16.02.2013 · Am Ende einer sehr mäßigen Berlinale überraschte die Jury mit dem Preis für Calin Peter Netzers „Child’s Pose“. Die deutschen Beiträge gingen erwartungsgemäß leer aus.
Von Peter Körte, BerlinRichtlinien für Lesermeinungen
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muss herrn körte widersprechen
ganz im gegensatz zum autor des artikels, peter körte, fand ich den siegerfilm von seinem inhalt, seiner erzähltiefe und vielschichtigkeit, seiner machart und seinen schauspielern so herausragend, dass ich den ersten preis für absolut berechtigt empfinde. wie er in mutig hässlichen bildern, ohne einen einzigen establishing shoit, der handkamera komplett treu, am lebenden objekt und an der oberfläche zunächst die rumänischen gesellschaft seziert um dann unter der haut zum zutiefst menschlichen schmerz der entfremdung zwischen mitmenschen in einem verknüpften schicksal und eben zwischen mutter und sohn zu gelangen. dies geschieht neben den bereits beschriebenen bildgestalterischen mitteln auch durch mehreren zwei-drei-personen-dialog szenen, die ich in solcher länge und schauspielerischern tiefe - so durchdrungen von "wahrheit" - selten gesehen habe, Dazu keine Musik, ein toller spröder Ton, alles in allem ein Meisterwerk....
wohl nur wenige Kinobesucher wollen das wissen
Zugegeben, ich bin kein Cineast, meine kulturelle Welt ist eher
buchlastig. Aber ich will mich auf dem laufenden halten und lese heute
also die Artikel zur Berlinale in der FAZ.
Da klagt Frau Lueken, dass von den amerikanischen Filmen nur die dritte
Qualitätsstufe nach Berlin geschickt werde, dass es dem Festival
insgesamt an der durchschlagenden Idee fehle. Und jetzt lese ich, dass
ein Film über das üble Schicksal von Roma in Bosnien, der mit
Laiendarstellern (!) gedreht wurde, den Großen Preis der Jury bekommt.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich kenne den Film nicht, und er ist
sicher sehr beeindruckend. Aber so als Laie denke ich doch, das ist
wirklich hardcore, da kann der übelste Splattermovie nicht
mithalten. Das kann man außerhalb der selbstreferentiellen
Filmszene wahrscheinlich niemandem zeigen. Könnte vielleicht sein,
dass in dieser Form der Publikumsbeschimpfung auch ein Problem liegt.
Dass dies den Amerikanern nicht vermittelbar ist, erstaunt mich
übrigens nicht.
Sprache
Ja, danke, ich verstehe. Ich habe gelernt, es gibt Fremd- und Lehnwoerter. Heutzutage gibt es noch was anderes, aber das mùuss wohl so sein, als wenn ich "Der Foerster vom Silberwald" in die amerikanische Sprache uebersetzen wollte. Geht wohl nicht, "Die Trapp-Familie" schon!
Welt und Sprache
Eine Übersetzung wie "harter-Kern-Film" oder so
ähnlich wäre doch ziemlich künstlich und eher verwirrend.
Es sind eben Begriffe, die zu einer begrenzten und definierten
Diskussion gehören, die eben in einem bestimmten Sprach- und
Kulturbereich geprägt wurde und die daher wohl als Fremdworte zu
akzeptieren sind. Keine Worte also, die man jetzt einfach mal englisch
daherredet, in der Hoffnung, dadurch irgendwie moderner zu klingen.
"Ästhetik" haben wir ja auch aus dem Griechischen
übernommen, es sagt eben doch etwas anderes als
"Wahrnehmung" oder "Kunst". Daraus ließe sich
bei Bedarf auch eine melancholische Kulturgeschichte herleiten: Von der
Schönheit der griechischen Lyrik zur bewussten Hässlichkeit
der amerikanischen Kulturindustrie.
Ihnen einen schönen (!) Sonntag.
Erlaeterung
Danke, denn in meinem Cassel's Dictionary stehen diese Worte nicht, stammt allerdings aus dem letzten Jahrtausend/Jahrhunder = 1957! Gibt es keine deutsche Uebersetzung?
Zur Erläuterung
Frau Schweizer, verzeihen Sie meinen Gebrauch der Cineasten-Termini.
Die Begriffe stammen aus dem Bereich der Porno- bzw. Gewaltfilme. Sie
bezeichnen dort die Darstellung von Sex oder Gewalt, bei denen auf
Mittel künstlerischer Darstellung und vor allem auf einen
Sinnverweis verzichtet wird, bei denen der rohe Akt für sich selbst
steht. Ziel ist dabei ein Unterlaufen kultureller Orientierungsmuster
und die Verstörung des Betrachters. Solche unkünstlerische und
amoralische Kunst steht in der Nachfolge des Marquis de Sade, der diese
Form zur Verdeutlichung einer materialistischen Weltinterpretation verwendete.
Gut oder schlecht, das kommt wie immer auf die Umsetzung an. In der
industriellen Filmherstellung ist es häufig nur verbrämter
Dilettantismus, weniger Resultat eines künstlerischen Prozesses.
Benutzt habe ich die Worte, um die m. E. bewusst abschreckende
Ästhetik des genannten Films zu verdeutlichen, welche die
Erwartungshaltung des durchschnittlichen Filmbesuchers attackiert.
Film / Kino
@Viktor Schulin Ich verstehe nicht was Sie sagen wollen, was ist hardcore und splattermovie, ist das gut oder schlecht?
Sehe ich auch so
die sollten mal nen Film auszeichnen, der die Deutschen fasziniert. zB wie fette deutsche Rentner und Witwen und Geschiedene das sexual Potential der ärmsten Regionen ausnutzen
Nicht gesehen, aber urteilen
Der Film ist nicht einfach von Laiendarstellern, sondern mit den Betroffenen einer unglaublichen Geschichte nachinszeniert worden. Das kann man vielen zumuten, weil es ein überaus interessanter, aber auch künstlerisch gelungener Einblick in das Leben von Menschen ist, die gerade mal ein paar hundert Kilometer von uns entfernt leben und von denen wir sonst nur sehr wenig mitbekommen. Sozusagen wirklich hardcore.
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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