09.02.2007 · „The Good German“ ging im Wettbewerb als Favorit an der Start. Doch weil Steven Soderbergh moralisch auf Nummer Sicher ging, kam ein zweitklassiger Film heraus. Er hat sich mit Halb- und Schlagschatten, Off-Kommentaren und Kontrabässen zu wohlig eingerichtet.
Von Andreas PlatthausWas im vergangenen Jahr Michael Winterbottoms „Road to Guantanamo“ im Wettbewerb war, das ist bei dieser Berlinale „The Good German“ von Steven Soderbergh: ein sicherer Gewinner, weil beide Filme moralisch auf Nummer Sicher gehen. Es wird am Ende also schon irgend ein Bär abfallen für „The Good German“, und man darf nur hoffen, dass es wenigstens bei einem Trostpreis bleibt, denn sonst müsste man sich als Kritiker vom Wettbewerb ungetröstet verabschieden.
So etwas kann sich die Festivalkonkurrenz in Cannes nicht leisten: einen Film, der seine ganze Handlung am Festivalort ansiedelt, und einen Film, der sein ganzes narratives Prinzip aus schamloser Anbiederung generiert. Nicht bei der Berlinale, sondern beim populären Geschichtsverständnis (alle Seiten haben Dreck am Stecken) und bei der Kinogeschichte (Soderbergh hat jeden besseren Film noir geplündert). Das einzige, was an „The Good German“ wunderschön ist, ist Cate Blanchett. Ohne Soderberghs Zutun.
Nach zwanzig Minuten erschossen
Juli 1945: In Potsdam tagen die Staatschefs der Alliierten. Es geht um nichts Geringeres als die Zukunft der ganzen Welt. Mit zum Tross gehört Jake Geismer, gespielt von George Clooney. Er ist Korrespondent der Zeitschrift „New Republic“. In Berlin hofft Jake seine alte Liebe Lena Brandt (Cate Blanchett) wiederzutreffen, und wie es der Zufall will, ist der ihm als Fahrer zugewiesene Soldat Tully der neue Liebhaber von Lena. Tobey Maguire spielt diese kleine Charge, die aus allem Geld schlägt, Armeedepots plündert, Geismer bestiehlt und Lenas Liebe feilbietet, grandios, aber leider wird Tully nach zwanzig Minuten erschossen. Bis dahin war es sein Film, und als Zyniker hätte er Lena auch weiterhin Paroli bieten können. Als „The Bad American“ hatte „The Good German“ womöglich etwas werden können.
Im Juli 1945 wollte man gerne schon überall wieder gute Deutsche sehen. Die Russen waren als neue Gefahr erkannt, und die amerikanischen haben ohnehin alle deutsche Namen: Geismer, Muller, Schaeffer. Der eigentliche „gute Deutsche“ aber ist Lenas dritter Mann, ihr Gatte Emil, der etwas besitzt, was alle Alliierten für sich allein haben wollen. Das nutzt das Ehepaar Brandt für sich aus, es geht um nichts Geringeres als die Zukunft zweier Deutscher, die den Krieg überlebt haben. Die Frage nach den dazu notwendigen Mitteln ist das Movens der Handlung.
Emil Brandt in der Kanalisation
Wie Harry Lime in Carol Reeds „Der dritte Mann“ von 1949 verbirgt sich Emil Brandt in der Kanalisation, aber Christian Oliver ist kein Orson Welles; sein geheimnisvoller Dunkelmann ist ein armes Würstchen. Und da sich Soderbergh mit seiner Freude an Halb- und Schlagschatten, an Off-Kommentaren an und Kontrabässen und tiefen Blechbläsern für die Begleitmusik so wohlig im cineastischen Zynismus einrichtet, darf man auch ihn mit den Originalen vergleichen, und das Urteil fällt dabei nicht anders aus.
Der zentrale Satz des Films wird spät ausgesprochen: „Zum Vergessen gehören immer zwei.“ Vergessen muss gewollt und geduldet werden. Am Schluss duldet ausgerechnet eine Person es nicht, die zuvor gerne vergessen wollte. Aber das ahnt man schon eine Stunde im Voraus. Was man nicht zu ahnen gewagt hätte, ist das billige Bildzitat zu diesem Beginn einer wunderbaren Feindschaft. Könnten wir es nur vergessen. Aber das wird die Jury schon nicht dulden.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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