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Blaxploitation Weiße Leinwand, schwarzer Blick

 ·  Das Genre Blaxploitation, teils kommerzielles, teils avantgardistisches Kino fürs schwarze Publikum, ist nur zehn Jahre jünger als Barack Obama. Eine Berliner Retrospektive klärt uns auf.

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© Archiv Glamour, Geld und Gewalt: „Cotton comes to Harlem“ (1970) von Ossie Davies

Ein Ruf eilt durch die Straßen und Hinterhöfe, über die Brachen und Straßen von Los Angeles: „Wo ist Sweetback?“

Die Polizei sucht einen Mann, einen schwarzen Mann, und eine ganze Community schließt sich zusammen, um diesem Mann eine Zuflucht zu verschaffen. Das ist im Grunde schon die ganze Geschichte von „Sweet Sweetback’s Baadasssss Song“ aus dem Jahre 1971, der als erster sogenannter Blaxploitation-Film gilt.

Dieser Sommer, in dem sich der erste afroamerikanische Präsident im Wahlkampf um eine zweite Amtszeit auch gegen einen in den vergangenen vier Jahren wieder unverhohlen hervorgetretenen Rassismus zu behaupten versucht, ist keine schlechte Gelegenheit, sich mit diesem filmhistorischen Phänomen noch einmal ein wenig zu beschäftigen. Das Arsenal in Berlin gibt dazu Gelegenheit, mit einer pointierten Auswahl von zwölf Filmen und einem Epilog, der ein Verbindungsglied zu unserer Gegenwart bildet: Quentin Tarantinos „Jackie Brown“ von 1997. Den Anfang machte Melvin Van Peebles mit dem „Song“ von Sweet Sweetback, einem Mann, der die Klischees verkörpert, mit denen Blaxploitation arbeitete (sie „ausbeutete“/exploitierte), der sie aber noch viel stärker unterläuft. Zwar greift ihm eine Frau, an deren Tür er klopft, sofort ans Geschlecht und lässt sich von ihm nehmen; sie bestätigt auf diese Weise das Band sexueller Stärke, das auch Teil der Identität der „black community“ ist, die hier im Kollektiv als erster Star des Films geführt wird.

Gemeinsame Wurzeln mit „L.A. Rebellion“

Doch im Hintergrund ist dabei immer noch jene andere Szene vom Beginn des Films, in der ein halbwüchsiger Junge zu sehen ist, der unter Prostituierten aufwächst und von einer der deutlich älteren Frauen so fordernd in die Liebe eingeweiht wird, dass man durchaus von einer Vergewaltigung sprechen könnte. Sweetback wird in dieser Szene mit einem Schnitt erwachsen, das Ausbeutungsmotiv ist damit deutlich etabliert, die entsprechenden Ambivalenzen wird der Film nicht mehr los und will er wohl auch nicht loswerden.

Darin liegt die wesentliche Schärfe der Pointe, dass Blaxploitation eigentlich mit einem Film begann, der durchaus auch zu einer anderen „Schule“ gezählt werden könnte: Zu der Gruppe der „L.A. Rebellion“, die in den späten 1960er Jahren begann, ein kritisches afroamerikanisches Kino zu etablieren. Haile Gerimas „Bush Mama“ und Charles Burnetts „Killer of Sheep“ sind die herausragenden Beispiele, in beiden Fällen liegen die Wurzeln in jener Ära, in der auch Blaxploitation begann, doch verzögerten sich die Produktionen zum Teil so lange, dass sie dann auch schon als Elegie auf den Hype gesehen werden können, in dem Blaxploitation sich schnell verausgabte.

„Are you black enough to hear me?“

Die Schau im Arsenal liefert allerdings auch noch einen anderen Gründungsmoment als den experimentellen Low-Budget-Klassiker „Sweet Sweetback’s Baadasssss Song“. Denn schon ein Jahr davor war „Cotton Comes to Harlem“ von Ossie Davies herausgekommen, eine furiose Satire auf das Actionkino dieser Jahre, das hauptsächlich durch wilde Autoverfolgungsjagden charakterisiert war.

Gedreht „with the cooperation of the people of Harlem“, also in einem ähnlichen Gruppengeist wie bei Melvin Van Peebles, ist „Cotton Comes to Harlem“ voll von witzigen, sozialen „Randbemerkungen“. Die Vorlage stammt von Chester Himes, dem grimmigen Apokalyptiker aller Integrations- und „melting pot“-Hoffnungen. Ossie Davies aber holt aus diesem Stoff vor allem einen dynamischen, innerafroamerikanischen Pluralismus heraus. Die Community muss sich hier schließlich eines Betrugs erwehren, der aus den eigenen Reihen kommt. Ein Prediger namens O’Malley verkauft Anwartschaften auf eine Passage, die nach Afrika zurückführen soll. Das Schiff heißt „Black Beauty“, aber das Geld geht in seine eigene Tasche. „Are you black enough to hear me?“, ruft er in die Menge, und er entwertet damit das „Say it loud - I’m black and I’m proud“, das James Brown 1968 in die Menge geworfen hatte. Bei O’Malley wird „black“ wieder zu einem Synonym für „dumm“, und es wird zur Aufgabe der Community, sich von ihren falschen Propheten zu emanzipieren.

Hier wurde früh mit Rollenbildern gespielt

Dabei gibt es aber ausreichend Gelegenheit, die eigentlichen Dummköpfe vorzuführen. In einer bei aller Karikatur großartigen Szene muss ein weißer Polizist eine laszive Ganovenbraut bewachen, und Ossie Davies macht ihn dabei doppelt lächerlich: zuerst durch den tumben Uniform- und Charakterpanzer, hinter den sich der Mann in Sicherheit bringt, bevor er sich dann doch noch die vollständige Blöße gibt, den Avancen der Frau zu glauben. Dabei schneidet sie da schon die Ku-Klux-Klan-Augen in eine Papiertüte, die sie ihm überstülpt und die schließlich seine eigentliche Blöße bedeckt, als er nackt dem Spott preisgegeben dasteht: Sein Kopf ist hinter der Maske versteckt. Der weiße Mann ist am lächerlichsten, wenn er es sexuell mit dem schwarzen Mann aufnehmen zu können glaubt.

Blaxploitation hat seine kulturhistorische Bedeutung nicht zuletzt darin, dass hier viel früher mit Rollenbildern gespielt wurde als in vielen anderen Bereichen. Das lag natürlich sehr stark an der engen Verbindung zur populären Musik, wo ähnliche Übergänge zwischen Idolfunktion und ihren phantastisch-grotesken Übersteigerungen ausprobiert wurden. Die geniale Logik, die der Begriff Blaxploitation selbst entfaltet (eine konzeptuelle Umkehrung von Ausbeutungsverhältnissen durch Verschärfung von Stereotypen), wurde in den konkreten Filmen dann nicht immer so dialektisch angewandt. Das lag auch daran, dass Blaxploitation durchaus ein Phänomen „von oben“ war. Eine Filmindustrie, die sich nicht länger einfach einem Publikum gegenübersah, sondern plötzlich auf „demographics“ verwiesen, versuchte nun, Produkte auf spezielle Interessen zuzuschneidern. So erst wurde aus dem Privatdetektiv John Shaft eine afroamerikanische Figur, wenn man der Legende glauben darf, die „Sweet Sweetback’s Baadasssss Song“ in einem direkt genealogischen Sinn als Auslöser dieser Welle sehen möchte.

Einer der unbekannteren Filme in der Reihe im Arsenal zeigt am besten, wie schon nach kurzer Zeit eine Art Schema für Blaxploitation etabliert war: In „Slaughter“ (1972) von Jack Starrett spielt der frühere Footballspieler Jim Brown einen Veteranen der Green Berets namens Jim Slaughter, der von der Polizei als „Mann fürs Grobe“ nach Mexiko geschickt wird, wo er einen Mord aufklären soll, dem sein eigener Vater zum Opfer fiel. Die ungelenkte Virilität dieser Figur lässt erkennen, dass es hier schon eher darum ging, Starpotentiale von anderswo abzuschöpfen. Wenn Slaughter in Mexiko ein Casino betritt und dabei die Frage nach einer Einladung mit einer gezogenen Pistole beantwortet, dann kommt das hochproduktive Spiel mit kultureller Mimikry in den Blaxploitation-Filmen dann doch für einen Moment beinahe schon wieder zum Stillstand. Doch „Slaughter“ hat ja auch noch einen Soundtrack von Billy Preston, und einige großartige Szenen hispanischer Dekadenz (auch das ist Blaxploitation: Weiterreichen der Schurkenrollen), und so zeigt sich gerade in diesem eher eindimensionalen Film schon sehr viel von der populärkulturellen Signatur unserer Gegenwart: Auch wenn die „Substanz“ dürftig ist, sind doch der Zugänge viele. Football und Funk stützen in „Slaughter“ einen Helden vom Reißbrett, der all das beinahe schon wieder vergessen macht, was noch ein Jahr davor die Figur von Sweetback so vielschichtig und rätselhaft sein ließ. „Wo ist Sweetback?“ ist damit ein Ruf, der auch durch die Geschichte des Blaxploitationkinos nachhallt.

Die Retrospektive läuft noch bis zum 24. August im Berliner Arsenal-Kino.

Quelle: F.A.Z.
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