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Oskar Roehlers „Quellen des Lebens“ Er wird der Berlinale fehlen

 ·  Am Donnerstag beginnt die 63. Berlinale. Ohne den Film „Quellen des Lebens“. Warum Oskar Roehlers großes Nachkriegspanorama nicht gut genug für das Festival sein soll, ist nicht zu verstehen.

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Das ist nun auch schon wieder elf Jahre her. Kaum hatte Dieter Kosslick die Leitung der Berlinale übernommen, überraschte er bei seinem Debüt die Öffentlichkeit damit, dass gleich drei deutsche Filme im Wettbewerb liefen. Das ganze Festival wirkte wie ein Schaufenster des deutschen Films, als sollte da eine neue Atmosphäre entstehen, die es deutschen Produzenten und Regisseuren attraktiv erscheinen ließe, ihre Arbeiten für Berlin fertigzustellen, wie das Franzosen und Italiener für Cannes und Venedig seit langem tun. Und in die Jury berief Kosslick damals Oskar Roehler, dessen Film „Die Unberührbare“ Kosslicks Vorgänger nicht hatte haben wollen. Dummerweise wurde „Die Unberührbare“ dann gefeiert und gewann den Deutschen Filmpreis.

Ein Jahr später kam Roehler mit „Der alte Affe Angst“ in den Wettbewerb, es folgten 2006 die „Elementarteilchen“ und 2010 „Jud Süß - Film ohne Gewissen“, so dass man sich jetzt, wenige Tage vor Beginn der 63. Berlinale, schon mal fragen kann, warum es denn „Quellen des Lebens“, vielleicht Roehlers bislang ambitioniertester Film, nicht ins Programm geschafft hat. Und wenn man hört, dass die Auswahlkommission den Film zwei Mal besichtigt hat, dann wüsste man schon gerne einen Ablehnungsgrund. Kosslicks einziges Statement, der Film komme während der Berlinale ins Kino, ist absurd - in jedem Jahr gibt es Filme, die direkt nach ihrer Berlinale-Premiere in die Kinos kommen.

Am Anfang stand ein Bastard

Obwohl eine Quote für deutsche Filme natürlich lächerlich wäre, obwohl Irrtümer bei der Auswahl vorkommen, wie zum Beispiel die Ablehnung des späteren Oscar-Gewinners „Das Leben der anderen“, kapiert man noch immer nicht, warum Roehlers Film kein Auftritt gegönnt wird, und sei es in einer anderen Berlinale-Sektion. Allein schon wegen seiner prominenten Besetzung, die zu einem schönen Aufmarsch am roten Teppich taugte - was zwar kein ästhetisches Argument ist, für die Berlinale jedoch oft genug ein Grund war, einen Film einzuladen.

Oskar Roehler, 54, begreift die Ablehnung auch nicht, er wirkt aber ziemlich gelassen, als wir uns in einem Café im alten West-Berlin treffen, gar nicht so weit von den Straßen und Orten, wo er selbst als Junge eine Weile gewohnt hat, bei seinem Vater, dem Schriftsteller und Lektor Klaus Roehler; dort, wo auch Robert, der Held des Films, bei seinem Vater lebt, Robert, der auch schon Held von Roehlers Roman „Herkunft“ war, der 2011 erschien und bislang mehr als 20.000 Mal verkauft wurde. „Quellen des Lebens“ und „Herkunft“, das ist ein großes autobiographisches Projekt und zugleich ein faszinierendes Nachkriegspanorama, das von 1949 bis in die späten siebziger Jahre reicht. Was zuerst war, Roman oder Film, ist nicht so leicht zu sagen. „Ein Bastard“, sagt Roehler, stand am Anfang, „ein Konvolut von 300 Seiten“, bei dem er selber nicht wusste, ob da nun eher ein Roman drinsteckte oder ein Drehbuch. Am Ende war es eine Zwillingsgeburt, eine doppelte Begegnung mit der eigenen Vergangenheit, mit Traumata und Verletzungen, mit erster Liebe und Momenten selbstvergessenen Glücks.

Die Großeltern als Rettung

“Herkunft“ und „Quellen des Lebens“ greifen weit über das hinaus, was Roehler in der „Unberührbaren“ gezeigt hatte, wo die Hauptfigur zwar nicht Gisela Elsner hieß, wie Roehlers Mutter, die Schriftstellerin, ihr aber zum Verwechseln ähnelte. Film und Roman setzen mit der Heimkehr des Großvaters aus dem Krieg ein, im Jahr 1949, schildern die Jugend des Vaters, der ein Schriftsteller sein möchte und das schöne Mädchen Gisela aus der Nürnberger Bourgeoisie kennenlernt. Es ist der Blick in eine Welt, die langsam aus dem Beschweigen des Faschismus erwacht, aus jenem braven Nachkriegskonsens; eine Welt, über die dann ’68 hereinbricht und in der die Selbstverwirklichungsideale der 68er zur Karikatur werden. „Quellen des Lebens“ gelingt es auf eine sehr klare, reflektierte Weise, das sichtbar zu machen, auch dank der gewagten Konstruktion, dass da ein pränataler Ich-Erzähler auftritt, dessen Off-Stimme mit leicht ironischem Einschlag sofort präsent ist und während des gesamten Films sehr gut dosiert eingesetzt wird.

Wenn man den Roman voller Begeisterung gelesen hat, dann ist schon der Auftakt des Films eine große Erleichterung: darüber, dass sich die Wucht dieser Prosa nicht verliert, sobald aus Sprachbildern bewegte Bilder werden. Das hängt, zum einen, natürlich zusammen mit dem Casting, mit dem sicheren Blick nicht nur für Roehlers Alter Ego in den verschiedenen Altersstufen. Vor allem Leonard Scheicher, der Robert im Alter zwischen 13 und 17 spielt, überzeugt.

Das tun auch die beiden Großelternpaare, welche man als Roberts eigentliche Retter bezeichnen muss. Margarita Broich als Nürnberger Bürgerin im Goldbrokatkleid und mit Cognacfahne ist hinreißend; auch gegen Thomas Heinze als Gatten und Meret Becker und Jürgen Vogel als zweites Großelternpaar, das dem heranwachsenden Robert ein Halt im Fränkischen ist, ist nichts einzuwenden. Dass Lavinia Wilson als Mutter Gisela eher blass bleibt und später dann nur noch unter der Kleopatra-Perücke der Elsner agieren muss, ist vielleicht unvermeidlich; dafür ist Moritz Bleibtreu in der Vaterrolle, in dieser Mischung aus Aufbruchshoffnung, langsamem Scheitern und schrecklicher Selbstgerechtigkeit überzeugend wie lange nicht mehr.

Trockener Witz und mütterliche Paranoia

Aber es ist auch die konsequente Stilisierung, sichtbar vor allem im ungewöhnlichen Licht und der markanten Farbgebung (Kamera: Carl-Friedrich Koschnik), die dem Film seine spezifische Gestalt verleiht. Die diskrete Künstlichkeit der Sets hält den öden Fernsehrealismus auf Distanz; die Requisiten, die Dinge, sind genau plaziert wie kleine Zeichen, wie flüchtige Embleme, aus denen eine ganze Lebenswelt für einen Moment noch einmal entsteht - für jene, die sich noch daran erinnern, aber eben auch für Jüngere, die es nicht erlebt haben. Vom Ausstattungskino, das immer nur streberhaft vorzeigen will, wie authentisch die Tassen, Socken oder Automodelle sind, ist das Lichtjahre entfernt.

Diese Mischung aus Künstlichkeit und Empathie ist auch der Grund, warum einen Roberts Geschichte berührt, ohne dass der Film jemals sentimental werden müsste. Als Robert zum ersten Mal selber auftaucht, ist da ein trockener Witz: „Das bin ich“, heißt es lapidar aus dem Off, wenn ein hilfloses Baby zu einer verschlossenen Tür krabbelt, hinter der man die Schreibmaschine der Mutter unerbittlich klappern hört. Und zugleich gefriert einem das Lachen, wenn man die väterlichen Auftritte sieht oder später die mütterliche Paranoia, die noch den fast erwachsenen Robert nicht als ihr Kind wahrnehmen kann.

Zweifellos etwa Besonderes

In der epischen, linearen Erzählung, die eher der Logik eines Entwicklungsromans folgt und sich damit von übermäßigen Erwartungen an einen Plot entlastet, findet auch Roehlers Temperament seinen Raum zur Entfaltung, sein Faible für diese grellen, transgressiven Momente, die sich im deutschen Kino sonst kaum einer traut. Was anderswo zur Karikatur verrutschte - in einigen Szenen gerät auch Roehler kurz ins Schwanken -, ist hier stimmig. Die Nürnberger Wohlstandshölle neben der Gartenzwergfabrik oder der exzessive Einsatz jenes ultrakitschigen Klammerblues-Songs „I’d love you to want me“, der jedem, der ihn im selben Alter wie Roehler gehört hat, noch heute einen Schauer über den Rücken laufen lässt - wenn auch einen anderen Schauer als damals. Es war großartig, es war schrecklich, es ist die Stärke des Films, dass er kein Urteil fällt, weil dieses Urteil auch ein Verrat wäre.

Vielleicht hat „Quellen des Lebens“, der im Fernsehen als Zweiteiler ausgestrahlt werden wird, nicht ganz die Härte und den Ernst des Romans, aber es geht ja hier nicht um Werktreue, sondern um ein Gefühl, um eine erzählerische Energie, die auch den Film beflügelt. Es wäre absurd anzunehmen, in diesen fast drei Stunden, die „Quellen des Lebens“ dauert, sei alles makellos. Aber ebenso wenig ist da der leiseste Zweifel, dass Oskar Roehler etwas Besonderes gelungen ist, was man unbedingt gesehen haben muss - sofern man sich dafür interessiert, wie aus diesem Land wurde, was es ist; wie die 68er sich mit allem Recht gegen ihre Eltern auflehnten, um als Eltern oft eine klägliche Rolle zu spielen; und wie einer daraus entkommen ist, um davon zu erzählen. Dass die Berlinale nun glaubt, dieses große Gesellschaftspanorama ihren in- und vor allem auch ausländischen Gästen vorenthalten zu sollen, ist ihr gutes Recht. Nachvollziehbar ist es nicht.

Ab 14. Februar im Kino

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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