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Berlinale Wir sind alle Berliner, aber das macht nichts

12.02.2007 ·  Ein gutes Drittel des Wettbewerbs ist um. Auffällig ist die Radikalität, mit der die Filmemacher der Vereinigten Staaten ihre Stoffe erzählen. Vor allem „Der gute Hirte“ zeigt akribisch die Lügen und Täuschungen aus der Zeit des Kalten Krieges.

Von Michael Althen
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In Anlehnung an Lubitsch könnte man sagen: Es gibt das Berlin von Fassbinder, von Soderbergh, von De Niro und das Berlin in Deutschland. Aber anders als bei Lubitsch, der das pariserischste Paris bei der Paramount und nicht in Frankreich ortete, hat das Berlin, in dem dieses Festival stattfindet, die Deutungshoheit behalten, indem es pünktlich zu Beginn mit dem berlinerischsten Februarwetter aufwartet, das es zu bieten hat.

In den letzten Jahren hatte ja die gute Laune des Festivalchefs sogar für gutes Wetter gesorgt, diesmal fühlt sich das Festival wieder so grau und kalt an wie unter dem Vorgänger De Hadeln. So gesehen könnte man vielleicht sagen, dass das berlinerischste Berlin mal wieder das der Berlinale ist. Dazu passt dann auch, was Cate Blanchett in Soderberghs „Good German“ sagt: „Berlin entkommt man nie wirklich.“

Erzählerische Entwürfe radikal vorgetragen

Die drei amerikanischen Wettbewerbsbeiträge, die auch gleich im Wochenrhythmus in unsere Kinos kommen werden - Robert De Niros „Der gute Hirte“, Clint Eastwoods „Letters from Iwo Jima“ und eben Soderbergh - haben insofern überrascht, als sie ihre erzählerischen Entwürfe mit einer ungewohnten Radikalität vortragen, wie sie eigentlich das oberste Gebot Hollywoods verletzt, wonach man immer als Erstes an den Zuschauer denken soll.

Auf Eastwoods düsteres, geradezu höhlenartiges „Letters from Iwo Jima“, das japanische Gegenstück zu „Flags of Our Fathers“ werden wir noch zurückkommen, über Soderberghs palimpsestartige Übermalung der amerikanischen Nachkriegs-Melodramen aus den Vierzigern ist schon gesprochen worden, wobei die penible Art, mit der er alte Warner-Filme bis in Einstellungsgrößen nachahmt, fast schon etwas von jenen Kunstprojekten hat, die im Grenzbereich des Kinos Wahrnehmungsmuster in Frage stellen, indem sie den Bildern einen Spiegel vorhalten, der ihre Differenz zum Original kenntlich macht.

Quälend und faszinierend

Und auch Robert De Niro, dessen Unauffälligkeit als Regisseur von „A Bronx Tale“ im umgekehrten Verhältnis zu seiner Präsenz als Schauspieler stand, hat genau daraus eine Tugend gemacht und erzählt in „The Good Shepherd“ die Geschichte eines Mannes, dessen Haupttugend die Unauffälligkeit ist. Und er tut das mit einer Akribie, die auf 167 Minuten manchmal quälend, aber auch unglaublich faszinierend ist.

Der Film dreht sich beinahe um nichts - obwohl es natürlich um alles geht, namentlich darum, wie die CIA wurde, was sie ist -, der Held scheint sich vor unseren Augen aufzulösen und mit ihm beinahe auch Matt Damon, der Star, der ihn spielt, so dass man auch hier von verschärfter Dekonstruktion sprechen könnte, wie man sie eher im Museum, wenigstens aber im kunstsinnigeren Forum der Berlinale vermuten würde.

Ausdruckslos hinter Brillengläsern

„Der gute Hirte“ fängt an mit einem Jungen, dem sein Vater einschärft, man dürfe nie lügen, und dessen Leben in der Folge zu einer einzigen großen Lüge wird, weil er der erste Chef der amerikanischen Gegenspionage im Kalten Krieg wird. Matt Damon spielt das hinter Brillengläsern so ausdruckslos wie möglich, ein Mann, dessen Zugriff aufs Leben so lustlos und schwach ist, dass er die einzige Erregung offenbar nur noch darin findet, aus Lügen und Täuschungen etwas zu spinnen, was er für das Leben hält.

In dieser bis aufs Grunde ihres Herzens eiskalten Scheinwelt der Spionage tummeln sich in mehr oder weniger bedeutenden Rollen weitere Stars wie Alec Baldwin, William Hurt, Timothy Hutton, John Turturro, Billy Crudup und eben auch Martina Gedeck und Angelina Jolie, die als verschmähte Gattin eine so eklatante Fehlbesetzung ist, dass es im Kontext des Films fast schon wieder konsequent ist. Denn als Regisseur scheint es De Niros Projekt, den Schauspielern den Glamour auszutreiben - und das ist ja auch nur folgerichtig in einer Welt, in der der Einzelne nur ein Rädchen im Spiel der Mächte ist.

Ruzowitzky versteht es zu fesseln

Verglichen mit den Amerikanern wirkte Stefan Ruzowitzkys Beitrag „Die Fälscher“ geradezu hollywoodesk konventionell, indem er auf klare Konflikte und zügiges Erzählen setzte. Seine Geschichte über die Fälscherwerkstatt im KZ Sachsenhausen, in der die Nazis Pfund- und Dollarblüten herstellen ließen, um die Wirtschaftskraft des Feindes zu schwächen, ist der Beweis, dass Ruzowitzky bei „Anatomie“ gelernt hat, wie man die Zuschauer fesselt.

Karl Markowics spielt das Fälschergenie, das nur am eigenen Überleben interessiert ist, August Diehl das aufrechte Gegenüber, das an Widerstand um den Preis des eigenen Lebens glaubt. Den Raum zwischen den beiden nutzt der famose Devid Striesow für eine furchterregend ambivalente Darstellung des SS-Mannes, dem die Fälscherwerkstatt untersteht. Der Film ist manchmal vielleicht schlicht gestrickt, ohne aber die Komplexität des Themas zu verraten, und treibt die Dinge auf eine Weise voran, die man eher anderswo vermutet hätte.

Zum Beispiel bei Park Chan-wook, der aber die Schwerkraft seiner Rache-Trilogie hinter sich gelassen hat und sich in bonbonbunten Träumereien verliert. Aber der Titel seines Films wird uns noch viel Freude bereiten: „Ich bin ein Cyborg, aber das macht nichts.“

Quelle: F.A.Z., 12.02.2007, Nr. 36 / Seite 35
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