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Berlinale : Kinoschlacken

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick: Die Kulturstaatsministerin will seinen Vertrag 2019 nicht mehr verlängern. Bild: AFP

Achtzig deutsche Regisseure fordern in einem offenen Brief dazu auf, die Berlinale zu „entschlacken“. Eine Podiumsdiskussion im Haus der Kulturen der Welt versuchte zu klären, wer diesem Anspruch als Nachfolger von Dieter Kosslick gerecht werden kann.

          Von „Filmfestivals heute“ sollte die Diskussion handeln, aber natürlich ging es zwei Stunden lang nur um ein Festival: die Berlinale. Man kann ja in diesem Advent auch keine zwei Filmschaffende oder Kritiker – hier waren es sechs – auf ein Podium setzen, ohne dass über Dieter Kosslick geredet würde: seinen Charme, seinen Hut, seinen Schal, seine Verdienste. Und die sind groß. Kosslick, das finden derzeit alle, hat die Berlinale zum Massenfestival gemacht: Dreihundertdreißigtausend verkaufte Karten, eine halbe Million Besucher, was gibt es da zu meckern?

          Und doch will Monika Grütters, die Kulturstaatsministerin, den Vertrag des Direktors 2019 nicht mehr verlängern und das Festival „neu positionieren“, wie sie in ihrer Begrüßungsrede im Haus der Kulturen der Welt erklärte; und doch haben achtzig deutsche Regisseure einen offenen Brief unterschrieben, in dem sie fordern, die Berlinale zu „entschlacken“. Zwei von ihnen, Volker Schlöndorff und Christoph Hochhäusler, saßen zwischen den anderen Experten der Branche auf dem Podium, und die Art ihres Auftretens verriet einiges über die Schieflage der Kreativen im deutschen Kino.

          Keine klaren Gewichtungen und keine fruchtbaren Konflikte

          Denn während Schlöndorff mit dem Frohsinn des Veteranen auf die Frühzeit der Filmfestspiele zurückblickte, stand Hochhäusler sichtlich unter Druck. Er hatte den taktischen Fehler gemacht, gleich am Anfang die Katze aus dem Sack zu lassen und zusammen mit dem Dokumentaristen Thomas Heise die Anything-goes- und Alles-muss-mit-Mentalität der Ära Kosslick anzuprangern. Es gebe keine klaren Gewichtungen und keine fruchtbaren Konflikte auf der Berlinale, sagte Hochhäusler, und er sagte noch einiges mehr, und manches war übertrieben und falsch.

          Aber statt den Ball aufzunehmen und zu fragen, wie man dem Festival die Beweglichkeit zurückgeben könnte, die es unter der dicken Speckschicht seiner dreizehn Sektionen verloren hat, beeilte sich die Podiumsrunde, Hochhäuslers Vorwürfe abzumoderieren. Er könne doch ein Gegenfestival unter dem Dach der Filmfestspiele gründen, schlug Schlöndorff dem jungen Kollegen vor; also noch eine Sektion, nur diesmal eine für die Rebellen. Der abwesende Dieter Kosslick konnte sich freuen: Der Aufstand der Regisseure gegen sein Prinzip, jeden Aspekt des Kinos in einer Nebenreihe zu kulinarisieren, wurde an diesem Abend zur Geschmacksfrage heruntergeredet.

          So wird das nichts mit der Reform der Berlinale, auch wenn der von Kosslick selbst formulierte und von Grütters aufgegriffene Vorschlag, die Funktionen des künstlerischen und des kaufmännischen Leiters künftig zu trennen, in die richtige Richtung weist. Denn dann wird wenigstens klar, dass der Wunsch, möglichst viele Tickets zu verkaufen, und der Ehrgeiz, dem Festival ein stärkeres Profil zu geben, in Wahrheit Gegensätze sind. Dieter Kosslick hat sie nicht versöhnt, sondern verwischt. Wer sie in Zukunft an seiner Stelle austragen und dabei den divergierenden Ansprüchen der Politik, des Publikums und der Kritiker zugleich gerecht werden soll, ist nach der Podiumsdiskussion im Haus der Kulturen der Welt so unklar wie zuvor.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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          Quelle: F.A.Z.

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