14.02.2007 · Als habe plötzlich jemand ein Fenster aufgemacht, durch das frische Luft hereinzuströmen scheint, weil man endlich mal einen Blick aufs wirkliche Leben erhaschen kann: Filme von André Téchiné und Paul Schrader im Berlinale-Wettbewerb.
Von Michael AlthenWenn man sich einigen müsste, welchen Satz man vom bisherigen Festival aufheben möchte für den eigenen Zitatenschatz, dann wäre es jener, den Lauren Bacall in Paul Schraders „Walker“ sagt: „Die Erinnerung ist eines der unzuverlässigsten Organe des Menschen - gleich nach dem Penis.“ Das klingt natürlich noch besser, wenn man sie dabei sieht, wie dabei ihre Augen blitzen, wenn sie sich in ihrem immer majestätischeren Äußeren als Schandmaul gefällt.
Der Satz würde allerdings auch gut als Motto für André Téchinés „Les témoins“ (Die Zeugen) taugen, der von den Erinnerungen an die Zeiten der Liebe vor dem Ausbrechen von Aids erzählt. Michel Blanc, Emmanuelle Béart, Sami Bouajila und Johan Libereau bilden ein Beziehungsviereck, das seine Form unablässig ändert und in dem die Leichtfüßigkeit, mit der die Liebe vom einen zum anderen springt, nichts daran ändert, dass den Leuten das Herz oft schwerer wird, als sie ertragen können. Und es war, als habe im Wettbewerb plötzlich jemand ein Fenster aufgemacht, durch das frische Luft hereinzuströmen scheint, weil man endlich mal einen Blick aufs wirkliche Leben erhaschen kann.
Woody Harrelson muss selbst erwachsen werden
Téchiné öffnete einem die Augen, wie viel Kunstbemühen bisher im Wettbewerb am Werk war, wie viel Gewolltes und Ausgedachtes, und wie befreiend das ist, wenn jemand einfach mal nur davon erzählt, was Menschen verbindet und was sie auseinandertreibt, ohne dabei gleich schmucklos oder fahrig zu werden. Wie einst Godard komponiert Téchiné seine Bilder um die Farben Rot, Gelb und Blau, die wunderbare Musik stammt von Philippe Sarde, und die Art und Weise, wie vom Einbrechen des Virus erzählt wird, ist ein Schlag ins Gesicht des Thesenkinos, wie es sonst in Wettbewerben gepflegt wird.
Paul Schrader war auch nie an Thesen, sondern an Stil interessiert. In „The Walker“, der außer Konkurrenz gezeigt wird, führt er fort, was er in „American Gigolo“ und „Light Sleeper“ begonnen hatte, die nun zusammen mit „Taxi Driver“, zu dem Schrader das Drehbuch geschrieben hatte, eine sehr lose gefügte Tetralogie über Schuld und Sühne bilden.
Woody Harrelson ist als schwuler Südstaaten-Beau, der als Walker reichen Damen Gesellschaft leistet, eine genauso abenteuerliche Besetzung wie Moritz Bleibtreu als sein Geliebter, aber wie er sich im Netz von Kristin Scott Thomas, Lauren Bacall und Lily Tomlin verstrickt, ist auch wieder eine rührende Hommage an den „American Gigolo“, dessen Themen alle wiederkehren. Der entscheidende Unterschied ist nur, dass der Walker nicht durch eine Frau erlöst wird, sondern selbst erwachsen werden muss. Lange genug hat er gebraucht.