nicht erzählt wurde. Zum Beispiel die Geschichte von Leonie. Sie ist schwanger von Robbie, der eine Weile im Gefängnis saß und für eine weitere Prügelei zum Gemeindedienst abgestellt wird. Vor allem mit Leonies Brüdern und ihrem Onkel legt Robbie sich immer wieder an. Ihr Vater hat Geld und findet Robbie nicht standesgemäß. Leonie bekommt ihr Kind. Sie steht zu Robbie, lebt aber zu Hause, bis ihr eine Freundin eine gar nicht kleine Wohnung vermietet. Wovon lebt sie? Wie sieht es bei ihren Eltern aus, wie kommt sie von ihnen los? Ihre Spur verläuft sich, bis Leonie im Schlussbild mit Kind plötzlich wieder da ist. Leonie ist ein Nichts von einer Rolle, gespielt von Siobhan Reilly, in Ken Loachs Wettbewerbsfilm „Angels’ Share“. Er ist eine Komödie, spielt in Glasgow und den schottischen Highlands, um eine Gruppe von vier Freunden, von denen einer betrunken fast einen Zug zum Entgleisen brachte, ein anderer öffentliches Ärgernis erregte. Das Mädchen hat einen Papagei gestohlen und Robbie, wie gesagt, neigt unter Drogen zur Gewalt. Für Leonie und das Kind will er solide werden und hat eine auch für seine Kumpels zündende Idee. Das ist von milder bis deftiger Komik, Männer im Kilt mit Hodenschmerzen, diese Sorte Witz, unterhaltsam, unerheblich.

Leonies Geschichte ist in dem Film nicht auffindbar, wie auch die Geschichten vieler anderer Frauen in den Filmen dieses Jahres. Sie möblieren den Set, ansonsten bleiben ihre Rollen oft unterentwickelt - wie die des Barmädchens aus „Lawless“, das es von Chicago nach Virgina verschlagen hat, ohne dass wir je erführen, warum, und warum sie so gut angezogen ist. Oder die der Ehefrau eines Kaspers, der den Container von Big Brother für das Paradies hält (Loredana Simioli spielt sie in Matteo Garrones „Reality“). Sie wirkt bodenständig, klug, sah aber offenbar nicht vorher, wie wenig es bedarf, aus ihrem Mann diesen Deppen zu machen. Oder die Freundin des fälschlich des Kindesmissbrauchs Verdächtigten in Thomas Vinterbergs „Jagten“, eine Fremde in der eng verstrickten Dorfgemeinschaft. Erst ist sie da, dann ist sie weg, dann ist sie wieder da. Von Jean Renoir stammt das berühmte Zitat aus seinem Film „La règle du jeu“: „Alle haben ihre Gründe.“ Welche Gründe die Frauen haben, blieb in diesen Filmen völlig im Dunkeln. Am schlimmsten aber traf es Nicole Kidman als „death row groupie“ in „Paperboy“ von Lee Daniels. Sie wird in einer Weise entblößt, dass man die Frage stellen muss, wie ein solcher Film hier in den Wettbewerb gelangen konnte.

Eine gewisse Öde

Daniels ist ein Liebling der Festivalmacher, seine früheren Filme liefen in den Nebenreihen, nun kam er zum ersten Mal ins Rennen um die Goldene Palme - mit einem Film, in dem eine Vergewaltigungsszene in der bewundernden Frage der Kidman-Figur mündet, ob ihr Vergewaltiger immer so draufgängerisch sei, „als sei es das letzte Mal“, und Kidman an anderer Stelle Zac Efron, der in sie verliebt ist, auf den Bauch und ins Gesicht pinkelt, um seine Qualenwunden zu desinfizieren, gefilmt aus voyeuristischer Untersicht. Welchen Grund sie hat, sich von einem debilen Gewalttäter erniedrigen zu lassen, wird nicht Teil dieser Geschichte.

Das ist im Kino nun gar nichts Neues, und eine gewisse Öde, die sich in der zweiten Hälfte des Festivals breit machte, hat damit zu tun, dass aus dieser Haltung heraus keine guten, aufregenden Filme entstehen. Der oft vorgestrige Umgang mit Frauenfiguren fiel in diesem Jahr besonders auf. Denn das Festival begann ja mit dem Aufschrei zahlreicher internationaler Filmemacherinnen, Feministinnen und Sympathisantinnen, die gegen ein mit Männern besetztes Auswahlkomitee, das ein reines Männerprogramm von zweiundzwanzig Filmen in den Wettbewerb schickte, protestierten. In der Jury aber sitzen Frauen. Diane Kruger zum Beispiel. Sie wurde ständig fotografiert. Andrea Arnold zum Beispiel. Sie wurde überall zitiert. Die britische Regisseurin, die mit „Fish Tank“ im Jahr 2009 in Cannes den Jury-Preis gewonnen hat, antwortete auf die Frage, was sie von der Klage ihrer Kolleginnen halte, sie würde es „absolut hassen“, wenn ein Film von ihr für einen Wettbewerb ausgewählt würde, nur weil sie eine Frau sei. Das war gegen eine Quote gerichtet, die gar nicht zur Diskussion steht.

Hungrig nach den Geschichten

Für viele klang es deshalb so, als wolle sich Andrea Arnold von den Protesten distanzieren. Sie hat aber noch mehr gesagt: „Cannes repräsentiert die Situation in der Welt, und das ist schade und eine große Enttäuschung, weil Frauen nun einmal die Hälfte der Menschheit stellen. Frauen haben Stimmen, und sie haben etwas über das Leben und die Welt zu sagen, das wir alle hören sollten.“

In diesem Jahr haben wir von ihnen nichts gehört. Vielleicht liegt es daran, dass wir trotz Michael Haneke, Jacques Audiard oder Ulrich Seidl mit ihren einzigartigen Frauenfiguren nach so vielen Filmen immer noch hungrig bleiben nach den Geschichten, die wir jetzt nur im Kopf spinnen können.

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Jahrgang 1955, Redakteurin im Feuilleton.

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