Home
http://www.faz.net/-gs6-11ea8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

„Buddenbrooks“-Verfilmung Die Phantome von Lübeck

Die epische Ironie verdampft in der Hitze der Filmscheinwerfer: Heinrich Breloers „Buddenbrooks“-Verfilmung ist eine entschieden pessimistische Version von Thomas Manns Jahrhundertroman. Breloers Film macht einiges richtig, aber das Entscheidende falsch.

Geben wir gleich dem Meister das Wort. Am 3. Februar 1934 kommt Thomas Mann in gehobener Stimmung in Zürich aus dem Kino: „Sah die zweite Hälfte zuerst, dann Bilder aus aller Welt . . . und verfolgte dann noch bis nach 10 Uhr die früheren Teile des Filmes, der vorzüglich aufgenommene, lebensvolle Bilder und anziehende junge Menschen zeigt. Ging von da, befriedigt, ja beglückt vom Schauen natürlichen Lebens und prächtiger Fluss- und Meeresbilder, ,schöner' junger Körper in das dem Hotel nahe gelegene Café.“

Donnerwetter! Was hat er da gesehen? Vielleicht die neueste Tolstoi-, Flaubert- oder Dickens-Verfilmung? Oder doch wenigstens eine Garbo-, Crawford- oder Bette-Davis-Schnulze? Nein, es ist „Abel mit der Mundharmonika“, ein Binnenschifferfilm von Erich Waschneck mit Carl Balhaus und Hans Brausewetter - heute wohl zu Recht vergessen -, der den Großschriftsteller so ergreift, dass er im Hotel nicht einschlafen kann: „arger Erregungs- und Erschöpfungszustand“, notiert er am folgenden Tag, „den ich mit einer Tablette Phanodorm allmählich besänftigte“. Noch Wochen später bezeichnet er den „Abel“-Film in einer Umfrage der „Neuen Zürcher Zeitung“ als „das Hübscheste, was ich in jüngster Zeit gesehen habe“.

Mehr zum Thema

Der Kick vor der Leinwand

Warum? Auch dazu gibt das Tagebuch Auskunft: Weil dem Autor der „Buddenbrooks“ das „Zeigen jungmännlicher Nacktheit in kleidsamer, ja liebevoller photographischer Beleuchtung“, sprich: der muskulöse Oberkörper des Darstellers Balhaus („hier besonders ergiebig“) ans erotisch Eingemachte ging. Trotz aller Kulturbeflissenheit und aller Dichterworte über das „sinnreiche Spielzeug“ und die moralischen Pflichten des „Kientopp“ suchte also auch Thomas Mann vor der Leinwand, was wir alle suchen: den Kick. Den Kitzel. Das Bild, das ans Unterbewusste rührt. Das war seine Wahrheit, und es sollte auch unsere sein, besonders, wenn es um Thomas-Mann-Verfilmungen geht.

Welche Tablette also hilft gegen Heinrich Breloers „Buddenbrooks“? Das Schlafmittel Phanodorm jedenfalls nicht, denn aufputschende Wirkung kann man dem Film beim besten Willen nicht nachsagen. Eher käme schon der Stimmungsaufheller Prozac in Frage, mit dem sich bereits Generationen von Amerikanern den Ruhestand versüßt haben. Denn Breloers Verfilmung ist eine entschieden - der Literaturwissenschaftler Breloer, der über „persönliche Erfahrung und ästhetische Abstraktion“ promoviert hat, würde sagen: „dezidiert“ - pessimistische Version der Buddenbrooks-Geschichte.

Erzählen, nicht Nachklappern!

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Wen der Berg ruft

Von Melanie Mühl

Für hartgesottene Radsportler sind E-Bikes die Pest. Und die Alpenwelt haben sie natürlich auch schon erobert. Über das genussvolle Rauschen bei 25 km/h. Mehr 3 3