Oskar Roehler ist als Regisseur ein Phänomen. Den er macht in seinen Filmen eigentlich immer alles falsch, und am Ende kommt doch das Richtige heraus. Als Verfilmung von Michel Houellebecqs Roman ist „Elementarteilchen“ eigentlich eine Katastrophe, aber letztlich spielt das gar keine Rolle. Er nimmt, was er davon brauchen kann, und wirft den Rest auf den Müll. Eigentlich mit derselben Geste, wie er sich in „Agnes und seine Brüder“ bei „Korrekturen“ und „American Beauty“ bedient hat.
Das kuriose Desinteresse des Autors daran, was aus seinem Stoff gemacht wird, erwidert Roehler mit einer Nonchalance, die man sonst nur aus Hollywood kennt. Houellebecqs kaltem Reptilienblick begegnet er geradezu mit Wärme. Und wer in Erinnerung an „Der alte Affe Angst“ gedacht hat, daß Roehler vor allem das Exzessive herausarbeitet, wird überrascht sein, mit welcher Zurückhaltung oder gar Scheu er sich den Figuren nähert.
Grandios gegen den Strich besetzt
Es geht um zwei Halbbrüder und ihre Beziehungen zu Frauen; der eine wird von seinen Trieben gequält, der andere hat gelernt, sie zu unterdrücken. Die beiden verbindet nicht nur als Figuren wenig, ihre Geschichten laufen auch im Film eher unmotiviert nebeneinander her, aber das war schon in „Agnes und seine Brüder“ so, daß die Bande eher lose sind. Im Grunde ist „Elementarteilchen“ eine Art „Agnes Reloaded“, schon weil die Figuren, die Moritz Bleibtreu spielt, in ihrer Sexbesessenheit einander ähnlich sind. Die beiden Filme verhalten sich wie Sequel, Prequel und Remake in einem zueinander, wobei unmöglich zu sagen ist, welcher Film was ist.
Jedenfalls ist Bleibtreu als Lehrer Bruno wieder grandios gegen den Strich besetzt, fast so, als müsse er seine natürliche Präsenz mühsam unterdrücken, um sie dann in Getriebenheit, Wut und Menschenhaß zu verwandeln, welche sich immer wieder Bahn brechen. Ähnliches gilt für Christian Ulmen, der als Molekularbiologe Michael alles, was er an Ausstrahlung besitzt, herunterfahren muß auf jenes etwas abwesende, schüchterne Lächeln, mit dem er der Welt begegnet.
Die beiden sind nur die Spitze eines Allstar-Teams, das Martina Gedeck, Franka Potente, Nina Hoss, Uwe Ochsenknecht, Herbert Knaup, Tom Schilling, Jasmin Tabatabai, Michael Gwisdek und Corinna Harfouch umfaßt. Ihnen allen merkt man eine große Lust an, sich Geschichten auszusetzen, die mit ihrer Verwandlungslust spielen und ihnen erlauben, am Käfig ihres Images zu rütteln. Und ihr Vergnügen vermittelt sich dem Zuschauer in jeder Szene. Wenn anderswo der Film der Star ist, dann sind hier die Stars der Film.
Ein Film wie ein selbstvergessen spielendes Kind
Bei Michel Gondry ist hingegen eher der Regisseur der Star. Der Franzose, der mit „Human Nature“ und „Eternal Sunshine On a Spotless Mind“ zwei Drehbücher von Charlie Kaufman verfilmt hat und mit seinen Videos für Björk, Daft Punk, Kylie Minogue und die White Stripes Clipgeschichte geschrieben hat, will in „The Science of Sleep“ in jeder Szene seine Originalität beweisen - und über weite Strecken gelingt ihm das auch. Gael Garcia Bernal spielt seinen Helden, einen jungen Grafiker, der aus Mexiko nach Paris kommt und sich in seine Nachbarin (Charlotte Gainsbourg) verliebt - oder vielleicht auch in ihre Freundin (Emma de Caunes), so genau weiß er das selbst nicht.
Gondry betreibt den Schlaf natürlich nicht als Wissenschaft, sondern als fröhlichen Gegenentwurf zur Wirklichkeit, der den Figuren schnell den Boden unter den Füßen wegzieht. Mit geradezu naiver Freude läßt Gondry den Helden als großes Kind spielen, der sich in einem Fernsehstudio aus Pappmache, in dem er den Showmaster mimt, hineinträumt in eine Existenz, in der er das alleinige Zentrum seiner Phantasien ist. Wo Gondry in „Vergißmeinicht!“ die Traumwelten am Computer gestaltet hat, greift er diesmal in die analoge Trickkiste zurück und gestaltet seine Wunder wie in tschechischen Animationsfilmen der sechziger Jahre.
Mit Zellophanstreifen, Wollknäuel und Wattebäuschen gestaltet er Wasser, Schnee und Wolken, und gerade diese verspielten Basteleien beweisen, daß das Staunen über die Möglichkeiten des Computertricks mittlerweile umgeschlagen ist und der wahre Zauber wieder dort am Werk ist, wo man noch sieht, wie Hand angelegt wurde. Tatsächlich wirkt am Ende der ganze Film wie ein selbstvergessen spielendes Kind, dem man gerne zusieht, weil es das Staunen noch nicht verlernt hat.
Was das angeht, ähnelt er tatsächlich Roehler, dessen „Elementarteilchen“ sich genauso obsessiv im Privaten vergraben und dessen Helden auch so wirken, als hätten sie die Pubertät noch nicht hinter sich. Alle reden davon, wie politisch diese Berlinale sei, aber trotzdem war im Wettbewerb für zwei Kindsköpfe Platz.