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Blockbuster „Gravity“ : 2013 – Defilee im Weltall

Nicht die Stars stehen im Zentrum von „Gravity“, sondern Schwärze und Stille des Weltraums. Rettung verheißt allein am Horizont die ferne farbige Erde Bild: Warner Bros.

Seit einer Woche läuft „Gravity“ weltweit in den Kinos: mit riesigem Erfolg. Wie ist zu erklären, dass Alfonso Cuaróns Weltraumdrama die Sinne des Publikums derart überwältigt?

          Die schönsten Momente in „Gravity“ sind die, in denen es still wird im Kinosaal. Totenstill, wie es die kargen Sätze, die ganz zu Beginn auf der Leinwand eingeblendet werden, auch erwarten lassen: „Leben im Weltall ist unmöglich“, lautet der letzte, und direkt danach verstummt der Film, und diese Stille kann man in den Kinosälen, für die „Gravity“ gemacht ist – solche mit perfekter Wiedergabe nicht nur vom Bild, sondern auch von der Tonspur –, hören. Nie zuvor, und schon gar nicht im Stummfilm, war es so stumm im Kino. Hier vermisst man kein Geräusch, die Stille ist Programm.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dann kommt von hinten links aus dem Saal ein winziges Geflüster, und schon erwacht der Zorn, dass sich wieder mal jemand nicht zurückhalten kann, einen der magischen Momente der Filmgeschichte zu zerreden, doch plötzlich erklingt ein weiteres Geräusch von vorne rechts, es setzt irgendwann leise Countrymusik ein, und man versteht, das ist der Ton des Films. Es sind die Geräusche, die die Astronauten einer amerikanischen Mission in ihren Helmen hören, während sie am Hubble-Weltraumteleskop herumbasteln. Ihre Gespräche oder auch die Berieselung, der sich Matt Kowalski sehr zum Missfallen seiner Kollegin Ryan Stone aussetzt. Und schließlich sieht man sie auch in ihren Raumanzügen in der Schwerelosigkeit, die dieser Film bis kurz vor Schluss nicht verlassen wird. Doch was man vor allem bestaunt, ist das Panorama des Erdballs 350 Kilometer weiter unten.

          Schwerelos im offenen Raum

          Tausendmal auf Fotos gesehen, doch niemals so. Deshalb nie, weil Alfonso Cuarón ein Regisseur ist, der mit Bildern zu verhexen versteht, zumal im Breitwandformat. Er lässt in seine Filme immer wieder Horrorelemente einfließen (auch in „Gravity“), aber dies so sparsam, dass man nicht auf deren Schrecken vorbereitet ist. Das war bei „Der Gefangene von Askaban“ so, der dritten von acht „Harry Potter“-Verfilmungen, die aber im Gegensatz zu den anderen sieben höchsten cineastischen Ansprüchen standhält. Und es war noch mehr so in „Children of Men“, der 2006 vorführte, was mit einer dokumentarischen Ästhetik im Spielfilm zu machen ist, wenn man Kamera und Tonspur auf modernste Weise nutzt: als Simulationen radikal subjektiver Empfindungen. Wir sitzen nicht nur in den Multiplexen, sondern in den Augen und zwischen den Ohren der Figuren.

          Blick auf die Erde aus 350 Kilometer Höhe: Vor allem visuell kann „Gravity“ beeindrucken
          Blick auf die Erde aus 350 Kilometer Höhe: Vor allem visuell kann „Gravity“ beeindrucken : Bild: Warner Bros.

          Hier in „Gravity“ nun wieder, zusammen mit einem weltweiten Multimillionenpublikum, das der Film seit seinem Start in der vergangenen Woche bereits gefunden hat. Und diesmal dreht Cuarón auch noch in 3D, was den Bewegungen in Schwerelosigkeit einen unglaublichen Realismus verleiht, weil auch die Kamera selbst schwerelos zu sein scheint, so sehr wirbelt und purzelt sie mit den Astronauten herum. Es ist ein Defilee der jüngsten Kinomode.

          Zurück in die Kindheit

          Der Kameramann bei „Gravity“ ist derselbe wie bei „Children of Men“, Emmanuel Lubezki, und er leistet Phantastisches. Er hat sich bei den Einstellungen natürlich an Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltall“ orientiert, dem Klassiker aller Weltraumfilme, und das geht bis zu mehreren direkten Übernahmen, Pastiches und auch Ironisierungen. Aber mindestens genauso viel hat Lubezki von Wolfgang Petersens „Das Boot“ gelernt. Das wird sichtbar, wenn es rausgeht aus dem Orbit in die engen Gänge der Raumstationen und -kapseln. Man sieht dem Film das Vergnügen der daran Beteiligten an. Auch das der beiden Hauptdarsteller Sandra Bullock und George Clooney, dessen Fans wohl selten so wenig von ihrem Liebling gesehen haben wie in „Gravity“: Nur einmal zieht Clooney den Raumhelm ab. Bullock muss dagegen häufiger die Schutzkleidung wechseln. Warum wohl?

          Sandra Bullock wechselt öfter die Schutzkleidung - oder verzichtet ganz auf sie.
          Sandra Bullock wechselt öfter die Schutzkleidung - oder verzichtet ganz auf sie. : Bild: Warner Bros.

          Besonders spürt man den Spaß am eigenen Tun aber im Falle von Cuarón, der hier nicht nur als Regisseur, sondern auch als Produzent und Drehbuchschreiber fungiert – Letzteres gemeinsam mit seinem Sohn Jonás. War „Children of Men“ noch eine Adaption eines Romans von P.D.James, ist die Grundlage für „Gravity“ Cuaróns Kinderwunsch, Astronaut zu werden – nicht überraschend für einen 1961 geborenen Mexikaner, dessen Kindheit parallel zum Apollo-Programm der Amerikaner verlief, das die Menschen 1969 auf den Mond führte. Doch aus seinem Jugendtraum hat Cuarón einen Albtraum gemacht: Alles geht schief in „Gravity“, zumindest alles, was der Technik bedarf, bis nur noch der nackte Überlebenswille einer Frau in einer Umgebung zählt, die eben nicht zum Überleben gedacht ist.

          Stille, ein überwältigendes Gefühl

          Weil der Film so erfolgreich ist, gibt es schon Diskussionen über die Plausibilität seiner Prämissen. Kritisiert werden Bullocks Figur, denn eine Medizinerin habe am Hubble-Teleskop nichts zu suchen, und Hubble befinde sich auf anderen Umlaufbahnen als die Raumstation ISS, und ihr chinesisches Pendant, so dass ein Stationen-Hopping, wie „Gravity“ es zeigt, unmöglich wäre.

          Mag ja sein, aber Cuaróns Film ist natürlich vornehmlich eine Abenteuergeschichte, und man muss zugeben, dass sie – themengerecht – atemraubend geglückt ist. Wenn es Wermutstropfen gibt, dann sind es die wenigen Momente, in denen sich „Gravity“ nicht mehr auf die Grundstille verlässt, sondern doch den Spannungsbogen durch Musikeinsatz forciert. Aber auch das ist oft genug dramaturgisches Mittel für die dann wieder einsetzende Totenruhe im All. Und fürs Gefühl eines großen Friedens zwischen Zuschauer und Kino.

          Quelle: F.A.Z.

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