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BND-Skandal Opfer von Lumpenpack

22.05.2006 ·  Erregung auf der Jahrestagung des „Netzwerks Recherche“: Der überfüllte Saal hielt den Atem an, als sich die Journalisten Hans Leyendecker und Erich Schmidt-Eenboom über die BND-Affäre stritten, deren Opfer sie doch beide sind.

Von Michael Hanfeld
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Es hat geknistert, die Luft war dünn, und man meinte fast, der überfüllte Saal halte den Atem an, als sich die Journalisten Hans Leyendecker und Erich Schmidt-Eenboom mit ihrer unterschiedlichen Lesart der BND-Affäre maßen. Selten hat man Leyendecker, den besonnenen Paraderechercheur der „Süddeutschen Zeitung“, so erregt erlebt wie an diesem Samstagabend zum Abschluß der Jahrestagung des „Netzwerks Recherche“ in Hamburg.

Er habe sich zum „Komplizen“ des BND gemacht, warf Leyendecker dem Autor des Buches „Schnüffler ohne Nase“ vor, der erwiesenermaßen über Jahre von, wie er sagt „dreißig Augen“ des BND gleichzeitig observiert worden war. Schmidt-Eenboom konterte kühl, was die SZ über ihn geschrieben habe, sei „schlicht unwahr“ und werde juristische Folgen haben.

Journalisten gegen Journalisten

Das war, das ist die Konstellation, die BND-Leuten und einigen Politikern in dieser Affäre gefällt: Journalisten gegen Journalisten. Journalisten als Opfer, als Helfer, als Täter in einer verworrenen Geschichte, bei der man schnell den Überblick verliert und irgendwann Opfer und Täter verwechseln kann und die Verantwortung nur schwer zu trennen weiß, so daß am Ende diejenigen, die das Ganze angezettelt haben, davonkommen. Das wäre eine Pointe: Wie der BND der BND-Affäre entkam.

Doch gibt es Grund, daß die Journalisten sich jetzt in die Haare geraten und es ein - vielleicht - reinigendes Gewitter gibt, vielleicht aber auch ein Massaker, bei der die einen die Fehler nur bei den anderen suchen. Der Vorlauf ist gemacht: „Stern“, „Spiegel“, „Focus“, SZ und andere referieren bereits Auszüge aus dem Bericht, den der ehemalige Bundesrichter Gerhard Schäfer über die vom BND im Laufe der letzten zehn Jahre unternommenen Bespitzelungen von Journalisten dem Parlamentarischen Kontrollgremium (PKG) vorgelegt hat. Dabei ergibt sich kein vollständiges Bild, weil jeder präsentiert, was er weiß und ihm gefällt. Allein deshalb muß der Bericht freigegeben werden - mit Streichungen von privaten Dingen, die niemanden etwas angehen, und den Kommentaren von Betroffenen, die Darstellungen geraderücken, die sie für falsch halten.

Warum hat man die eingestellt?

Wir müssen uns das ganze Bild machen können. Darin sind sich inzwischen fast alle einig: Hans Leyendecker, Erich Schmidt-Eenboom, Karl-Günter Barth vom „Hamburger Abendblatt“ und der von dem „Politikberater“ Uwe Müller aus Leipzig ausgekundschaftete Redakteur Andreas Förster von der „Berliner Zeitung“. Nur der „Focus“-Redakteur Josef Hufelschulte will, wie er vorm Wochenende sagte, gegen die Veröffentlichung vorgehen. Über ihn finden sich angeblich mit die ausführlichsten Schilderungen seines einstigen Kollegen Wilhelm Dietl, der im Laufe der Jahre für 856 Berichte 652000 Mark an Honoraren vom BND bekam, inzwischen sogar behauptet, er habe für den Dienst ein Agentennetz im Nahen Osten aufgebaut, und droht, er werde mit weiteren Dingen über den BND auspacken.

Dietl hat nichts mehr zu verlieren. Am vergangenen Mittwoch verweigerte er dem NDR-Magazin „Zapp“ jede Auskunft, tags darauf packte er in der „Kulturzeit“ bei 3sat und später im Radio des BR aus, wobei er nicht erkennen ließ, daß an seinem Tun etwas falsch sein könnte. Nach Ansicht des SZ-Mannes Leyendecker handelt es sich bei den Leuten, die als BND-Zuträger über Kollegen berichteten, „um journalistisches Lumpenpack“. Und um eine Geschichte, die vor allem den „Focus“ betreffe, schließlich hätten drei, vier der jetzt Genannten zeitweise bei diesem Magazin gearbeitet. Warum sei man auf die gekommen und warum habe man einen ehemaligen Stasi-Major beschäftigt, fragt Leyendecker. „Spiegel“-Leute hätten dem BND nie etwas berichtet, statt dessen hätten die das „Gewäsch von Focus“ über die Hamburger Konkurrenz aufgezeichnet. Was offenbar eskalierte, nachdem er, Leyendecker (damals noch beim „Spiegel“), und sein Kollege Georg Mascolo, dem Chefredakteur Stefan Aust rieten, besagten Wilhelm Dietl, der zu ihrem Magazin wollte, auf keinen Fall einzustellen. Aust löste den Vorvertrag mit Dietl, dann habe dieser, wie Leyendecker sagt, begonnen „zu sauen“.

„Katz und Maus“-Spiel mit dem BND

Das ist die eine Geschichte: Dietl, „Focus“ und „Spiegel“. Die zweite handelt von Uwe Müller und Andreas Förster von der „Berliner Zeitung“, eine dritte von Karl Günther-Barth vom „Hamburger Abendblatt“, über den der „Kollege“ Dietl dem BND berichtete, und die vorläufig letzte war Anlaß der Debatte in Hamburg. Es steht fest, daß der Publizist Schmidt-Eenboom Opfer einer, wie er es nennt, „Totalüberwachung“ des BND war. Aber warum soll er, wie Leyendecker meint, „Komplize“, wieso sollen sich in Schmidt-Eenbooms Fall „Verfolger und Verfolgter“ ähnlicher geworden sein? Er habe es mit dem „Katz und Maus“-Spiel mit dem BND übertrieben und einen Fehler gemacht, sagte Schmidt-Eenboom zu einem Fall, in dem er von einem Publizisten in Hamburg BND-Material für 10.000 Mark hätte kaufen können. Woraufhin auch der vom BND observiert wurde. Diese Geschichte hatte ihm die SZ vorgeworfen und daß er dem BND von einer Recherche des WDR-Magazins „Monitor“ berichtet habe.

Beides falsch, sagte Schmidt-Eenboom: Er sei in der fraglichen Geschichte nicht im Auftrag des BND nach Hamburg gereist, um etwas auszukundschaften, und er habe dem BND nichts über „Monitor“ gesagt, sondern einen Beitrag für die WDR-Reihe „Die Story“ über den Abteilungsleiter Volker Foertsch vorbereitet und beim BND nachgefragt, um Foertsch fürs Interview zu bekommen. Er habe Bestechungsversuche abgewehrt, mal sei ihm eine Einbauküche angeboten worden, dann 10.000 Euro, und er habe nie Kollegen verraten.

Geschichte für Eingeweihte

Schmidt-Eenboom vertrat seinen Standpunkt gut, im Publikum saß mit Gert Monheim der Redakteur, mit dem er im WDR zusammenarbeitete, und nickte. Schmidt-Eenboom erklärte, daß er dem BND den Nachlaß eines Stasioffiziers, den er ausgewertet hatte, in Kopie für 10 Pfennig die Seite überließ. Gegen Schmidt-Eenbooms Kritik, daß Annette Ramelsberger in der SZ über ihn schrieb, ihn aber nicht gefragt und ihm nicht einmal gesagt habe, was sie gerade geschrieben hatte, als man sich abends bei Phoenix in einer Talkshow traf, war schwerlich etwas einzuwenden. Nun fordert Schmidt-Eenboom von der SZ fürs erste Unterlassung in zwei Punkten.

Eine solche Geschichte ist vor allem etwas für Eingeweihte. Sie führt weg vom Thema - dem Treiben des BND und dem Wissen darum von Politikern wie etwa Bernd Schmidbauer. Ein Glücksfall ist die Geschichte auf jeden Fall für den Journalistenverein „Netzwerk Recherche“, der seine Jahrestagung in Windeseile und mit hoher Professionalität auf das Thema BND fokussierte. Der Bahnchef Hartmut Mehdorn bekam den Netzwerk-Preis „Die verschlossene Auster“ als Infoblocker Nummer eins des Jahres, worauf er mit einer souveränen Rede reagierte, die nicht er, sondern der „Tagesschau“-Sprecher Marc Bator verlas.

Der Ringier-Chefjournalist Frank A. Meyer hielt eine scharfe Rede wider die sich etablierende journalistische „Kaste“ in Deutschland, deren zündende Pointen wir wiedergäben, wenn der Redner nicht so tief im Glashaus säße. In einem weiteren Panel sagte der Chefredakteur des ZDF, Nikolaus Brender, den denkwürdigen Satz: „Ein Journalist wirbt nicht, und wer wirbt, ist kein Journalist.“ Gezielt war das in Richtung Reinhold Beckmann und vor allem Johannes B. Kerner, die zuletzt als Werbefiguren von sich reden machten. Über Kerner redet der Fernsehrat des ZDF angeblich Anfang Juni. Bei Kerner zu Gast ist morgen - ohne Gewähr - Wilhelm Dietl, der Mann, der dem BND 652.000 Mark wert war.

Quelle: F.A.Z., 22.05.2006, Nr. 118 / Seite 40
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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