10.02.2006 · Marc Evans' „Snow Cake“ hat die Filmfestspiele Berlin am Donnerstag abend eröffnet. Mit Alan Rickman, Sigourney Weaver und Carrie-Ann Moss verbringt man gern seine Zeit in Ontario.
Von Michael AlthenDas Wappentier der Eröffnungsfilme ist die eierlegende Wollmilchsau. Sie müssen es allen recht machen, dürfen die Politiker nicht verärgern, die Sponsoren nicht verprellen, den Honoratioren den Appetit aufs folgende Buffet nicht verderben.
Am besten haben sie von allem ein bißchen und von nichts zuviel, außer von den Stars, die möglichst zahlreich über den roten Teppich schreiten sollen, damit Berlin nicht an seiner Weltgeltung zweifeln muß und der Boulevard glücklich ist. Da kommt natürlich selten was Gutes raus, in der Regel so eine Art gut möblierter Film, in dem die Emotionen wie die Schauspieler am rechten Platz stehen, ein Film also wie „Snow Cake“.
Kleinere Brötchen
Alan Rickman, Sigourney Weaver und Carrie-Anne Moss sind zweifellos wunderbare Schauspieler, denen man gerne zusieht, die aber nicht allererste Liga sind, was den Rummelfaktor angeht, der Fotografen dazu bringt, sich gegenseitig niederzutrampeln, und Fans, feuchte Unterwäsche zu werfen. So hat Cannes aus purer Bosheit - man kann es auch Politik nennen - kurz vor der Berlinale verkündet, man werde mit „Da Vinci Code“ eröffnen: Tom Hanks, Audrey Tautou, Weltbestseller, ganz großes Kaliber. Die Berlinale backt kleinere Brötchen, eine britisch-kanadische Produktion statt Hollywood, und wenn man freundlich gestimmt ist, mag man es als Politik werten.
Wenn „Snow Cake“ beginnt, hört man die Durchsage des Piloten, man werde gleich in Nord-Ontario landen, und es habe vierzehn Grad unter Null. Zauberhafte Einstimmung aufs Festival, dessen gefühlte Temperatur von alters her ähnlich frostig ist, auch wenn sich der Himmel zu Beginn freundlich gibt. Alan Rickman landet also in Kanada und nimmt im Wagen widerwillig ein junges Mädchen als Anhalterin mit, das zwar nervt und ein wenig sonderlich ist, aber doch irgendwie auch liebenswert. Und gerade, als man sich an sie gewöhnt hat, kommt aus heiterem Himmel ein Sattelschlepper, rammt den Wagen, das Mädchen ist auf der Stelle tot, Rickman überlebt. Der Moment ist der größte Schock im Kino, seit Brad Pitt in „Joe Black“ überfahren wurde.
Ein superpelziges Tierchen
Der schuldlose Rickman besucht die Mutter des Mädchens, die Autistin ist und von Sigourney Weaver gespielt wird. Sie tut das mit einer Hingabe, daß man ihr kaum je wirklich glaubt, obwohl wahrscheinlich monatelange Fallstudien vorausgegangen sind. Rickman bleibt erst mal bis zur Beerdigung, weil er sich trotzdem schuldig fühlt, eigentlich nichts Besseres zu tun hat und Carrie-Anne Moss als Nachbarin sehr verführerisch ist.
Als Schnulze ist der Film ein bißchen schamlos, aber er ist humorvoll genug, daß man mit den drei Stars gern seine Zeit in Ontario verbringt. Dies ist die Sorte Film, wo der Pfarrer beim Trauergottesdienst kurz stockt, als er das Lieblingslied der Toten ankündigt. Es ist von den „Super Furry Animals“. Und genauso ist der Film: ein superpelziges Tierchen, eine Wollmilchsau eben.