13.02.2006 · Im Wettbewerbsprogramm der Berlinale: Bei Chen Kaige riechen selbst die Liebesszenen nach Plastik, Terrence Malick will eine Liebesgeschichte erzwingen, und Michael Glawogger weckt Gefühle für einen Sandler auf dem Heimweg.
Von Andreas KilbVielleicht muß man, um Terrence Malicks „New World“ wirklich schätzen zu können, Chen Kaiges neuen Film „Wu Ji - Die Reiter der Winde“ gesehen haben. Denn einen noch künstlicheren, noch weltloseren, noch beliebigeren Film als den von Chen gibt es auf der diesjährigen Berlinale nicht.
„Wu Ji“ erzählt eine Geschichte „aus alten Zeiten“ - wie es immer dann heißt, wenn man über keine vergangene Zeit irgend etwas Genaueres erzählen will - von einem Mädchen, das mit den Göttern Chinas einen Handel schließt: Dafür, daß es mit unwiderstehlicher Schönheit gesegnet wird, soll es mit keinem seiner Liebhaber glücklich werden. Der Bann soll nur gebrochen werden, „wenn die Zeit rückwärts fließt und die Toten auferstehen“, was am Ende erwartungsgemäß geschieht.
Wie in einem Computerspiel der mittleren Kohl-Ära
Bis dahin reiht „Wu Ji“ eine digital aufgemotzte Actionszene an die andere, freilich in einer Discounter-Qualität, welche die amerikanische Filmindustrie schon seit zehn Jahren ihren Kunden nicht mehr anzubieten wagt. Gleich nach dem erklärenden Prolog folgt eine Schlacht, bei der eine Herde Stiere in die Reihen der feindlichen Armee getrieben wird und der Held der Geschichte den Langhörnern glatt davonläuft, was man vielleicht glauben würde, sähe es nicht aus wie in einem Computerspiel der mittleren Kohl-Ära. Aber selbst die Liebesszenen, bei denen Qingcheng (Cecilia Cheung) ihren kalten Charme verströmt, sind mit diesem Plastikgeruch imprägniert, sie treiben den Körpern alle Sinnlichkeit aus und entwürdigen sie zu bloßen Zeichen, fleischfarbenen Schablonen im Pixeltopf des Regisseurs.
Chen Kaige war in den achtziger und frühen neunziger Jahren einer der Meister des neuen chinesischen Kinos, in „König der Kinder“ und „Lebewohl, meine Konkubine“ hat er die Wirren und Qualen der Kulturrevolution präziser geschildert als sein Regisseurskollege Zhang Yimou. Dafür, daß er jetzt Filme wie „Wu Ji“ macht, gibt es außer dem Lockruf des Geldes keine plausible Erklärung. In anderen Künsten wären solche Richtungswechsel undenkbar: Peter Handke schreibt keine Mittelalterthriller im Stil von Dan Brown, und Hans Werner Henze wird auch bei guter Bezahlung keine Songs für Roland Kaiser komponieren. Nur das Kino kennt den Typus des gefallenen Regisseurs, der alles verrät, wofür er einmal gestanden hat. Chen Kaige wird nicht der letzte sein.
Die Schönheit der Wildnis in rauschhaften Bildern
Terrence Malick hat das Gegenteil von Chen getan, er ist sich auf eine faszinierende, manchmal auch beängstigende Weise treu geblieben. „The New World“, sein Film über die Ankunft der ersten Siedler in Nordamerika, sieht genau so aus, wie man es von Malick erwarten durfte. Unter Blechbläserwolken aus Wagners „Rheingold“ segeln drei britische Schiffe in die Mündung des James River im späteren Virginia hinein, neugierig und mißtrauisch beobachtet von den Indianern, denen das Land gehört. Zwischen der Häuptlingstochter Pocahontas (Q'Orianka Kilcher) und dem jungen Captain Smith (Colin Farrell) beginnt eine Liebesgeschichte, die wie alle solchen Romanzen von Anfang an auch eine Geschichte der beiden Völker ist, der Europäer und der Eingeborenen, der „Wilden“ und der Zivilisation.
Daß Malicks Sympathie dabei eher den Entdeckten als den Entdeckern gehört, ist keine Frage. Schon in seinem Kriegsfilm „Der schmale Grat“, mit dem er 1999 in Berlin den Goldenen Bären gewann, hat er in rauschhaften Bildern die Schönheit der Wildnis beschworen, die Fremdheit des Menschen darin, die Tragik des Mordens im Herzen der Natur. Auch in „The New World“ bleibt das grüne Paradies ästhetisch Sieger, während es zugleich historisch unterliegt, auch diesmal leuchtet die Welt vor dem Sündenfall im Augenblick ihres Geschändetwerdens noch einmal verführerisch auf, aber diesmal sind die Gewichte der Erzählung anders verteilt, denn im Mittelpunkt steht nicht der Krieg, sondern die Liebe. Das bedeutet, daß Terrence Malick jenem John Smith, der doch eigentlich der Inbegriff des Kolonisten ist, einen moralischen Vorschuß geben muß, daß er die Gier des Engländers als echte Zuneigung, sein Eindringen in den Alltag der Indianer als Lernvorgang zu zeichnen genötigt ist, damit die Love Story einen Rest von Plausibilität behält.
Der Brückenschlag zwischen den Kulturen findet nicht statt
Und damit tut Malick sich schwer. Nicht zufällig steht Colin Farrell oft vor Emmanuel Lubezkis Kamera herum, als hätte er sich aus einem anderen Film hierher verirrt, nicht zufällig wirken die Szenen in der englischen Siedlung, die eher einem vormodernen Internierungslager gleicht, gekünstelt und desinteressiert. Denn die beiden Welten vereinen sich nicht, der Brückenschlag zwischen den Kulturen, den die (zu den amerikanischen Gründungsmythen gehörende) Liebesgeschichte zwischen Smith und Pocahontas behauptet, findet in Wahrheit nicht statt. Malick aber will ihn erzwingen, und zum Werkzeug dieses ästhetischen Kraftakts macht er Q'Orianka Kilcher, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten vierzehn Jahre alt war. Daß Kilchers Pocahontas den Engländer wirklich liebt, muß man ihr glauben, denn in ihrem Gesicht sieht man es nicht; darin malt sich nur ein ungeheures Staunen, wie es allen jungen Mädchen, die in Hollywoodfilmen mitspielen, eigen ist. Dieses Staunen (und Colin Farrell wackeres Begehren) aber ist zuwenig, um den Film zusammenzuhalten. So klafft ein Riß in der Geschichte, der durch kein schönes Bild, keine hypnotisierende Kamerafahrt zu kitten ist.
In der letzten Viertelstunde dieses gut zweistündigen Films geschieht etwas Wunderbares. Die Handlung springt nach England, und alle losen Enden der Geschichte rasten ein. Pocahontas, die inzwischen den Farmer John Rolfe (Christian Bale) geheiratet hat, wird von König Jakob I. empfangen, sie läuft in Adelskleidern durch englische Parks, zwischen gestutzten Taxushecken und Barockputten, und auf einmal sieht man, was der Film bis dahin immer nur behauptet hat: die Verlorenheit des Menschenkinds in der Kultur. Am Ende ist „The New World“ dort angekommen, wo Stanley Kubrick vor dreißig Jahren in „Barry Lyndon“ angefangen hat. Auch so kann man seine Meister finden.
Diese Kälte schärft den Sinn für das Wesentliche
In Michael Glawoggers Wettbewerbsbeitrag „Slumming“, der anders als die Filme von Chen und Malick in Konkurrenz läuft, finden zwei Wiener Berufsjugendliche einen betrunkenen Obdachlosen, packen ihn in den Kofferraum ihres Autos und fahren ihn über die tschechische Grenze nach Znaim. Von dort aus versucht sich der Mann (Paulus Manker) nach Österreich durchzuschlagen, während die beiden Taugenichtse ihr Großstadtleben fortsetzen.
Auch „Slumming“ erzählt von der Begegnung zweier Welten, aber weil das, was er zeigt, uns nicht nur räumlich viel näher liegt als die Mündung des James River, kann Glawogger auf ästhetische Umwege verzichten. Die Härte und Schnelligkeit seines Anfangs kann der Film nicht halten, aber weil es ihm gelingt, uns für seine Figuren zu interessieren, verzeiht man ihm viele seiner Schwächen. Es ist kalt in „Slumming“, genauso wie im winterlichen Berlin, aber diese Kälte schärft auch den Sinn für das Wesentliche. Das, was man für Geld nicht kaufen kann.