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„Bild“-Chef Kai Diekmann Wir sind die gedruckte Barrikade der Straße

14.09.2005 ·  Nicht irgendein Boulevard-Blatt: „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann über Kampagnen und Macht, Gegendarstellungen und Gratisblätter, Gerichtsverfahren mit Promis und die Zukunft der „Titelmieze“.

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Nicht irgendein Boulevard-Blatt: „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann über Kampagnen und Macht, Gegendarstellungen und Gratisblätter, Gerichtsverfahren mit Promis und die Zukunft der „Titelmieze“.

Am Sonntag geht es um die politische Macht in diesem Land. Über eine solche verfügen jedoch nicht nur Politiker, sondern auch Journalisten. Sie haben als „Bild“-Chefredakteur nicht wenig Macht. Wofür setzen Sie die ein? Können Sie Leute verstehen, die meinen, Sie mißbrauchten diese Macht?

Was heißt Macht? „Bild“ hat kein politisches, sondern ein publizistisches Ziel. Frei nach Axel Springer: „Bild“ sollte nie irgendein Boulevard-Blatt, sondern eine Volkszeitung sein. Also Anwalt der Leser, Zuhörer, Ratgeber, Verteidiger, Helfer. Übersetzt heißt das: „Bild“ sagt nicht nur, was passiert. „Bild“ sagt auch, was die Republik fühlt. Die Schlagzeile „Wir sind Papst“ ist dafür ein Beispiel: Hier wurde die nationale Euphorie unbefangen auf den Punkt gebracht. Das ist unser Anliegen: zu dokumentieren, was die Menschen beschäftigt, was sie emotional umtreibt. „Bild“ ist, um es mit einer Metapher aus der eher linken Ecke zu formulieren, die gedruckte Barrikade der Straße. Das ist ihre Macht.

Es kommt immer darauf an, wo man diese Barrikaden hinbaut. Gibt es kein redaktionelles Programm nach dem Motto: Diese Regierung muß weg?

Wir sind weder Sprachrohr noch Erfüllungsgehilfe von Opposition oder Regierung.

Und Kampagnen gibt es keine?

Kampagnen sind gute journalistische Tradition, für die sich früher Rudolf Augstein vom „Spiegel“ oder Henri Nannen vom „Stern“ gerühmt haben. Selbst der Chefermittler der „Süddeutschen“, Hans Leyendecker, inszeniert laut eigener Einschätzung seine Recherchen zuweilen als Kampagne. Und natürlich macht auch „Bild“ Kampagnen, nur mit mehr Wucht und erfolgreicher als andere - gegen ungerechtfertigte Diätenerhöhungen und Tagegeld-Abzocke im EU-Parlament, für bessere Steuerpolitik, gegen Bürokratismus und Vorschriftenwahn. Im Augenblick planen wir eine Kampagne für besseres Wetter in Hamburg.

Wie kommt es dann, daß der Bundeskanzler einst den Satz geprägt hat, den man nicht mehr hören kann: Er brauche zum Regieren nur „Bild“, „BamS“ und Glotze. Darauf wäre er nicht gekommen, wenn ein solcher Verbund nichts brächte.

Der Satz ist grundfalsch: Erstens, weil zum Regieren viel mehr gehört als gute Medienkontakte, nämlich Mut, klare Konzepte und innerparteiliche Durchsetzungskraft. Zweitens, weil die Menschen bei ihren politischen Entscheidungen gar nicht so sehr auf Medien hören. Helmut Kohl hat sechzehn Jahre gegen die Attacken von „Süddeutsche“, „Stern“, „Spiegel“, „Frankfurter Rundschau“, „Zeit“ und des gesamten öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit Ausnahme des Bayerischen Rundfunks regiert. Und drittens stimmt der Satz auch deshalb nicht mehr, weil die „Glotze“ mit ihrer fünfzig Programmen, ihren Miniquoten und dem Herumgezappe der Zuschauer als themensetzendes Massenmedium längst abgedankt hat. Die Macht des Fernsehens - auch die politische - ist an der Hoheit der Fernbedienung zerbrochen.

Das „Fernsehduell“ scheint das Gegenteil zu beweisen.

Wenn alle großen Sender dasselbe Programm zeigen, ist das Fernsehen für einen Moment tatsächlich wieder Massenmedium. Aber diese nordkoreanische Programmvielfalt ist nicht der Normalfall.

Während das Fernsehen hofhält, werden Sie von den Politikern bestürmt. Gegendarstellungen haben Sie zuletzt von Rot-Grün reihenweise drucken müssen.

Diese Gegendarstellungen sind ein Reflex auf den Umstand, daß es mit der politischen Macht zu Ende geht. Auseinandersetzungen zwischen Politik und Medien gibt es immer. Die jüngsten juristischen Attacken aus dem Umfeld des Kanzlers galten zum Beispiel Publikationen, die man sonst eher an der Seite von Rot-Grün vermutet. Solche Kräche gehören zu Staatswesen mit funktionierender Presse: Man rauft sich, man rauft sich zusammen.

Geht es nicht immer in eine Richtung?

Nein. Auch im Verhältnis zwischen Rot-Grün und „Bild“ gab es Höhen und Tiefen: Auf der Haben-Seite verbuchten wir das Doppelinterview mit Gerhard Schröder und Vladimir Putin zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes, die offene Antwort des Kanzlers auf Tony Blairs Europa-Konzeption, sein exklusives Duell mit Stoiber vor der letzten Bundestagswahl. Oder das Interview mit Schröder am Tag nach der Entscheidung des Bundespräsidenten, das Parlament aufzulösen. Aber es gab auch Konflikte: Die Bonusmeilen-Affäre, in der Franz Müntefering Strafanzeige gegen mich stellte; es gab „Interviewboykotts“, es gab Ausladungen. Das muß man ertragen - vor allem, wenn man wie „Bild“ auch austeilt. Und Sie wissen ja aus leidvoller Erfahrung: Eine Gegendarstellung muß mit der Wahrheit nichts zu tun haben. Jede Tatsachenbehauptung kann eine Gegendarstellung auslösen - selbst wenn Sie schreiben, daß der Frühling auf den Winter folgt. Viele Gegendarstellungen sind heute ein Mittel darbender Juristen, finanziell über die Runden zu kommen. Vor kurzem las ich in einer Fachpublikation die Gegendarstellung eines Berliner Presseanwalts, er habe in einem Restaurant nicht mehrfach, sondern nur einmal „Scheiße“ gesagt. Diese Art von Gegendarstellungen sprechen für sich. Und ich drucke sie sogar gerne, weil sie zeigen, wie hier das Recht der Gegendarstellung im Kern mißbraucht wird.

Wie war das eigentlich mit Gregor Gysis Hirn? Haben Sie Gysis Hirn gezeigt oder irgendeinen anderen Schädel?

Auf die hübsche Idee mit dem Gehirn hat uns zuerst Gregor Gysi selbst gebracht, als wir mit ihm über seinen Gesundheitszustand und die Belastungen der kommenden Wahl sprachen. Da hat er uns zu seinem Arzt geschickt. Bei dem Termin hat der Professor sogar noch mit Gregor Gysi telefoniert und uns mitgeteilt, er könne die Unterlagen aus der Krankenakte Gysi, die wir dann veröffentlicht haben, herausgeben. Da gibt es nicht den kleinsten Zweifel.

Unappetitlich ist die Sache. Ihr Umgang mit Prominenten ist nicht zimperlich. Ihrem Unterhaltungschef wird nachgesagt, er verfahre nach der Maxime: Sprich mit uns, oder wir schreiben dich nieder. Auch Sportler haben Reserven, etwas gegen „Bild“ zu sagen, weil sie sonst eingemacht werden.

Unappetitlich ist vor allem, daß viele Prominente nicht erinnern wollen, was sie aus Eitelkeit und Karrierestreben alles getan haben, um sich in „Bild“ zu sehen. Präsenz in den Medien ist Voraussetzung für die Prominenz, aus der sie Kapital schlagen - durch Werbeverträge, Fernsehangebote, Buchhonorare, VIP-Einladungen. Leider sehen oft die größten Profiteure dies von einem Tag auf den anderen ganz anders. Größer als die Schlagzeilen von „Bild“ ist häufig nur die Bigotterie mancher Menschen. Der von vielen Promis eingeforderte Schutz der Privatsphäre ist oftmals nur der Versuch, Medien im Sinne guter Eigen-PR zu steuern - und abzukassieren: Claudia Schiffer erstreitet vor Gericht, daß Fotos von ihrem Sohn tabu sind, macht aber mit ihrem Nachwuchs Fernsehwerbung. Ebenso ist es mit den Kindern von Steffi Graf - auch hier bekamen wir Warnungen vom Anwalt. Und was finden wir auf einem der letzten „Gala“-Titel? Steffi Graf posiert mit ihren Kindern. Und natürlich freue ich mich über die Bemerkung von Oliver Pocher in der „Zeit“, wonach Leute, die beruflich gefragt seien, nicht mit „Bild“ reden sollten - wenn am gleichen Tag seine Freundin mit uns über das Leben an Pochers Seite spricht.

Vielleicht gegen seinen Willen.

Ihr Glaube an das Gute im Menschen ehrt Sie.

Was ist mit dem Fall Türck? Zuerst machen Sie große Stories über die vermeintliche Vergewaltigung, dann heißt es, der Prozeß hätte nie geführt werden dürfen.

Die Entscheidung, den Prozeß gegen Andreas Türck zu eröffnen, hat nicht „Bild“ getroffen, sondern die Staatsanwaltschaft. Ob dies angesichts der Indizienlage und der hochproblematischen Persönlichkeit des angeblichen Opfers richtig war, scheint zweifelhaft. Daß wir nach der Eröffnung den Prozeßverlauf mit allen be- und entlastenden Entwicklungen dokumentierten, ist bei einem Fernsehstar wie Türck so selbstverständlich wie bei O. J. Simpson oder Michael Jackson. Dafür sind Medien schließlich da.

Muß man nicht generell nein sagen können zu Berichten über sein Privatleben?

Wer sich mit seinem Privatleben in die Öffentlichkeit begibt, um den eigenen Marktwert zu steigern, muß sich publizistische Kontrolle gefallen lassen. Konkret heißt das: Wer wie Joschka Fischer nie mit seinen Ehefrauen Wahlkampf gemacht hat, hat ein Recht darauf, daß seine Ehen privat bleiben. Allerdings lassen die jüngsten Aufnahmen mit seiner Lebensgefährtin und deren Tochter beim Wattspaziergang vermuten, daß auch er sich nun mit Hilfe seiner Neu-Familie im Wahlkampf inszenieren will. Sollte er das fortsetzen, gelten für dieses veröffentlichte Privatleben natürlich andere Regeln - wie für seinen Körperumfang. Wer ein Buch „Der lange Lauf zu mir selbst“ schreibt und gleichsam öffentlich abnimmt, muß ertragen, daß wir jedem schweren Rückfall im Delikatessengeschäft nachgehen - und am Ende auch die Schlagzeile „Joschka zu fett für den Wahlkampf?“. So einfach ist das.

Sie wollen mir weismachen, daß jemand, der sein Privatleben kategorisch für sich behalten will, ungeschoren bleibt?

Selbstverständlich: Wer sein Privatleben privat lebt, bleibt privat. Da gibt es viele Beispiele: Jürgen Trittin, Otto Schily, Harald Schmidt, Unternehmer wie Quandt-Familie, Haub-Familie, Albrecht-Familie, auch viele Sportler und Showstars. Wer nicht selbst das Spiel eröffnet, muß auch nicht mitspielen.

Zur „Zeit“ haben Sie aber schon ein besonderes Verhältnis.

Ich habe kein Problem mit Kritik. Wie gesagt: Wir teilen aus, wir stecken ein. Was mich aber stört, ist Heuchelei. Ein Beispiel: Der Herausgeber der „Zeit“, Michael Naumann, beschimpft „Bild“ als den „Spitzenreiter der Verunglimpfung des politischen Personals“ und hält „die Politikerschelte, die dort Tag für Tag praktiziert wird, für die verheerendste Entwicklung in diesem Lande“. Aber der gleiche Michael Naumann ruft bei „Bild“ an, um mich auf seinen kommenden Leitartikel in der „Zeit“ aufmerksam zu machen, in dem er eine Urlaubssperre für alle Politiker fordert - das wäre doch eine tolle Kampagne für „Bild“. Fand ich überhaupt nicht. Auch Politiker haben Urlaub verdient. Deshalb habe ich abgelehnt. Aber man darf schon fragen: Gibt es irgendeinen Grundsatz im Leben dieser Leute, der länger als sechzig Sekunden hält? Und so geht es immerzu. Wir sind für die „Zeit“ die „Angstmacher“, aber sie machen große Reportagen über Hartz IV und die Betroffenen, die sich angeblich umbringen wollen, wenn die Arbeitslosigkeit droht. Das ist deren Definition von Anti-Populismus und verantwortungsvoller Berichterstattung.

Sie haben, wie viele andere, heftig gegen das „Caroline-Urteil“ protestiert. Von dem manche meinen, es spiele gar keine einschränkende Rolle. Was stimmt denn nun?

Mit dem „Caroline-Urteil“ hat der Europäische Gerichtshof entschieden, daß über Prominente nur im Bild berichtet werden darf, wenn und soweit sie in öffentlicher Funktion auftreten. Diese Entscheidung ist grundfalsch, weil sie jede Abwägung zwischen Privatsphäre und öffentlichem Informationsinteresse außer acht läßt. Die zentrale Aufgabe der Medien, die Selbstdarstellung von Politikern und Prominenten zu hinterfragen, wird wesentlich erschwert. Daß jemand privat Champagner säuft, obwohl er öffentlich Leitungswasser predigt, ist kaum noch dokumentierbar. Jeden Tag erhalten wir Schreiben von Anwälten, die unter Hinweis auf das „Caroline-Urteil“ und den Schutz der Privatsphäre versuchen, Berichterstattung zu verhindern.

Nehmen Sie den Fall des Schauspielers Bruno Eyron. Er ist im Fernsehen der Kommissar „Balko“. Herr Eyron äußert sich in Medien zu vielen und auch privaten Details seines Lebens. Nun hatte er im vergangenen Herbst auf dem Oktoberfest einmal keine so gute PR. Um unsere Berichterstattung zu stoppen, werden wir daher mit Verfahren überzogen, in denen kein Argument zu abwegig ist. So wurde von seinem Anwalt ernsthaft behauptet, Herr Eyron sei keine Person der Zeitgeschichte, über die man ohne Einwilligung berichten dürfe, weil er weltweit hinsichtlich seiner Bekanntheit nur auf Platz 59 834 der Schauspieler stehe - weltweit, wohlgemerkt. Als ob die Bekanntheit von Herrn Eyron auf Borneo oder bei den Eskimos für die Berichterstattung in Deutschland irgendeine Rolle spielt. Es geht hier um jemanden, dessen „Star-Nimbus“ von RTL propagiert wird. Doch nun soll er plötzlich eine ganz kleine Nummer sein. Aberwitzig.

Profanes Thema: Wieviel „Erotik“ braucht die „Bild“ eigentlich? Ihr Vorgänger wollte das Titelmädchen abschaffen. Heute sehen wir bei Ihnen blanke Busen auf jeder Seite.

Ja, das Titelmädchen war wohl mal in der Diskussion. Genausogut könnte man die rote Farbe von „Bild“ abschaffen. Erotik ist heute glücklicherweise eine selbstverständliche Sache, ist Teil der Unterhaltung, der Werbung, der Kunst. Manchmal ist es mehr, manchmal weniger. Sie haben wohl lange nicht mehr in die „Bravo“ geguckt.

Nein.

Im Ernst: Sex ist überall: Im „Tannhäuser“ in Bayreuth, in der „Serail“-Inszenierung an der Komischen Oper in Berlin, in den Parfum-Anzeigen, den Jeans-Spots, den Frauen-Magazinen. Dort übrigens vor allem. Gerade im Augenblick stürmt die erotische Literatur die Bestsellerlisten, und die Bücher werden auch in der F.A.Z. besprochen. Und da soll die Titelmieze von „Bild“ wirklich noch Anlaß zur Kritik sein?

Nicht so ansehnlich dürften Sie Ihre wirtschaftliche Lage finden. Die Auflage ist um mehr als 600.000 Exemplare runtergegangen. Das setzt Sie unter Druck.

Danke der Anteilnahme. Ist aber nicht nötig. Wir haben 2003 das beste Ergebnis unserer Geschichte erzielt und 2004 noch mal draufgelegt. Und das in der größten Medienkrise seit Gründung der Bundesrepublik. Seit 2000 haben die Zeitungen durchschnittlich dreißig Prozent ihrer Anzeigen verloren, die Vertriebserlöse stagnieren. Wir liegen bei den Anzeigenerlösen satt über dem Rekordjahr 2000 und haben bei den Vertriebserlösen um fast zwanzig Prozent zugelegt. Noch nie in der Geschichte hat „Bild“ am Kiosk und im Anzeigenmarkt so gut verdient wie heute. Gleichzeitig erreicht „Bild“ über 11,8 Millionen Leser. Das sind knapp 600.000 Leser mehr, als wir zu Zeiten der höchsten Auflage - 1983 mit 5,4 Millionen Exemplaren - hatten. Seit meiner Berufung zum Chefredakteur sind die Vertriebserlöse um 19 Prozent, die Umsatzrendite um 30 Prozent, die Erlöse abzüglich aller Kosten um 45 Prozent gestiegen. „Bild“ ist so profitabel wie nie zuvor.

Das ändert nichts an der Auflage.

Wer glaubt, daß die IVW-gemeldeten Auflagenzahlen für publizistischen oder gar wirtschaftlichen Erfolg stehen, hält die Erde auch für ein Wurstbrot. Die wichtigste Währung ist der Einzelverkauf - und nicht Abos oder sonstige Verkäufe. Wer wissen will, was los ist, muß auf die Abstimmung am Kiosk gucken. Wir erhöhen innerhalb von zwei Jahren den Preis von einst 70 Pfennig auf nun 50 Cent. Trotz Preiserhöhungen, trotz Arbeitslosigkeit, trotz Kaufzurückhaltung haben wir nicht nur unsere Leserschaft, sondern auch unseren Marktanteil kontinuierlich gesteigert. Vor zehn Jahren war „Bild“ gut für 75 Prozent aller Kaufzeitungen, die über den Ladentisch gingen - heute sind es über 81 Propzent.

Doch was passiert, wenn die Gratiszeitungen kommen?

Wer den Wind sät . . . Ich will hier nur sagen: Wir sind sehr gut vorbereitet. Und wir werden nicht nur reagieren, sondern auch selbst angreifen - dort, wo es Windsäern wirklich weh tut. Im übrigen sehe ich den Einstieg von Gratiszeitungen vor allem als journalistisches Problem: Ohne Vertriebserlöse ist man immer abhängig. Wie will ein anzeigenfinanziertes Gratisblatt über den VW-Skandal berichten, wenn VW ein großer Anzeigenkunde ist und ein zu scharfes Wort den gesamten Etat gefährdet? Und glauben Sie ernsthaft, die Metro-Zeitung in Stockholm kann ein kritisches Wort über die dortige Metro schreiben? Das Gratisblätter-Modell ist gefährlicher Unfug. In den meisten Ländern der Welt wird damit Geld versenkt, nicht Geld verdient. Und sobald es zwei oder mehr Wettbewerber gibt, funktioniert es wirtschaftlich gar nicht mehr. Diesen Wettbewerb aber wird es in Deutschland geben, sobald hier einer mit der Geldvernichtung anfängt.

Wie lange hält man sich eigentlich als „Bild“-Chefredakteur?

Der kürzlich verstorbene Pepe Boenisch ist mit zehn Jahren Rekordhalter auf diesem Stuhl. Damals hatte, wie er mir kurz vor seinem Tod fröhlich schilderte, die Bundesausgabe von „Bild“ vier Seiten Umfang, und es gab drei Regionalausgaben. Heute ist die Bundesausgabe üblicherweise sechzehn Seiten stark, und wir sind bei 38 Regionalausgaben. Andererseits war er ganz anderen ideologischen Anfeindungen ausgesetzt. Aber auch jetzt ist nicht alles vergnügungssteuerpflichtig. Wenn ich einen Beliebtheitswettbewerb gewinnen wollte, wäre ich am falschen Platz.

Wie steht es um Rücksichtnahmen innerhalb des Springer-Konzerns, erweitert um Pro Sieben Sat.1?

Auf so etwas kann ich gar keine Rücksicht nehmen. Sonst beschädige ich „Bild“ - und das will hier niemand, und ich werde es nicht tun. Wir brauchen große Themen, und die haben wir in der Vergangenheit zuallererst bei der Konkurrenz von Pro7/Sat.1 gefunden, nämlich bei RTL und den öffentlich-rechtlichen Sendern.

Und Ihr Verhältnis zu Mathias Döpfner?

Mathias ist nicht nur Chef, sondern ein Freund. Wir können leidenschaftlich über Schlagzeilen von „Bild“ streiten, und zuweilen äußert er sich auch in anderen Publikationen, was er von einigen Kommentaren in „Bild“ hält - oder eher was nicht. Aber er hält mir immer den Rücken frei. Ohne das könnte ich diesen Job auch nicht machen.

Sie haben also nichts und niemanden zu fürchten.

Doch: Daß uns Zeitungen wie F.A.Z. oder SZ unseren Daniel Küblböck, unseren Dieter Bohlen oder unsere Uschi Glas wegnehmen. Mit anderen Worten: Daß Boulevard-Themen so selbstverständlich werden, daß sie nicht mehr Alleinstellungsmerkmal von „Bild“ sind.

Dann werden Sie doch einfach seriöser.

Sie meinen, wir werden F.A.Z. und Sie werden „Bild“? Das ist mal ein Vorschlag! Auf die erste „Mieze“ auf der Titelseite der F.A.Z. freue ich mich schon jetzt!

Die Fragen stellte Michael Hanfeld.

Anmerkung der Redaktion: Einzelne Absätze des Gesprächs sind aus rechtlichen Gründen bis zu einer abschließenden Prüfung entfernt worden.

Quelle: F.A.Z., 15.09.2005, Nr. 215 / Seite 42
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