06.02.2010 · Bernd Eichinger und Uli Edel haben das Leben des Berliner Rappers Bushido verfilmt – als Märchen der Männerfreundschaften. Unglaublich: Obwohl das Gerede von „Respekt“ und „Ehre“ längst zum Genre geworden ist, bekommt der Film noch rote Ohren beim Nachbeten seiner Macho-Lektionen.
Von Julia EnckeEs gibt, ungefähr in der Mitte dieses Films, der die Biographie des Gangsta-Rappers Bushido als deutsches Aufsteigermärchen erzählt, eine Szene, in der Anis Ferchichi, also Bushido, was im Japanischen „der Weg des Kriegers“ heißt, am 11. September 2001 zusammen mit seiner Mutter (Hannelore Elsner) vorm Fernseher steht und die Bilder des einstürzenden World Trade Center sieht. Die Kamera zeigt die Fernsehbilder, dann die fassungslosen Gesichter von Anis und seiner Mutter. Und weil in diesem Film, der seinen eigenen Bildern nicht vertrauen will, alles noch mal erklärt werden muss, sagt Bushidos Stimme aus dem Off: „Das war bei weitem das Krasseste, was ich je in meinem Leben gesehen hatte.“ Wer hätte das gedacht?
Für den im Film sich selbst spielenden Bushido ist das die Initiation. Im Angesicht des Todes überfällt ihn der unbändige Wille zu leben, also legt er los und macht Musik. Darüber hinaus muss er noch ein Trauma bewältigen, sein betrunkener Vater schlug die Mutter, als er noch klein war, er hat Hass in seinem Herzen, den muss er loswerden. Ein harter Weg, für Bushido, den Sieger, aber ein leichtes Spiel, schließlich kennt er die Gesetze der Straße. Erstens: Immer einen auf dicke Hose machen. Zweitens: Immer schön nach unten treten, aber nicht nach oben. Drittens: Respekt, alles andere ist nicht korrekt. Am Ende singt der „Kanake vorm Brandenburger Tor“, Mama und Papa unter Tausenden im Publikum: „Alles wird gut“. Und in einer der ersten Berliner Nachmittagsvorstellungen, in der „Zeiten ändern Dich“ in dieser Woche zu sehen war, klatschen Hunderte von Zehn- bis Fünfzehnjährigen unter Trainingsjackenkapuzen Beifall.
Macho-Quatsch-Lektionen
Zusammen mit seinem Regisseur Uli Edel, mit dem er schon den „Baader Meinhof Komplex“ drehte, ist der Produzent Bernd Eichinger inzwischen so etwas wie der Märchenonkel der deutschen Nation. Man könnte sagen: Warum nicht? Warum die Biographie des Rappers, die dieser mit Lars Amend als Buch veröffentlichte und damit monatelang in den Bestsellerlisten rangierte, nicht noch einmal als Filmmärchen erzählen, mit dem man sehr viele sehr junge Bushido-Fans glücklich machen kann? Das Problem ist: Edel und Eichinger wollen alles auf einmal. „Zeiten ändern Dich“ soll nicht nur ein Aufsteigermärchen, er soll auch ein Musikfilm sein – mit viel zu wenig Musik. Alles soll so authentisch wie möglich rüberkommen, weshalb, als Illustration des Aufstiegs, irgendwann Dokumentarmaterial eingeblendet wird, Bushido-Bilder aus Nachrichten- und Kerner-Sendungen, Titelseiten der „Bild“-Zeitung – womit man ausgerechnet dem Märchenplot ein Echtheitssiegel verpasst.
Und dann wollen Edel und Eichinger noch etwas anderes: Bushido ist für sie „Zeitgeschichte“, und Zeitgeschichte wollen sie erzählen. Da wird es dann finster, weil man eben nicht alle Brüche, Kanten und Falten wegbügeln kann – am Ende ist in diesem Film wirklich jeder mit Bushido versöhnt („Ersguterjunge“) –, um dann zu behaupten, dies hätte auch nur annähernd etwas mit Geschichte zu tun. Wo sind die Geschichten der „Opfer“, die auf der Strecke bleiben? Warum erfährt man so wenig über das Label Aggro Berlin, das im Film „Hardcore“ heißt? Und was sind das denn eigentlich genau für Typen im Umfeld des von Moritz Bleibtreu mit sanfter Autorität gespielten Arafat Abou-Chaker, Sohn eines angeblich mächtigen Berliner Clans, der den Rapper im Film mit unmittelbarer Todesdrohung aus seinem Aggro-Berlin-Vertrag freikauft und in dessen Schuld Bushido fortan steht?
Man hat Bernd Eichinger, im „Untergang“ und im „Baader Meinhof Komplex“, vorgeworfen, dass er „von allem keine Meinung“ habe; dass er den Zuschauern die Haltung überlasse, die er selbst nicht hat oder höchstens vortäuscht. Hier hat er eine: Es ist die der totalen Affirmation. Er hat sich Bushido zum Männerfreund gemacht und ist sein Fan. Vielleicht hätte er deshalb einfach einen Konzert- und Musikfilm machen und einem dafür die ganzen Macho-Quatsch-Lektionen ersparen sollen, die der Film so furchtbar ernst nimmt; dieses ganze Gelaber von „Respekt“ und „Ehre“, das längst zum Genre geworden ist, einem hier allen Ernstes aber als Off-Stimmen-Aufstiegsweisheit verkauft werden soll: Sei krass, fleißig, frauenfeindlich, dann kannst auch du ein deutscher Spießer werden.