Home
http://www.faz.net/-gs6-15j1r
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Berlinale Wie lange wird der Film das Kino noch brauchen?

08.02.2010 ·  Die Berlinale versammelt von Donnerstag an die Filmliebhaber aus aller Welt. Doch gibt es über solche Festivals hinaus noch das Gefühl, im Kino etwas Besonderes zu sehen? Wo alle Filme im Netz oder auf DVD bereitstehen, steht das Kino vor seiner größten Herausforderung.

Von Michael Althen
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (3)

Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, um noch mal so richtig ins Horn zu stoßen. Denn die Berlinale begeht ihren sechzigsten Geburtstag und feiert das Kino nicht nur als Kunst, sondern ausdrücklich auch als Ort. Sie bezieht zehn Stadtteilkinos ins Festival ein und verwandelt für die Uraufführung des restaurierten „Metropolis“ die Stadt ums Brandenburger Tor in ein Kino.

„Vorhang auf!“ lautet das Motto, das eine theatralische Geste beschwört, mit der Kinos, die sich das noch leisten können, an eine glanzvolle Vergangenheit anzuknüpfen versuchen, an einen Luxus, der unserem Umgang mit bewegten Bildern eine Exklusivität verleihen will. Der Vorhang verheißt eine Einmaligkeit, an die man nur allzu gern glaubt. Aber diese Illusion ist immer fadenscheiniger geworden, weil man im Unterschied zu früher weiß, dass man das, was man sieht, bald auf DVD kaufen oder herunterladen und immer und immer wieder sehen kann. Diese Verfügbarkeit wird auf Dauer dem Kino nicht nur den Schlaf rauben, sondern auch seine Träume. Aber ein Festival lang kann man weiterträumen und so tun, als sei der Vorhang immer noch das Tor zu einer Welt, die anders nicht zu haben ist. Träum weiter, Berlinale . . .

Am Geburtsort des Kinos

Bleiben wir bei „Metropolis“, der nicht nur das Großereignis dieser Berlinale bildet, sondern auch einige topographische Bezüge hergibt, was das Kino in dieser Stadt angeht. Seine Premiere fand am 10. Januar 1927 im Ufa-Palast am Zoo statt, an dessen Stelle dreißig Jahre später der Zoo-Palast errichtet wurde. Ihm gilt dieses Jahr besonderes Augenmerk, weil er bis zum Jahr 2000 das Flaggschiff des Festivals war und nun zwar doch als Kino erhalten bleibt, aber sein 1200 Leute fassender Saal die Übernahme durch die Bayerische Bau- und Immobiliengruppe wohl kaum überleben wird. Wer den Sternenhimmel über diesem Text noch mal in echt sehen will, wird sich also beeilen müssen.

Und wenn „Metropolis“ dann am 12. Februar im Friedrichstadtpalast und auf dem Pariser Platz gleichzeitig aufgeführt wird, dann werden die wenigsten wissen, dass genau dazwischen, Ecke Friedrich- und Dorotheenstraße, das Central-Hotel stand, in dessen Wintergarten-Varieté am 1. November 1895 die Geburt des Kinos stattfand, als die Brüder Max und Emil Skladanowsky erstmals bewegte Bilder einem zahlenden Publikum präsentierten. (Berlin wäre vielleicht nicht schlecht beraten, dieser Stelle mit einer Tafel zu gedenken.)

Das Glück vor dem Abstieg

Man darf sich nichts vormachen: Zweifel an der Zukunft des Kinos sind so alt wie das Kino selbst. Es war 1912, als Walter Rathenau bei einer Umfrage sagte: „Die Kinos werden wie Leierkasten, Karussell, Menagerie, Schaubude, Phonograph bestehen, Glück und Abstieg erleben, neue Reizungen vorbereiten und in Afrika enden.“ Das ist einer der schönsten, traurigsten und sicher hellsichtigsten Sätze, die zu dem Thema geäußert wurden. Er bedenkt die Schaustellerherkunft und den Jahrmarktsaspekt des Kinos, er erahnt „neue Reizungen“, von denen Rathenau noch gar nichts wissen konnte, wie Ton- und Farbfilm, Scope und 3-D, und er weiß schon, dass die ganzen Gerätschaften als technologisches Gerümpel in der Dritten Welt ihrem Ende entgegendämmern werden, weil sie für die Anforderungen einer digitalen und drahtlosen Zukunft zu sperrig, zu analog sind.

Wie das im Einzelnen aussehen wird, ahnte Rathenau 1912 natürlich noch nicht, aber es ehrt ihn, dass er vor dem Abstieg ein Glück imaginierte, das in der Tat Generationen verzückt hat und an dessen Fortbestand sie selten so stark zweifeln mussten wie heute. Und was dieses Glück und die Berlinale angeht, so wäre man zum Beispiel gerne im Juni 1960 dabei gewesen, als Godards „Außer Atem“ im Wettbewerb lief - allein schon um zu denken, dass es tatsächlich die unmittelbare Gegenwart gewesen ist, durch die das amerikanische Mädchen mit dem „Herald Tribune“-Hemdchen über die Champs-Elysées lief.

Das Kino als Ort

Glück und Abstieg, warum schien das immer schon so eng verbunden, von Anfang an? Rathenau wusste ja nicht, dass sein Satz sich nur auf die Präsentationsform dieser Kunst beziehen würde, weil ihre Bilder sich irgendwann emanzipieren würden von dem, was Alfred Döblin 1909 als „mannshohes Leinwandviereck über einem Monstrum von Publikum“ bezeichnete, „welches dieses weiße Auge mit seinem stieren Blick zusammenbannt“. In der Tat brauchten die bewegten Bilder irgendwann dieses Monstrum nicht mehr so, wie Rathenau und Döblin das kannten. Die Masse ja, aber nicht zur selben Zeit im selben Raum. Ob das nun mit dem Aufkommen des Fernsehens begann und durch VHS, DVD und Download nur beflügelt wurde, ist eine müßige Frage, solange das Kino auch als Ort offenbar noch profitabel genug ist, um es in dieser Form weiter zu betreiben. Die Frage ist eher, inwiefern das Kino als Kunstform tatsächlich auf das Kino als Ort angewiesen ist - oder ob es nicht auf anderen Kanälen auch überleben und sich vielleicht sogar weiterentwickeln kann.

Womöglich muss man deshalb doch noch einmal ganz grundsätzlich fragen: Was ist das eigentlich? Kino?

Gründungsmythos einer Leidenschaft

So wie wir es kennen, steht es für die Erfahrung, gegen Geld in Gegenwart anderer in einem dunklen Saal einen Film anzusehen. Das ist so selbstverständlich, dass wir kaum darüber nachdenken, wie viel dieses Zauberwort „Kino“, sein Glanz, seine Magie und Größe zu dem beitragen, was wir am Film lieben.

Das Wunder besteht darin, sich in Gegenwart anderer so sehr einer Erfahrung zu öffnen. Manchmal gibt es ja tatsächlich den Impuls, sich umzublicken und das eigene Staunen oder Glück zu teilen. Aber mit dem Gemeinschaftsgefühl im Kino ist es so eine Sache; die eigentümliche Art, wie dort Intimität und Anonymität, schweigendes Erleben und Artikulationsbedürfnis vor einem Bewegtbild aufeinanderstoßen, fügt sich zum schwammigen Gefühl, das wir Kino nennen. Diese Magie des gemeinschaftlichen Erlebens im dunklen Saal, der gebannt einem Lichtstrahl folgt, wurde oft genug beschworen - und irgendwie taugt sie ja auch gut als Gründungsmythos einer Leidenschaft. Aber wenn man sich aufrichtig prüft, wird man feststellen, dass man oft genug erlebt hat, dass man einen Film im Fernsehen gesehen hat und dessen Wirkung kaum geringer schien. Das war nicht Kino, aber Fernsehen wollte man es auch nicht nennen. Das Bild war kleiner, es sah schlechter aus, aber die Faszination war dieselbe. Ein Film ist ein Film ist ein Film.

Verortung des Kunsterlebens

Und wer würde einem Sechzehnjährigen, dem man einen Film nahebringen möchte, ernsthaft sagen, er könne dessen Kraft nur in einer Kinovorführung ermessen, obwohl man ihn auf DVD besitzt und auf dem heimischen Großbildschirm oder Beamer vorführen könnte? Wie viel unterscheidet die echte Mona Lisa hinter Panzerglas im Louvre von einer hochauflösenden Darstellung auf dem heimischen Computer? Das sind Fragen, die ans Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit rühren und die immer nur Fragen aufwerfen, um deren Beantwortung wir uns herumdrücken, weil wir Angst haben, jene Aura zu zerstören, die Kunst umgibt.

Die rapide zunehmende Allgegenwärtigkeit und Verfügbarkeit von Information, die auch alle künstlerischen Ausdrucksformen umschließt, beraubt die Erfahrung, sich in einem Kunstwerk wiederzufinden, ihrer Weltläufigkeit. Natürlich reden wir uns ein, die Verortung einer Kunsterfahrung trage wesentlich zum Erleben bei, aber die Erinnerung, wann und wo ich einen Film gesehen habe, hat sich womöglich nur deswegen so nachhaltig ins Gedächtnis eingeschrieben, weil es eben keine Alternativen, kein Internet gab. Man muss sich ja nur mal vor Augen führen, dass das Verschwinden der Kinos von den Boulevards nicht nur den Film seiner Schaufensterfunktion beraubt, sondern ihm auch ein Exil in Multiplexen und an Stadträndern beschert, deren Anonymität eine Ortlosigkeit bedeutet, die sich von der des Netzes kaum unterscheidet.

Monströse Gemeinschaften

Sicher ist es sexy und bereichernd, sich zu erinnern, dass man Truffauts „Schießen Sie auf den Pianisten“ an einem verregneten Abend in einem Kino am Montparnasse gesehen hat, aber schon bei meinem Lieblingsfilm „The Party“ von Blake Edwards, den ich an der Place Denfert-Rochereau in Paris im Kino gesehen habe, muss ich zugeben, dass ich ihn vorher schon zweimal im Vormittagsprogramm des ORF gesehen hatte und die Kinoerfahrung dem Spaß wenig hinzugefügt hat. Und wenn man nun den Film im Kino 7 irgendeines Shopping-Mall-Kinos gesehen hätte, dessen Leinwand nicht größer war als die Beamer-Projektion zu Hause?

Gerade als Filmkritiker ist das eine Wahrheit, die auszusprechen man scheut, weil man darauf konditioniert wurde, dass das Glück nur im Kino eine Heimat hat. Aber das ist nicht so. Denn womöglich ist das Glück längst auf YouTube zu Hause. In Schnipseln, in den Grauzonen des Copyrights, im Nebel ungenügender Darstellung. Was an körperlicher Gegenwart Gleichgesinnter dort fehlt, wird womöglich durch jene andere Gewissheit ersetzt, im selben Moment mit jenem Monstrum von Publikum eins zu sein, das irgendwo auf der Welt auch vorm Monitor sitzt. Wollen wir das noch Kino nennen?

Am nächsten Donnerstag beginnt die Berlinale - und Festivals sind die letzten Orte, an denen man sicher sein kann, dass das, was man sieht, nicht zur selben Zeit schon irgendwo zum Download bereitsteht. Man steht Schlange, man lässt sich von dem weißen Auge mit seinem stieren Blick zusammenbannen, das Hier und Jetzt ist spürbar. Man weiß wenig oder nichts über den Film - alles Glück ist möglich. Der Abstieg kommt noch früh genug.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Eingeführte

Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr