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Berlinale : Eine Stadt aus Pappmaché

Berlinale-Star: Nina Hoss Bild: dpa

Im Kino führen derzeit alle Wege nach Berlin: in Soderberghs „The Good German“, zu Matt Damon und Angelina Jolie in Robert de Niros „Gutem Hirten“, zu der deutschen Produktion „Die Fälscher“ und zu Fassbinders „Alexanderplatz“. Ein Überblick.

          Sicher, die Mauern waren nicht aus Pappmaché, in den Gläsern war Wein und kein roter Saft, und es handelte sich wohl nicht um bezahlte Komparsen, die am Freitagabend das Foyer des Admiralspalastes bevölkerten. Da waren Günter Lamprecht, Irm Hermann, Hanna Schygulla; wer noch lebt von der Fassbinder-Familie, war gekommen, um zu sehen, wie der Alexanderplatz damals aussah, vor fast 27 Jahren. Draußen ließ einen die Feuchtigkeit frösteln, aber es hätte ja auch eine Regenmaschine sein können, wie sie in Steven Soderberghs „The Good German“ angeworfen wird, so dass Berlin aussieht wie Casablanca vor sechzig Jahren, auch wenn beide nur eine Kulisse in einer Studiohalle in Kalifornien sind. Innen, im reanimierten Admiralspalast, sollte alles an die wilden Zwanziger erinnern, als hier ein Revuetheater war; doch Döblins Zwanziger-Jahre-Berlin auf der Leinwand, das lag schon damals in München-Geiselgasteig.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Remastered“ heißt diese Version von „Berlin Alexanderplatz“, mit den Mitteln moderner Technik bearbeitet. 939 Minuten, die das deutsche Fernsehpublikum damals erregten, weil es so dunkel war, dass manche den Fernsehtechniker bestellten und ihre Rundfunkgebühren zurückhaben wollten, als sie merkten, dass es nicht am Gerät lag. Vieles ist gut gealtert, manches weniger, aber Fassbinders zärtliches Berserkertum verschreckt offenbar noch heute: In Scharen verließen die Ministerialangestellten bald nach Beginn der ersten Folge den Saal, als wären sie doch nur Komparsen, bestellt, um einem Kulturstaatsminister zu lauschen, der wie ein Cyborg mit veralteter Software gesprochen hatte. So spiegelte sich Döblins Weimar in der alten Bundesrepublik und beide in der Berliner Republik, bis vor lauter Spiegelungen nur ein Vexierbild übrigblieb.

          „Berlin wird immer nur werden“

          Es ist in diesen Tagen ohnehin nicht ganz leicht, die Stadt von ihrer Simulation zu unterscheiden, wie es schon außerhalb der Berlinale-Zeit schwer ist, am Potsdamer Platz oder im Investoren-Lego an der Friedrichstraße einen Ort zu sehen, wo Menschen wohnen, leben und arbeiten, und nicht ein Phantasialand der Architektur. Auch der Festivalsponsor VW arbeitet konsequent an der Verwandlung der Stadt in haltbares Production Design, indem er eine „Film Location Tour“ zu Drehorten von „Eins, zwei, drei“ bis „Lola rennt“ anbietet, an deren Ende man sich fragen muss, ob man denn nun in Berlin war oder im Kino.

          Warum nicht gleich ein Remake von „Casablanca”? Cate Blanchett und George Clooney in „The Good German”
          Warum nicht gleich ein Remake von „Casablanca”? Cate Blanchett und George Clooney in „The Good German” : Bild: AFP

          „Berlin ist nie richtig Berlin. Berlin wird immer nur werden“, hat vor langer Zeit mal jemand behauptet, der wohl so etwas wie Substanz vermisste und ein bisschen allergisch war gegen Veränderungen; die sogenannte Berliner Schnauze hat immer dagegengehalten: „Berlin bleibt Berlin“, was auch nicht die allerbeste Nachricht ist. Am Ende haben sie beide recht. Denn die Berlinale lässt Berlin Berlin bleiben, indem sie jeden Tag ein anderes zeigt; aber es ist wohl eher der Zufall als ein Fall von Konzeptkunst, der in diesen ersten Festivaltagen die Stadt, welche man hinter der Tür des Kinosaals zurückgelassen hat, auf der Leinwand wieder vor einem auftauchen lässt - als imaginären Ort, an dem man gar nicht sein muss, um ihn zu besuchen.

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