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Bud Spencer zum Achtzigsten : Sie nannten ihn Dampfhammer

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Der Mann mit dem Markenzeichen-Vollbart ist nicht nur eine grummelig-bärbeißige Kunstfigur: Als Kinoheld hat Bud Spencer viele Abenteuer überstanden, abwechslungsreicher aber ist sein eigenes Leben.

          Im Laufe der letzten achtzig Jahre hat der Italiener Carlo Pedersoli viele Leben gelebt. Gewiss: Die meisten werden ihn als Schauspieler unter den Namen Bud Spencer kennen, einem Pseudonym, das er sich aus seiner Sympathie für den Hollywoodstar Spencer Tracy und die tschechische Biermarke Budweiser zusammenbastelte. Doch Pedersoli, der am 31. Oktober 1929 im neapolitanischen Fischerviertel Santa Lucia geboren wurde, ist weit mehr als nur die grummelig-bärbeißige Kunstfigur, mit der er sich in den siebziger und achtziger Jahre in die Herzen eines Millionenpublikums spielte, mehr auch als nur der phlegmatische Vertreter eines jovialen Haudrauf-Humors für schlichte Gemüter: Tatsächlich verbirgt sich hinter dem wuchernden Markenzeichen-Vollbart, ohne den er in seiner mehr als vier Dekaden umspannenden Film-Karriere nur ein einziges Mal vor die Kamera trat (1968 in einer Nebenrolle von Giorgio Steganis „Die letzte Rechnung zahlst Du selbst“), einer der umtriebigsten Charaktere des öffentlichen Lebens, ein abenteuerlustiger Tausendsassa, dessen vielseitige Interessen und Talente längst einer üppig gedeihenden biographischen Legendenbildung Vorschub geleistet haben.

          Selbst bei der Beschränkung auf das faktisch Verbürgte ergibt sich ein beeindruckender Lebenslauf: Als Sänger, Komponist und Drehbuchautor hat sich Carlo Pedersoli schon betätigt, ein Bekleidungssortiment für Kinder und ein Lufttaxiunternehmen gegründet, als Parlamentsabgeordneter kandidiert und sich die Patentrechte für mehrere Erfindungen gesichert (darunter eine Einwegzahnbürste mit integrierter Zahnpasta sowie ein Spazierstock mit ausklappbarem Tisch und Stuhl). Mit dem Schriftsteller Luciano De Crescenzo ging er gemeinsam zur Schule, holte in den fünfziger Jahren elf italienische Meistertitel im 100-Meter-Freistil-Schwimmen und nahm an den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki und 1956 in Melbourne teil. Nebenher studierte er Chemie und dann Jura, jobbte über ein Jahr lang als Vorarbeiter beim Bau der Panamericana im Amazonas-Dschungel und besuchte als Mitglied der italienischen Wasserball-Nationalmannschaft das stalinistische Moskau.

          Perfekt choreographierte Prügeleien

          Nach dem Ende seiner sportlichen Karriere heiratete Pedersoli die Tochter des einflussreichen italienischen Filmproduzenten Giuseppe Amato, doch sein Debüt als „Bud Spencer“ gab er erst drei Jahre nach dessen Tod: 1967 suchte Giuseppe Colizzi, ein mit ihm flüchtig bekannter Regisseur, händeringend nach einem körperlich imposanten Darsteller für seinen Italo-Western „Gott vergibt… Django nie!“. Angesichts des großen Termindrucks der Produktion ließ sich der 1,92 Meter große, mit gutem Appetit gesegnete Ex-Athlet breitschlagen und absolvierte ohne jede schauspielerische Ambition seinen Kino-Einstand in der Rolle eines bulligen Versicherungsagenten.

          Die Dreharbeiten führten ihn das erste Mal mit seinem langjährigen Leinwand-Partner Mario Girotti alias Terence Hill zusammen, mit dem er vor der Kamera perfekt harmonierte. Nach zwei weiteren gemeinsamen Filmen entwickelte sich das ungleiche Duo unter der Regie von Enzo Barboni zum humoristischen Kassenmagneten: In „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ (1970) und „Vier Fäuste für ein Halleluja“ (1971) wurde die von Sergio Leone begründete Ikonographie des schweigsamen und lakonisch-gewalttätigen Spaghetti-Westernhelden in komischer Überzeichnung ad absurdum geführt. Statt in blutigen Schusswechseln brillierten die bärenstarken Helden nunmehr in sympathischen Wortgefechten und artistisch perfekt choreographierte Prügeleien - eine konzeptionelle Neuerung, die dem stagnierenden Wildwestgenre noch einmal zu später kommerzieller Blüte verhalf.

          Die Rollen des Teams waren exakt verteilt und von kulturhistorischen Vorbildern wie der Commedia dell'arte und den Slapstickfilmen Laurels und Hardys inspiriert: Hill gab als eine Art Wildwest-Hippie den blauäugig-charmanten Frauenschwarm mit überbordenden Tatendrang, Spencer den zunehmend korpulenten, gemütlich-materialistischen Gegenpart. Diese Grundkonstellation variierten beide schließlich auch mit anderen Partnern und jenseits des Westerngenres, wobei vor allem Spencer bis in die frühen achtziger Jahre hinein regelrechte Akkordarbeit mit bis zu drei Filmen im Jahr leistete. Aus seiner qualitativ schwankenden Gesamtfilmographie ragt besonders die vierteilige Reihe um den charismatischen neapolitanischen Polizeikommissar Rizzo, genannt „Plattfuß“, heraus, die sich mit ihren atmosphärisch dichten Schauplätzen und dem kinderlieben, Schusswaffen verachtenden Protagonisten als familienfreundliche James-Bond-Variante ausweist.

          Rückkehr auf die Leinwand

          Seit dem Ende der achtziger Jahre arbeitet Spencer überwiegend für das italienische Fernsehen, kehrt aber hin und wieder auch auf die Kino-Leinwände zurück: Nach seinem vielgerühmten Auftritt als alter Piratenkapitän in Ermanno Olmis Autorenfilm „Cantando dietro i paraventi“ (2003) war er zu Beginn dieses Jahres als blinder Mafiaboss in der deutschen Produktion „Mord ist mein Geschäft, Liebling“ zu sehen. Unabhängig davon ist der klassische „Bud Spencer“ als liebenswerte Vaterfigur inzwischen längst zu einer popkulturellen Ikone des mitteleuropäischen Films geworden, an die sich eine durch Komödien wie „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle“ (1972), „Sie nannten ihn Mücke“ (1978) und „Banana Joe“ (1982) sozialisierte Generation noch heute gerne zurückerinnert.

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