12.02.2007 · Was für eine Party zum Jubiläum eines Klassikers und Undergroundfilms: bekannte Gesichter, schicke Dekoration und ein erstklassiges Buffet in einem Berliner Hinterhof. Doch all dies stellt sich manchmal als reine Staffage heraus.
Von Claudius SeidlMan darf vom Glanz einer Party nicht direkt schließen auf den Film, dessen Premiere da gefeiert wird; umgekehrt gilt dasselbe - und deshalb soll hier gar nicht verraten werden, welcher Wettbewerbsbeitrag es war, zu dessen Feier in einen der dunklen Klubs an der Potsdamer Straße geladen wurde.
Dringend muss nur erwähnt werden, dass die Türsteher dieses glatzköpfige Auftreten hatten, wie man es sonst nur beim Personal der sogenannten Nachmittagsshows im deutschen Trashfernsehen vermutet. Und dass auf der Gästeliste anscheinend vor allem solche Leute standen, die, als Filmkritiker, Pressebetreuer, PR-Onkel und -Tanten, so viele so schicke Filme mit so schönen Darstellern gesehen haben, dass sie irgendwann aufgehört haben, da mithalten zu wollen: also visuell verwahrlost, äußerlich absolut unambitioniert. Und innerlich darauf eingestellt, vier bis fünf Biere aus der Flasche zu trinken und sich mit anderen Pressehanseln sehr schnell darauf zu einigen, dass dieser oder jener Film so toll auch nicht war.
Vom Charme des Alltags
Umso erstaunlicher wirkte, was sich rund um „Menschen am Sonntag“ abspielte, den kleinen, schönen Undergroundfilm, zu dessen Urhebern die damals extrem jungen Billie Wilder, Edgar Ulmer, Robert Siodmak und Fred Zinnemann gehörten, diesen Film, der, als hätte es 1929 schon eine Nouvelle Vague gegeben, dem pompös gewordenen Inszenierungsstil des amtlichen deutschen Kinos ein paar lebensnahe, improvisierte und vom Charme des Alltags inspirierte Szenen entgegensetzen wollte.
Als der Film feierlich vorgeführt wurde, am Sonntagmittag, anlässlich seines 78. Jubiläums anscheinend, war das von einer großen emotionalen Wucht: Menschen am Sonntag in Berlin schauen Menschen am Sonntag in Berlin zu, eine kinematographische Spiegelunendlichkeit. Und im Publikum saßen vorwiegend Kenner, Cinéphile, Hanns Zischler - weshalb man sich von der Party zu diesem Film, am Sonntagabend, irgendwo in der Fehrbelliner Straße im zweiten Hinterhof, einen eher gemäßigten Abend erwarten durfte, Filmhistoriker, Kritiker, versprengte Akademiker, Bier und Buletten.
Wer hat den Loft samt Buffet bezahlt?
Es lag da aber ein roter Teppich, und im zweiten Hinterhof stand ein Zelt, wo man sich auswies und anmeldete; Katja Weitzenböck stand in der Schlange, Dominic Raacke auch, Volker Panzer hatte es schon hinter sich, und im zweiten Hinterhof, im vierten Stock, war, was man wohl ein Loft nennen muss: riesige Räume, alles entkernt; die Dekoration sah so aus, als hätte Helmut Dietl hier schon die neueste Folge von „Kir Royal II“ gedreht - schick, bisschen dekadent; eine Szene, welche, wenn man sie auf der Leinwand sähe, sofort das Bedauern provozierte, dass es so etwas eben leider nicht gibt in der Wirklichkeit Berlins.
Es gab Champagner, ein erstklassiges Buffet, geschmackvolle Live-Musik, passable Garderoben - und nach einer halben Stunde stand überdeutlich die Frage im Raum, wer das alles bezahlt habe; und warum. Und wer waren eigentlich die vielen Leute hier, die niemand kannte?
Auf der Einladungskarte stand als Sponsor eine große Immobilienfirma, auf der Website dieser Firma werden die „Fehrbelliner Höfe“ schon als die kommende Immobiliensensation angepriesen - und womöglich ist es nur darum gegangen an diesem Abend: Die, um die es eigentlich ging, waren die Damen und Herren, die keiner kannte, Käufer, Investoren, denen an ihrem künftigen Wohnsitz schon mal eine schicke Filmparty geboten wurde. Die Stars waren Dekor, Staffage, Statisten.
Claudius Seidl Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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