09.02.2006 · Ein Film über die Entführung Silvio Berlusconis, in Italien noch nicht gezeigt, feiert auf der Berlinale Premiere. Regisseur Jan Henrik Stahlberg über sein Werk, Anwälte im Schneideraum und die Suche nach einem Doppelgänger.
Von Jan Henrik StahlbergZu Bier und Nüssen wird in den Weihnachtstagen 2003, die wir mit Lucia Chiarlas Familie in Genua verbringen, so mancher Videoabend veranstaltet - das Fernsehen ist in Italien noch unerträglicher als in Deutschland. Lucia Chiarla ist Schauspielerin, meine Lebensgefährtin, Mutter unseres Sohnes und - was ich in diesem Moment noch nicht weiß - auch Hauptdarstellerin und Co-Autorin meines nächsten Films.
Eines Abends ist es dann soweit: „Buongiorno notte“ von Marco Bellocchio wird eingelegt. Es geht um die Entführung von Aldo Moro - und als der Film zwei Stunden später zu Ende ist, diskutieren Lucia und ich heftig darüber, ob es nicht langsam an der Zeit wäre, einen Film über einen aktuellen Politiker zu machen. Ich sage, daß es mich viel mehr interessieren würde, wenn man im Film einen Politiker entführen würde, der wirklich Dreck am Stecken hat. Es braucht nicht lange, da gucken Lucia und ich uns in die Augen und wissen: Wir sind da auf eine Idee gekommen, die allen Weihnachtsspeck, Kapaun und Ravioli jetzt völlig vergessen läßt und unser Leben (was wir Gott sei Dank in diesem Moment noch nicht in letzter Konsequenz wissen können) die nächsten drei Jahre bestimmen wird. Wir drehen einen Film über die Entführung von Silvio Berlusconi!
Warum gibt es so einen Film noch nicht?
Lucia und ich trinken noch so manches Bier zu so mancher Zigarette an jenem Abend in einer verwanzten Kneipe am Hafen, weil wir ganz aufgeregt sind: Worum muß es in diesem Film gehen? Wer spielt Berlusconi? Warum gibt so einen Film noch nicht, und wenn nicht in Italien, dannn woanders auf der Welt? Warum hat noch kein russischer Filmemacher Putin oder sein amerikanischer Kollege Bush entführt?
Drei Tage später habe ich den ersten Entwurf unserer Idee meinem Anwalt zugefaxt, sitze im Flieger nach Berlin über den Wolken und sprudele über vor Ideen und Vorfreude. Der Film muß total dokumentarisch wirken, Berlusconi muß von einem perfekten Doppelgänger gespielt werden, die Entführer müssen zwar sympathisch sein, aber gleichzeitig töten sie die Eskorte. Der Zuschauer soll hin- und hergerissen werden zwischen Mitleid und Haß.
Vier Stunden später sitze ich betrunken und sehr müde in der Küche und höre meinem Anwalt zu, der mir freundlich erklärt, daß es einen Grund gibt, warum bisher weder Bush noch Putin, noch sonstwer im Film entführt wurde. Es geht ganz einfach nicht - juristisch gesehen.
Es gibt kein Rezept
Lucia ist am Boden zerstört. Ich berichte ihr wieder und wieder, daß der Film klar als Satire erkennbar sein müsse, wenn man überhaupt einen lebenden Menschen entführen wolle und der Tatbestand der Entführung - selbst einer Person der Zeitgeschichte, was ich gerade gelernt habe - gegen die Menschenwürde verstößt. Lucia fragt mich, ob es hilft, die Entführer mit Masken oder mit Schleifen im Haar auftreten zu lassen, und versteht nicht, was denn genau eine Satire sei? Ich rufe meinen Anwalt wieder an, weil auch ich es nicht verstanden habe, und der meint, das sei genau das Schwierige, weil jeder Richter anders reagiere und er uns kein Rezept anbieten könne. Sonst wäre er nicht Anwalt, sondern Drehbuchautor. Ich lege auf und trinke ein Bier. Mittlerweile haben wir bei sieben Anwälten, in Italien und Deutschland, Meinungen eingeholt, und es ist tatsächlich so: Auch jetzt, vor unserer Premiere auf der Berlinale, können wir weder wissen, wie ein deutscher Richter, noch wie sein italienischer Kollege entscheiden wird, wenn Berlusconi wirklich klagt.
Ich hätte diesen Film ohne Lucia nie gemacht. Das wird mir klar, als ich aus meinem Kater vom Telefon geweckt werde und ihre euphorische Stimme die Lösung präsentiert: Die Panzerknacker entführen ihn! Mickymaus! Ich verstehe nichts. Mickymaus? Lucia fährt fort: Könne man keinen Film über Berlusconi machen, dann hieße er halt Mickymaus und würde von den Panzerknackern entführt. Rom würde zu Entenhausen, Tick, Trick und Track zu seinen Gehilfen und so weiter. Ich sage, daß wir so Gefahr liefen, lächerlich zu werden. Lucia insistiert, sie habe schon mit einem Anwalt in Rom gesprochen, er fände das eine gute Idee. Zumindest juristisch wäre das einwandfrei.
Wenn Berlusconi abgewählt wird
Als ich meinen Anwalt kurz darauf anrufe, findet der das tatsächlich auch eine gute Idee, warnt mich aber vor Disney. Die seien noch sensibler als Berlusconi selber, und dann hätten wir, wenn wir deren Figuren in den Schmutz zögen, gleich zwei Schlachten zu schlagen. Ich sage, daß sie ganz im Gegenteil unsere Helden seien, aber mein Anwalt meint nur, das käme aufs gleiche hinaus. Doch immer wieder kommt diese Idee in Lucia und mir hoch, auf Empfängen frage ich vorsichtig an, ob jemand schon mal was von Berlusconi gehört habe, abends arbeiten wir weiter am Drehbuch, und wir wissen: Bis April 2006 müssen wir den Film fertig haben, denn dann wird Berlusconi abgewählt. Hoffen wir.
Ende 2004: In Genua wird das Drehbuch zwar als tolle Idee bejubelt, aber einen Produzenten findet es nicht - die Gefahr, damit seinen Job zu verlieren, ist absolut real in einer Branche, die von Berlusconi mit harter Hand geführt wird. Kritiker sind arbeitslos.
Tod eines Schauspielers
Neben all den juristischen Problemen kommen die finanziellen dazu, und wieder sieht es so aus, als würden unsere Bemühungen keine Früchte tragen. In Italien springt uns der Anwalt ab, weil er einen Auftrag für Berlusconi übernimmt, Freunde geben unter fadenscheinigen Begründungen kund, nicht mitmachen zu wollen, und schließlich passiert das Schlimmste: Lucias guter Freund Claudio, Schauspieler und als einer der Entführer schon fest im Boot, stirbt.
In diesem Moment sieht es recht finster aus, aber ich weiß noch, daß wir in diesem Moment gesagt haben, wenn es wirklich soweit kommt, daß wir den Film machen können, dann widmen wir ihn Claudio. Worauf ich wirklich sehr stolz bin, daß dem nun wirklich so ist.
Während dieser Zeit der Tristesse kommt der rettende Gedanke: Warum sollen wir nicht all diese Probleme, die wir haben, um diesen Film zu drehen, im Film zeigen? Warum erzählen wir nicht einfach die Geschichte eines Drehteams aus Genua, welches in einem heruntergekommen Hotel ohne Geld unter widrigsten Umständen versucht, heimlich über den übermächtigen, den starken Mann Italiens, siebtreichsten Mann der Welt, einen Film zu drehen? Und nur juristische Probleme kennenlernt, Drehgenehmigungen und Unterstützung verwehrt bekommt und langsam, aber sicher auch einfach Schiß vor der eigenen Courage kriegt und sich verfolgt fühlt?
Dampf im Getriebe
Als wir diese Geschichte dem Produzenten Martin Lehwald von Schiwago-Film erzählen, kommt endlich Dampf ins Getriebe: Kurzentschlossen, ohne ein Wort Italienisch zu sprechen, sagt Martin zu. Wir fahren nach Genua, finden erste Drehorte und haben dann auch mal Glück. Und wenn ich meine Glück, dann ist das so was wie ein Sechser im Lotto: Beim Casting für Micky Laus - ja, Sie lesen richtig, Mickymaus geht aus juristischen Gründen nicht - finden wir ihn: Maurizio Antonini, Schuhverkäufer aus Rom - der perfekte Doppelgänger, der Mann, der Silvio Berlusconi so dermaßen ähnlich sieht, daß ich mir beim ersten Kennenlernen die Frage stelle: Wie konnte der nur so schnell von unserem Film hören?
Alles wird gut: Vier Monate später, im Winter 2004, sitzen wir im frostigen Genua und schlagen die erste Klappe, drehen mit großer Geschwindigkeit, kleinem Team und wenig Geld einen abendfüllenden Kinofilm über Europas korruptesten politischen Führer. Die Bänder werden sofort kopiert, nach Deutschland gebracht, die Paranoia der Figuren ist nur noch schwer von unseren echten Gefühlen zu unterscheiden. Der Film wird in Berlin geschnitten, und unser neuer Anwalt sitzt im Schneideraum mal daneben, mal bekomme ich ein Fax aus der Kanzlei, was man am besten doch rausschneiden sollte, wenn man nicht schon in erster Instanz gegen Berlusconis Anwälte untergehen will. Und dann ist der Film im Winter 2005 fertig. Rechtzeitig zu den Wahlen in Italien, die am 9. April 2006 entschieden sein werden.
In Italien wurde dieser Film bis jetzt noch nicht aufgeführt. Alle italienischen Festivals, Verleiher und Sender haben ihn abgelehnt. Doch nun kommt er, ob Berlusconi will oder nicht, mit großer Hoffnung, Kribbeln und Vorfreude auf die Berlinale.