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Berlinale 2015 : Ausbruch aus dem Kinoalltag

Starke Frauen in extremen Situationen: Die Berlinale-Gäste Nicole Kidman, Juliette Binoche, Helen Mirren und Lea Seydoux (siehe Vollansicht) Bild: AFP

Die Berlinale tritt in diesem Jahr ins Rentenalter ein. Frischen Geist muss das Festival, das an diesem Donnerstag beginnt, durch seine Gäste und die Filmauswahl beweisen. Helfen „Fifty Shades of Grey“?

          Ihren 65. Geburtstag feiert die Berlinale in diesem Jahr, und das ist für Individuen normalerweise verbunden mit dem Eintritt ins Rentenalter. Ein seltsamer Organismus wie ein Filmfestival unterliegt anderen Gesetzen. Es kann sich überleben und trotzdem fortexistieren, es kann sich alles wandeln, damit alles beim Alten bleibt, wie es im Roman (und Film) „Der Leopard“ heißt. Bei der Berlinale bleiben die Organisatoren und Auswahlgremien, auch wenn jedes Jahr insofern ein kompletter Blutaustausch stattfindet, als auch 2015 wieder mehr als 400 neue Filme aus aller Welt in zehn Tagen zu sehen sein werden.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Da braucht es im Grunde auch kein Motto, obwohl Direktor Dieter Kosslick tapfer Jahr für Jahr liefert: „Starke Frauen in extremen Situationen“ heißt es 2015. Wenn man sich umsieht in den Kurzbeschreibungen der Filme, könnte man auch das Gegenteil behaupten oder geschwächte Männer in banalen Situationen erkennen. Zum Glück aber ist das Festival größer als ein Motto und als der Wettbewerb, der in den letzten Jahren arg schwächelte. Und zum Glück leuchtet die Berlinale nicht durch die zahllosen verkannten Meisterwerke, sondern in den Bildern, die am roten Teppich entstehen. Wer kommt denn?, heißt es jedes Jahr, und wenn damit auch keine Garantie auf gute Filme verbunden ist, so sieht diese kleine Galerie doch nicht schlecht aus: Cate Blanchett, Nicole Kidman, Natalie Portman, Juliette Binoche, Charlotte Rampling, James Franco, Robert Pattinson. Reicht doch, oder?

          Mit den Namen im Wettbewerb ist es ein bisschen wie mit Mannschaftsaufstellungen im Fußball. Da sind eher unbekannte Akteure aus Guatemala oder Rumänien, Altstars mit ungewisser Formkurve wie Terrence Malick oder Peter Greenaway und deutsche Hoffnungsträger wie Sebastian Schipper mit „Victoria“ und Andreas Dresen mit der Clemens-Meyer-Verfilmung „Als wir träumten“. Der unverwüstliche Werner Herzog ist dabei, Wim Wenders und Oliver Hirschbiegel zeigen ihre Filme außer Konkurrenz. Und am Ende wird die Jury unter Darren Aronofsky doch wieder einen dieser unerforschlichen Ratschlüsse fassen, mit denen man schon lange nicht mehr hadert. Und weil die Berlinale auch mit der Zeit gehen möchte, wurde ebenfalls der Autor, Regisseur und Produzent Matthew Weiner in die Jury berufen, der Erfinder der „Mad Men“.

          Ein ganz besonderes Endgerät

          Acht Serien in zwei Tagen haben zudem den Weg ins Programm gefunden, darunter auch die deutsche Serie „Blochin“ von Matthias Glasner. Mit gewissen Verrenkungen hat man es sogar geschafft, die Verfilmung des kuscheligen Sadomaso-Bestsellers „Fifty Shades of Grey“ als „Berlinale Special Gala“ einzugemeinden. Sein kulinarisches Kino hat Dieter Kosslick längst etabliert, und es hat dem Festival weder geschadet, noch hat es die Filmkunst spürbar vorangebracht. Aber ob es nun eine so geniale Idee ist, dem Begründer der Slow-Food-Bewegung und einer Star-Köchin je eine Berlinale-Kamera zuzuerkennen? Tut nicht weh - tut aber überhaupt nicht not.

          Wer wirklich etwas entdecken möchte, was zwischen verstörender Zähigkeit und kurzen, plötzlichen Einschlägen liegen kann, meidet sowieso den Wettbewerb und genießt den Ausbruch aus dem Kinoalltag. Und vielleicht ist das auch das Beste an jeder Berlinale: Dass zehn Tage lang die Kinos ausverkauft sein werden, dass viele Berliner ab morgen Schlange stehen werden für Karten, dass da noch immer eine gewaltige Begeisterung schlummert für den sozialen Ort und den Schauplatz Kino, weil die große Leinwand im dunklen Saal halt noch immer ein ganz besonderes Endgerät zum Abspiel bewegter Bilder ist.

          Quelle: F.A.S.

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