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Berlinale-Auftakt Auch Pygmäen haben klein angefangen

13.02.2005 ·  Viel aus Afrika, Asien, Europa und Arabien, wenig aus Amerika: An diesem Donnerstag beginnen die Filmfestspiele Berlin. Eröffnet wird die Berlinale von der europäisch-südafrikanischen Koproduktion „Man to Man“.

Von Verena Lueken
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Die Amerikaner haben Ray Charles und Howard Hughes, die Europäer Sophie Scholl und Francois Mitterrand. Die Differenz an Showpotential und Glamour ist offensichtlich, die Folgen fürs Kino sind es auch. Denn entsprechend unterschiedlich dürften die Filme sein, die das Leben dieser historischen Figuren erzählen.

Bei den Berliner Filmfestspielen, die an diesem Donnerstag abend eröffnet werden, sind zwei von ihnen zu sehen, der französische über Mitterrand und der deutsche über Sophie Scholl. Die amerikanischen Produzenten der anderen beiden, die noch vor wenigen Jahren gleichsam natürliche Eröffnungs-, Abschluß- oder Wettbewerbsfilme im Festival abgegeben hätten, wollten mit ihrem Leinwandstart auf die Berlinale-Premiere nicht warten. „Ray“ und „Aviator“ laufen schon seit Wochen in den deutschen Kinos.

Beschimpfte Festivalleiter

Die Berliner Filmfestspiele hatten immer damit zu kämpfen, beide, das amerikanische wie das europäische Kino, zu ihrem Recht kommen zu lassen. Über zu mächtige oder zu geringe Präsenz des asiatischen, das in den letzten zehn Jahren immer stärker wurde, des afrikanischen, das stets eine geräumige Nische hatte, des arabischen oder indischen Kinos hat sich nie jemand beschwert. Aber seit den siebziger Jahren hat es keinen Festivalleiter gegeben, der sich nicht wegen Parteilichkeit für die amerikanische oder die europäische Seite hätte beschimpfen lassen müssen.

Dieter Kosslick, der die Berliner Filmfestspiele seit vier Jahren dirigiert, hat darüber hinaus noch ein anderes Problem: Die Amerikaner, jedenfalls die aus Hollywood, kommen nicht mehr. Das hat nichts mit Berlin und mit Kosslick schon gar nichts zu tun. Es liegt an den Academy Awards, den Oscars, die seit vergangenem Jahr nicht mehr Ende März, sondern bereits Ende Februar verliehen werden. Seitdem machen die Anwärter auf die Industrietrophäe in der letzten Phase vor der Preisverleihung in Hollywood Stimmung für sich und ihren Film. Die Berlinale fällt da als popularitätssteigerndes Ereignis nicht ins Gewicht.

Nur „Kinsey“ kommt aus Hollywood

Da die amerikanischen Verleihe außerdem aus Furcht vor Videopiraterie immer häufiger ihre großen Filme international zur gleichen Zeit in die Kinos bringen, den deutschen Start also nicht mit einer möglichen Festivalpremiere, sondern mit dem amerikanischen Kinostart synchronisieren, gehen wichtige Hollywoodproduktionen immer öfter an der Berlinale vorbei. In diesem Jahr ist aus dieser Liga einzig „Kinsey“ in Berlin zu sehen, Bill Condons Film über das Leben des berühmten Sexualforschers, der bei den Oscar-Nominierungen seltsamerweise übergangen wurde und zum Abschluß des Festivals kurz vor seinem Deutschlandstart außer Konkurrenz gezeigt wird. Wes Andersen, der mit „The Life Aquatic“ im Wettbewerb vertreten ist, steht außerhalb des Hollywood-Establishments. Vielleicht ist ja, obwohl man in Berlin bisher immer abgewinkt hat, eine Vorverlegung der Berlinale nur noch eine Frage der Zeit.

Ob die europäisch-südafrikanische Koproduktion „Man to Man“ von Regis Wargnier der Film ist, mit dem Kosslick die Berlinale in diesem Jahr unbedingt eröffnen wollte, oder nur derjenige, für den er den Regisseur und die Hauptdarsteller zur Premiere auf den roten Teppich bekommen konnte, spielt keine große Rolle. Ein europäischer Film zum Auftakt setzt in jedem Fall ein Signal, und sei es als Pfiff im Wald: Wir können auch ohne Amerika.

Kertesz-Verfilmung im Wettbewerb

Eine ungarisch-deutsch-britische Koproduktion, „Fateless“ von Lajos Koltai nach dem „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertesz, hat außerdem am letzten Tag vor der Eröffnung des Festivals den amerikanischen Beitrag „Heights“, das Regiedebüt von Chris Terrio mit Glenn Close und Isabella Rossellini, aus dem Wettbewerbsprogramm verdrängt.

Natürlich kann kein internationales Filmfestival auf das amerikanische Kino verzichten, und das Programm der Berlinale tut das auch keineswegs. In den verschiedenen Sektionen des offiziellen Programms sind nach den Statistiken des Festivals sogar mehr amerikanische Filme zu sehen als jemals zuvor. Nur eben nicht aus den großen Studios in Hollywood, was den „Spiegel“ veranlaßte, eine „Glamourflaute“ auszurufen - obwohl sich Kevin Spacey und Keanu Reeves, Will Smith, Catherine Deneuve, Gerard Depardieu und andere angesagt haben und auch die Jury mit Nino Cerrutti und Bai Ling einigen Schauwert verspricht.

Perlen im Programm

Fast undenkbar ist, daß sich unter den etwa dreihundertfünfzig Filmen aus zweiundfünfzig Ländern, die im offiziellen Programm zu sehen sind, keine Perlen finden lassen werden. Mit Filmen von Christian Petzold, Marc Rothemund und Hannes Stöhr im Wettbewerb ist das deutsche Kino stark vertreten, Schwerpunkte in allen Programmbereichen liegen auf Produktionen aus und über Afrika mit allein zwei Produktionen über den Völkermord in Ruanda, es gibt eine Reihe von Filmen zu Sex und Pornographie (und ein Praxisseminar zum Thema), eine Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ und eine intelligent zusammengestellte Retrospektive über „Produktion und Design“.

Das Internationale Forum ist um fast ein Viertel auf überschaubaren Umfang geschrumpft und zeigt neben Nachwuchs- und Dokumentarfilmen auch eine kleine Werkschau des Koreaners Im Kwon-Taek sowie den neuen Film von Claire Denis. Im Panorama wird, in Deutschland nach dem „Untergang“ neugierig erwartet, das „Goebbels Experiment“ von Lutz Hachmeister und Michael Kloft seine Premiere erleben.

Forscher im Dschungel

Auch das Thema des Eröffnungsfilms „Man to Man“ nach einem Drehbuch von William Boyd klingt spannend: Ein britischer Wissenschaftler, gespielt von Joseph Fiennes, entführt um das Jahr 1870 im zentralafrikanischen Dschungel zwei Pygmäen nach England, um seine These zu beweisen, daß diese kleinwüchsigen Wesen das evolutionsgeschichtliche Verbindungsstück zwischen Affe und Mensch bilden. Daß sie Menschen sind, bemerkt er erst im Lauf der Zeit, und seine Forscherfreunde erkennen es erst, als es zu spät ist.

Das hätte eine Mischung aus geographischem und wissenschaftlichem Abenteuer werden können, aber der französische Regisseur Regis Wargnier macht leider nicht mehr daraus als einen Ausstattungsfilm, in dem die faszinierende Welt des Halbwissens, des Erkenntnisdrangs auf allen Abwegen und der Hybris nie lebendig werden. Auch sieht Kristin Scott Thomas im Dschungel nicht sehr dekorativ aus, und Joseph Fiennes ist ein arger Langweiler. Beide aber und der Regisseur werden am Donnerstag abend in angemessener Garderobe über den roten Teppich in den Festivalpalast marschieren, und allein deshalb mag die Frage zurückstehen, warum amerikanisches Mittelmaß, das auf Aktion setzt, so viel besser wirkt als europäisches, das die Kulissen abschreitet.

Quelle: F.A.Z., 10.02.2005, Nr. 34 / Seite 37
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Jahrgang 1955, stellvertretende Leiterin des Feuilleton.

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