http://www.faz.net/-gqz-qy8a

„Bild“-Chef Kai Diekmann : Wir sind die gedruckte Barrikade der Straße

  • Aktualisiert am

Wunsch-„Bild” für den Kanzler: Kai Diekmann Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Nicht irgendein Boulevard-Blatt: „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann über Kampagnen und Macht, Gegendarstellungen und Gratisblätter, Gerichtsverfahren mit Promis und die Zukunft der „Titelmieze“.

          Nicht irgendein Boulevard-Blatt: „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann über Kampagnen und Macht, Gegendarstellungen und Gratisblätter, Gerichtsverfahren mit Promis und die Zukunft der „Titelmieze“.

          Am Sonntag geht es um die politische Macht in diesem Land. Über eine solche verfügen jedoch nicht nur Politiker, sondern auch Journalisten. Sie haben als „Bild“-Chefredakteur nicht wenig Macht. Wofür setzen Sie die ein? Können Sie Leute verstehen, die meinen, Sie mißbrauchten diese Macht?

          Was heißt Macht? „Bild“ hat kein politisches, sondern ein publizistisches Ziel. Frei nach Axel Springer: „Bild“ sollte nie irgendein Boulevard-Blatt, sondern eine Volkszeitung sein. Also Anwalt der Leser, Zuhörer, Ratgeber, Verteidiger, Helfer. Übersetzt heißt das: „Bild“ sagt nicht nur, was passiert. „Bild“ sagt auch, was die Republik fühlt. Die Schlagzeile „Wir sind Papst“ ist dafür ein Beispiel: Hier wurde die nationale Euphorie unbefangen auf den Punkt gebracht. Das ist unser Anliegen: zu dokumentieren, was die Menschen beschäftigt, was sie emotional umtreibt. „Bild“ ist, um es mit einer Metapher aus der eher linken Ecke zu formulieren, die gedruckte Barrikade der Straße. Das ist ihre Macht.

          Eine Zeitung als Machtinstrument

          Es kommt immer darauf an, wo man diese Barrikaden hinbaut. Gibt es kein redaktionelles Programm nach dem Motto: Diese Regierung muß weg?

          Wir sind weder Sprachrohr noch Erfüllungsgehilfe von Opposition oder Regierung.

          Und Kampagnen gibt es keine?

          Kampagnen sind gute journalistische Tradition, für die sich früher Rudolf Augstein vom „Spiegel“ oder Henri Nannen vom „Stern“ gerühmt haben. Selbst der Chefermittler der „Süddeutschen“, Hans Leyendecker, inszeniert laut eigener Einschätzung seine Recherchen zuweilen als Kampagne. Und natürlich macht auch „Bild“ Kampagnen, nur mit mehr Wucht und erfolgreicher als andere - gegen ungerechtfertigte Diätenerhöhungen und Tagegeld-Abzocke im EU-Parlament, für bessere Steuerpolitik, gegen Bürokratismus und Vorschriftenwahn. Im Augenblick planen wir eine Kampagne für besseres Wetter in Hamburg.

          Wie kommt es dann, daß der Bundeskanzler einst den Satz geprägt hat, den man nicht mehr hören kann: Er brauche zum Regieren nur „Bild“, „BamS“ und Glotze. Darauf wäre er nicht gekommen, wenn ein solcher Verbund nichts brächte.

          Der Satz ist grundfalsch: Erstens, weil zum Regieren viel mehr gehört als gute Medienkontakte, nämlich Mut, klare Konzepte und innerparteiliche Durchsetzungskraft. Zweitens, weil die Menschen bei ihren politischen Entscheidungen gar nicht so sehr auf Medien hören. Helmut Kohl hat sechzehn Jahre gegen die Attacken von „Süddeutsche“, „Stern“, „Spiegel“, „Frankfurter Rundschau“, „Zeit“ und des gesamten öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit Ausnahme des Bayerischen Rundfunks regiert. Und drittens stimmt der Satz auch deshalb nicht mehr, weil die „Glotze“ mit ihrer fünfzig Programmen, ihren Miniquoten und dem Herumgezappe der Zuschauer als themensetzendes Massenmedium längst abgedankt hat. Die Macht des Fernsehens - auch die politische - ist an der Hoheit der Fernbedienung zerbrochen.

          Das „Fernsehduell“ scheint das Gegenteil zu beweisen.

          Wenn alle großen Sender dasselbe Programm zeigen, ist das Fernsehen für einen Moment tatsächlich wieder Massenmedium. Aber diese nordkoreanische Programmvielfalt ist nicht der Normalfall.

          Während das Fernsehen hofhält, werden Sie von den Politikern bestürmt. Gegendarstellungen haben Sie zuletzt von Rot-Grün reihenweise drucken müssen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Früherer SS-Wachmann angeklagt : Der Preis der späten Gerechtigkeit

          Vor Jahrzehnten hätte die Justiz Recht sprechen sollen zum Vernichtungssystem der Konzentrationslager. Sie hat es nicht ausreichend getan. Nun steht wieder ein Greis vor Gericht, der als junger Mann SS-Wachmann war. Ist das gerecht? Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.