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Berlinale Spiel mir das Lied vom Völkermord

18.02.2005 ·  Der Film „Sometimes in April“ entfaltet das Schreckenspanorama des Völkermords in Ruanda. Er zählt zu den Favoriten der Berlinale - aber nur, weil ein anderer Film über Ruanda außer Konkurrenz lief.

Von Michael Althen
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Filmkomponisten sind Leute im Hintergrund. Nur selten wird von ihnen geredet, obwohl sie in Klassikradiosendern immer häufiger als die eigentlichen legitimen Erben klassischer Komponisten gespielt werden, um die Hörer nicht mit Zwölftonmusik zu überanstrengen.

Filmmusik, so betonen auch die Komponisten immer wieder gern, solle sich gar nicht groß in den Vordergrund spielen, sondern sich auf ihre dienende Funktion beschränken. Diese Bescheidenheit ist natürlich zum Teil auch eine Pose, weil es selbstverständlich Momente gibt, in denen Musik im Film die erste Geige spielen darf. Es gibt allerdings auch Szenen, wo sie gefälligst schweigen oder sich zumindest nicht so aufspielen sollte wie in „Fateless“ und nun in „Sometimes in April“.

Sentimentalisch verzuckerte Soße

In der Kertesz-Verfilmung „Fateless“ hatte Ennio Morricone die Lagerszenen aus Buchenwald mit so sentimentalisch verzuckerter Soße übergossen, daß sie die makellos komponierten Elendstableaus endgültig aufs Pittoreske reduzierte, so daß unwillkürlich der Eindruck entstand, als weide sich die Kamera am Schrecken. Das war wohl kaum die Absicht, aber so ließ die Musik die Kamera quasi blindlings ins Verderben laufen: Spiel mir das Lied vom Tod.

Für „Sometimes in April“, der vom Völkermord in Ruanda erzählt, hat Bruno Coulais die Musik komponiert, der auch schon die „Kinder des Monsieur Mathieu“ zum Singen gebracht hat. Er meidet zwar das Süßliche und setzt eher aufs dunkel Dräuende, bringt aber dennoch ebenfalls einen falschen Ton in die Bilder. Während die Kamera über Leichenberge in Schulzimmern und Straßengräben fährt, drückt Coulais auf die Tube und verwandelt die Bilder in Schlachtengemälde, die das Grauen instrumentalisieren, statt seinem Echo nachzuspüren. Worüber man nicht reden kann, davon sollte man schweigen - das gilt auch für Filmmusik.

Das Panorama des Schreckens

„Hotel Rwanda“ von Terry George stand am Anfang der Berlinale, allerdings außer Konkurrenz, Raoul Pecks „Sometimes in April“ kommt zum Ende, und tatsächlich zäumen die Regisseure das Thema von zwei verschiedenen Seiten auf. Wo sich George auf die Figur des Hotelmanagers Paul Rusesabagina konzentriert, der im „Mille Collines“ möglichst viele Flüchtlinge zu retten versucht, da wählt Peck einen größeren Ausschnitt, versucht das ganze Panorama des Schreckens zu entfalten.

Das führt zu seltsamen Doppelbelichtungen, wenn man in „Sometimes in April“ plötzlich den Pool des „Mille Collines“ zu sehen kriegt oder den Sprecher des aufhetzerischen Haßradios RTLM sieht, der in „Hotel Rwanda“ nur zu hören ist. Und fast ist es so, daß man als Zuschauer die Lücken des einen Films im Geist mit Szenen des anderen auffüllt, zumal der Film von Terry George sicher der eingängigere ist und der von Peck der schonungslosere.

Student in Berlin

Raoul Peck stammt aus Haiti, wuchs in Zaire, Frankreich und Amerika auf, ehe er an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studierte. Von 1995 bis 1997 war er Kulturminister von Haiti und vor drei Jahren Mitglied der Berlinale-Jury. Mit seinem bekanntesten Film „Lumumba“ hat er sich schon einmal mit Afrika beschäftigt, bevor er sich nun dem Völkermord in Ruanda zuwandte, vor dem 1994 die Weltöffentlichkeit die Augen verschlossen hat.

Der Film beginnt in ganz großer Höhe, mit einer Weltkarte Afrikas und der Geschichte der Kolonialisierung. Man sieht einen belgischen General, der einem Stammeshäuptling die Hand schütteln will, eine Geste, die dieser nicht versteht. Wesentlich folgenreicher war jedoch der Umstand, daß die Kolonialherren die Tutsis den Hutu vorzogen und so einen Haß schürten, der im Genozid von 1994 kulminierte. Peck schildert die Vorgänge als Rückblende anhand der Geschichte zweier Brüder, der eine Soldatenausbilder der Hutu-Regierung, der andere Journalist bei RTLM, dem vor einem UN-Tribunal der Prozeß gemacht wird.

Der Film zeigt die Greuel in aller Ausführlichkeit, eine Methode, deren Fragwürdigkeit nicht nur durch die Begleitmusik verstärkt, sondern durch eine einzige Szene aus „Hotel Rwanda“ dementiert wird. Da steigt Rusesabagina im Nebel aus dem Auto und erkennt mit Schrecken, warum die Fahrt auf den letzten Metern so holprig gewesen ist - die Straße ist mit Leichen übersät, die er im Nebel nicht gesehen hat. Das sagt mehr als tausend tote Gesichter. Aber weil „Hotel Rwanda“ außer Konkurrenz lief, zählt nun „Sometimes in April“ zu den Favoriten.

Quelle: F.A.Z., 19.02.2005, Nr. 42 / Seite 38
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