http://www.faz.net/-gqz-uap8

Berlinale-Ereignis „Alexanderplatz“ : Das Kino ist mehr als eine Geschichte

  • -Aktualisiert am

Fassbinders Filmepos „Berlin Alexanderplatz“, das in den 80er Jahren noch Zuschauerprotestströme erregte, ist auf der Berlinale erstmals in restaurierter Fassung zu sehen - eine „Alexanderplatz“-Hommage und eine Liebeserklärung an das experimentelle Kino von Tom Tykwer.

          Fassbinders Filmepos „Berlin Alexanderplatz“, das in den 80er Jahre Zuschauerprotestströme erregte, ist auf der Berlinale erstmals in restaurierter Fassung zu sehen - eine „Alexanderplatz“-Hommage und eine Liebeserklärung an das experimentelle Kino von Tom Tykwer.

          I
          Der Antifernsehfilm

          „Dies zu betrachten und zu hören wird sich für viele lohnen, die wie Franz Biberkopf in einer Menschenhaut wohnen und denen es passiert wie diesem Franz Biberkopf, nämlich vom Leben mehr zu verlangen als das Butterbrot“ (Alfred Döblin, Vorrede zu „Berlin Alexanderplatz“).

          Nun gilt es also wieder zu denken, zu sprechen und zu schreiben über jenen fünfzehnstündigen Film, der zum Auftakt der achtziger Jahre (jenes Jahrzehnts, welches später dem Kalten Krieg ein Ende und dem Kapital ein Comeback bereiten sollte) die deutsche Volksseele erzürnte, der zu Sturmläufen der Boulevardpresse und (in der Folge davon) Protesten von „Millionen Fernsehzuschauern“, die sich „um ihre Gebühr betrogen“ („Bild“-Zeitung) fühlten, Anlass bot.

          Der öffentliche Widerstand gegen dieses Werk, an den sich jeder erinnert, der zu dieser Zeit in Deutschland weilte - und viele erinnern sich sogar mehr an die Empörung als an den Film selbst -, richtete sich mit Inbrunst gegen die Fernsehanstalten, die Filmemacher, das Ensemble und, vor allem, natürlich gegen den Regisseur Rainer Werner Fassbinder. Wenn auch die angebliche Unzumutbarkeit in technischen Belangen (dem Film wurden erhebliche Mängel in der Bild- und Tonqualität vorgeworfen) mit Vehemenz in den Vordergrund gerückt wurde, so schienen derlei Probleme dem Sturm der Entrüstung kaum angemessen zu sein. Irgendwie wirkte er nachhaltiger, der Schmerz dieses Films, und mit jeder weiteren Episode, die damals Woche um Woche gesendet wurde, schien sich ein schmutziger Dorn tiefer und tiefer in die Wunde dieser Republik zu bohren, eines Landes, das sich ohnehin nicht wohl fühlte in seiner Haut und konsequenterweise bald darauf in eine kulturelle und politische Narkose verfallen sollte (1982 starb Fassbinder, Kohl wurde Kanzler). Zu dieser Zeit hatte Deutschland keine Lust auf den gemächlich zelebrierten Exzess dieses Films, seine tänzelnde Obszönität und furchtlose Drastik, die auch ein deutscher Abgesang war - und erst recht nicht, da all diese Elemente seltsam frei schwebend und sozusagen kommentarlos, immer nur fragend, aber nie antwortend, also den öffentlich-rechtlichen Vermittlungsauftrag ignorierend, durch dreizehn lange Fernsehwochen mäanderten.

          Weitere Themen

          Ich mag nicht einkaufen Video-Seite öffnen

          Reinhold Messner im Interview : Ich mag nicht einkaufen

          Warum man sich auf der Buchmesse nicht alles merken sollte, wie man sich in eine andere Welt katapultiert und wer im Hause Messner einkauft - das alles und noch ein bisschen mehr erzählt uns Reinhold Messner im Video-Interview.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.