20.04.2006 · Der bei der Berlinale siegreiche Film „Grbavica“ erzählt von Vergewaltigungen als Kriegswaffen auf dem Balkan. In Bosnien-Hercegovina wurde der Film ein Erfolg - doch in der bosnischen Serbenrepublik will man ihn nicht zeigen.
Von Michael Martens, BelgradIn seiner Dankesrede anläßlich der Verleihung des Literaturnobelpreises bezeichnete sich der in Bosnien-Hercegovina geborene Ivo Andric am 10. Dezember 1961 als Schriftsteller aus einem kleinen Land zwischen den Welten, das mit halsbrecherischer Geschwindigkeit und unter großen Opfern auf allen Gebieten in jenen Dingen aufzuholen suche, um die es durch seine einzigartig turbulente und feindselige Vergangenheit gebracht worden sei.
Ob nun zufällig oder nicht, wählte die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic, nachdem sie im Februar in Berlin den Goldenen Bären für ihren Film „Grbavica“ erhalten hatte, eine ähnliche Formulierung in ihrer Dankesbezeigung. „Grbavica“ sei „ein kleiner Film aus einem kleinen Land mit einem kleinen Budget“, sagte die junge Regisseurin, die den Moment der internationalen Aufmerksamkeit nutzte, um auf ein Kapitel in der von Andric immer wieder aufgegriffenen gewalttätigen Geschichte Bosniens hinzuweisen - ein Kapitel freilich, das der Nobelpreisträger nicht mehr erleben mußte, obschon manche seine Bücher heute wie eine Vorankündigung dazu lesen.
Kriegsverbrecher auf freiem Fuß
„Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um uns alle daran zu erinnern, daß der Krieg in Bosnien vor etwa dreizehn Jahren zu Ende ging und die Kriegsverbrecher Radovan Karadzic and Ratko Mladic noch immer frei in Europa leben“, sagte die junge Frau aus Sarajevo und verband das mit Vorwürfen an die Staatengemeinschaft, die in ihrer Heimat noch immer Tausende Soldaten stationiert und politisch das Sagen hat: Niemand sei daran interessiert, die beiden schon 1995 vom UN-Kriegsverbrechertribunal angeklagten ehemaligen bosnischen Serbenführer zu finden und festzunehmen. Jene Männer also, die für „die Vergewaltigung von 20.000 Frauen in Bosnien, die Ermordung von 100.000 und die Vertreibung von einer Million aus ihren Häusern“ verantwortlich seien.
Es war auch dieser emotionale Appell, der in Serbien und in der Serbenrepublik von Bosnien-Hercegovina den (serbischen) Gegnern des Films den Vorwand für Kritik und einen indirekten Boykott lieferte. Manche bemängelten fast genüßlich, es sei schließlich nie bewiesen worden, daß 20.000 (muslimische) Bosniakinnen im Krieg Opfer von systematischen Vergewaltigungen wurden. Formal stimmt das - die Zahl der vergewaltigten Frauen wird sich nie genau ermitteln lassen, schon weil viele der Opfer die Geschichte ihres Martyriums mit ins Grab nehmen. Es stimmt überdies, daß auch Serben aus ihren Häusern vertrieben wurden und zu den etwa 100.000 Todesopfern des bosnischen Krieges nicht allein Bosniaken und Kroaten zählen.
Erzählte Wahrheit unterdrücken
Doch darum geht es jenen nicht, die sich der Verbreitung des Films in dem von Serben kontrollierten Teil Bosniens widersetzen - sie wollen ein Stück erzählter Wahrheit unterdrücken, die viel mehr sagt als die unvollkommenen Statistiken der ethnozentrischen Erbsenzähler von den einstigen Kriegsparteien. Denn natürlich haben serbische (und montenegrinische) Männer, ob nun als Freischärler oder unter dem Oberbefehl des Generals Mladic, systematisch Vergewaltigungen im Bosnienkrieg verübt. Es gab Lager, Hotels, Wohnungen, Sporthallen, die eigens dazu bestimmt waren, die Kriegswaffe Vergewaltigung einzusetzen. Auch davon erzählt der Film „Grbavica“: Der unsäglichen Leichenaufrechnerei, dem Blutzollvergleich der nationalistischen Kriegsrechtsverdreher stellt Jasmila Zbanic eine Geschichte gegenüber, die das abstrakte Großverbrechen faßbar macht, weil es den Opfern Gesicht und Stimme verleiht.
Grbavica ist der Name eines Viertels von Sarajevo, das während der Belagerung der Stadt von 1992 bis 1995 (und noch über das Kriegsende hinaus) unter der Kontrolle serbischer Kämpfer stand. In diesem Stadtteil befanden sich während des Krieges einige berüchtigte Vergewaltigungsstätten. Hier lebt im Film auch die alleinerziehende Mutter Esma mit ihrer Tochter, gezeugt durch Vergewaltigung. Die Mutter behauptet stets, der Vater sei ein im Kampf gegen die Serben gefallener Kriegsheld, bis sie diese verständliche Lebenslüge, die in Bosnien viele vergewaltigte Frauen mit sich herumtragen, eines Tages nicht mehr aufrechterhalten kann und gezwungen ist, ihrer zwölf Jahre alten Tochter die Wahrheit zu erzählen.
Die Wahrheit zwischen den Zeilen
„Wenn man heute durch Grbavica geht, sieht man typische Bauten aus der Zeit des sozialistischen Regimes, Einheimische, Läden, Kinder, Hunde - und gleichzeitig spürt man, daß etwas Unausgesprochenes, Unaussprechliches, Unsichtbares da ist, dieses befremdliche Gefühl, das man hat, wenn man an einem Ort ist, der von großem, menschlichem Leid geprägt ist“, so hat die Regisseurin den Handlungsort ihres Films einmal beschrieben. Die Reaktionen auf ihr Werk in Bosnien haben gezeigt, daß „Grbavica“ das Unausgesprochene beredt, das Unsichtbare augenfällig gemacht hat: all die Wahrheit zwischen den Zeilen, die Politiker, Diplomaten und Leitartikler nie fassen können.
Die Regisseurin hat berichtet, die Idee zu dem Film sei entstanden, als sie ihr eigenes Kind stillte: „Ich bekam eine Tochter, ein Kind der Liebe, das mein Leben vollkommen veränderte. Ich begann mich zu fragen, ob eine Mutter, die vergewaltigt wurde, ihr Kind ebenfalls wahrhaft lieben kann.“ Die junge Mutter, die zuvor einige erfolgreiche Dokumentarfilme gedreht hatte, nahm Kontakt mit dem Büro der Gesellschaft für bedrohte Völker in Sarajevo auf und fand so zu Müttern, die bereit waren, von ihrem Schicksal als Vergewaltigungsopfer zu erzählen. Daraus entstand das Drehbuch zum Film „Grbavica“, der auch ohne die Auszeichnung in Berlin ein großer Erfolg in Bosnien geworden wäre. Denn der vor einem Jahrzehnt zu Ende gegangene Krieg ist natürlich noch immer das maßgebliche Thema für die Selbstfindung des in sich zerrissenen Dreivölkerstaates: Zur Premiere in Sarajevo am 1. März seien mehr als 4000 Zuschauer in die ehemalige Olympiahalle gekommen und tief beeindruckt gegangen, berichteten die bosnischen Medien.
Rückkehr ins Ursprungsland
Eine ebenso wichtige Premiere fand eine Woche später in Belgrad statt. Nicht nur, weil Mirjana Karanovic, die die Mutter Esma spielt, eine bekannte serbische Schauspielerin ist, sondern weil der Film gleichsam in sein Ursprungsland zurückkehrte, in die Heimat der Gewalt, die in Bosnien gesät wurde. Doch auch bei der mit Nervosität erwarteten Premiere in der serbischen Hauptstadt erntete der Film am Ende stürmischen Applaus - freilich von einem liberalen Belgrader Publikum, das nicht erst von der Tatsache überzeugt werden mußte, daß nicht allein Serben Opfer des Krieges in Bosnien waren. Die Gegner des Films, die darin antiserbische Propaganda sehen, waren der Vorführung ferngeblieben - bis auf einige nationalistische Zwischenrufer, die allerdings schon zu Beginn niedergebuht oder von unter das Publikum gemischten Polizisten in Zivil aus dem Saal geführt wurden. Die Hauptdarstellerin Mirjana Karanovic bezeichnete diese Leute in einem Radiointerview nach der Premiere in Belgrad als Personen, „die die Opfer in ,unsere' und ,ihre' teilen. Doch dort, wo die Toten jetzt sind, gibt es nicht mein und dein, sie sind einfach nur tot. Und die vergewaltigten Frauen sind ruiniert, und ihre ethnische Zugehörigkeit bedeutet ihnen nichts.“
Das war in Belgrad. In der bosnischen Serbenrepublik jedoch, der durch die Massaker und Vertreibungen der neunziger Jahre entstandenen serbisch dominierten Landeshälfte von Bosnien-Hercegovina, soll der Film nicht gezeigt werden. Der Direktor des Filmvertriebs in Banja Luka, der Hauptstadt der bosnischen Serbenrepublik, sagte der „Deutschen Welle“ dazu: „Wir werden den Film ,Grbavica' nicht zeigen, weil wir festgestellt haben, daß dieser Film keine ausreichend hohe Zuschauerzahl anziehen wird. Dementsprechend haben wir gehandelt. Es steckt keine Politik oder sonst etwas dahinter.“
Skrupellose Manipulatoren
Diese Aussage läßt in jedem Fall tief blicken - wenn sie zutrifft, in das Bewußtsein einer Mehrheit der bosnischen Serben, die auch mehr als ein Jahrzehnt nach Kriegsende nicht bereit sind, sich mit der blutigen Vergangenheit des eigenen Landes, des eigenen Volkes auseinanderzusetzen. Wenn das pekuniäre Argument jedoch - was keineswegs ausgeschlossen ist - nur vorgeschoben ist, so bestätigte sich einmal mehr, daß in der bosnischen Serbenrepublik eine Schicht alter Kriegstreiber bis heute versucht, die Wahrheit über das Blutvergießen in Bosnien-Hercegovina in die Sackgasse des Nationalismus zu treiben. Diese Leute wissen, daß ihre Privilegien als erste fallen werden, wenn eines Tages auch die Serben offen darüber diskutieren, wer eigentlich die Täter und die Opfer waren in Bosnien und wie der Wahn und die Angst der Serben aus den Dörfern von einigen skrupellosen Manipulatoren mißbraucht worden ist, um sie in den Kampf gegen Sarajevo und die anderen multiethnischen Städte zu treiben.
Zum Glück stehen die Dumpfheitsgewinnler auf verlorenem Posten. Auf Dauer werden nicht ihre Geschichten siegen, sondern die von Leuten wie der beharrlichen und geduldigen Erzählerin Jasmila Zbanic, die schon im vergangenen Jahr mit ihrem Dokumentarfilm „Der Geburtstag“ auf der Berlinale vertreten war. Darin verfolgt die Regisseurin den Lebensweg von zwei Mädchen aus Mostar, die beide am 9. November 1993 geboren wurden, dem Tag, als die berühmte alte Brücke über die Neretva unter Beschuß in sich zusammenstürzte. Die von Jasmila Zbanic beobachteten Mädchen wachsen getrennt voneinander auf, am „kroatischen“ beziehungsweise am „muslimischen“ Ufer des Flusses. Der Film endet am 23. Juli 2004, dem Tag der Wiedereröffnung der Brücke.
Das ist nur eine der vielen Geschichten, die Bosnien, dieses komplizierteste und faszinierendste Land des Balkans, immer wieder hervorbringt. Bosnien ist, wie Ivo Andric in seinem opulenten Werk in unüberschaubar vielen Varianten gezeigt und in seiner Nobelpreisrede ausgeführt hat, ein Land voller Geschichten. Jasmila Zbanic wurde 1974 in diesem Land geboren. Sie war noch Schülerin und sehr naiv, als 1992 dort der Krieg ausbrach. Sie habe sich darüber sogar gefreut, weil eine Mathematikprüfung in der Schule abgesagt wurde, sagte sie einmal. Heute erzählt sie vom Morden in ihrer Heimat, das folgte.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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