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Berlinale Wenn im Kino das Licht ausgeht

 ·  Die Berlinale stellt auf digitale Projektion um. Das Festival hält aber auch den Film, wie wir ihn kennen, lebendig.

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© Cinetext Bildarchiv Das Kino hatte viele Glanzzeiten: Das in den dreißiger Jahren erbaute Pantages Theatre am Hollywood Boulevard ist ein wahrer Filmpalast

Kinofilme gehören auf die große Leinwand. Zum Filmeschauen gehört die Erfahrung von Öffentlichkeit, ein Saal voller anderer Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, um denselben Film zur selben Zeit zu schauen. Das Kino ist ein sozialer Ort. Filmfestivals sind die Hüter dieser Tradition, und sie klammern aus, dass das Kino immer wieder auch ein Ort der Macht, der Herrschaft war. Auch deshalb lieben wir die Festivals, umso mehr, wenn sie zum professionellen gleichberechtigt das ganz normale Publikum einladen. Die Berlinale zum Beispiel.

Stimmt das alles noch? Ist Film inzwischen nicht etwas ganz anderes geworden? Längst ist es nicht mehr das Kino, in dem die kollektiven Phantasien blühen. Die Technologien, mit deren Hilfe wir sehen, was andere uns zeigen wollen, verändern sich seit fast dreißig Jahren rapide. Aber wenn das, was wir heute sehen, kaum größer ist als ein Daumennagel (und auch so heißt), ist es dann noch die Welt, aus der heraus das Kino träumte?

Wozu braucht der Film das Kino noch?

Ein Film, das ist nur noch in Ausnahmefällen ein physisches Ding, das auf Rollen gewickelt und in Dosen aufbewahrt wird, das wir anfassen können und das in unserer Welt neben all den anderen Dingen existiert. Film heute, das sind in der überwiegenden Anzahl riesige Datensätze, die als Datei auf unterschiedlichen Medien gespeichert werden können und, wenn wir Glück haben, in nahezu brillanter Qualität auf die Leinwand, den Monitor, Bildschirm, Computerscreen oder das Smartphone gelangen.

Jenseits der Festivals schauen die meisten Leute bei uns die meisten Filme zu Hause, im Internet vollständig oder in Schnipseln, auf riesigen Fernsehmonitoren oder per Beamer an die Wand projiziert. Und das Fernsehen, das vor sechzig Jahren dem Kino schon einmal beinahe den Garaus gemacht hätte, hat inzwischen die Kunst des filmischen Erzählens in epische Weiten ausgedehnt und wird nicht erst seit gestern (und oft zu Recht) für seine Qualitätsserien gepriesen, die das bessere Kino seien. Wir sehen sie auf DVD oder laden sie aus dem Netz herunter. Aber auch die Kinogeschichte lebt längst jenseits des Kinos weiter. Die Menge an Filmen im Angebot, auch an alten Arthouse-Filmen, neuen Werken aus abgelegenen Ländern, Klassikern, die lange nicht verfügbar waren, hat sich ins nahezu Unendliche vervielfacht. Im Netz. Braucht der Film das Kino also überhaupt noch? Das ist die eine Frage. Die daran anschließende lautet: Wozu?

Langsames Kinosterben

Wer mit dem Kino aufgewachsen ist, wird die erste Frage emphatisch bejahen und damit auch die zweite beantwortet haben: weil Filme auf die große Leinwand gehören und weil das Erlebnis, sie zu sehen, lebendiger ist, wenn andere es teilen.

Es sieht so aus, als teilten diese Meinung wieder mehr Menschen als in den letzten Jahren. Dafür spricht der Rekordumsatz der Kinobranche im Jahr 2012, der zum ersten Mal die Milliardengrenze übersprungen hat, auch wenn das zum großen Teil an erhöhten Eintrittspreisen liegt und den Zuschlägen für 3D-Filme wie den Auftakt der „Hobbit“-Trilogie. Aber selbst die auf 135,1 Millionen gestiegene Zuschauerzahl bedeutet, dass sich die Deutschen laut der Statistik der Filmförderungsanstalt immer noch nur 1,65 Mal im Jahr zu einem Kinobesuch entschließen konnten. Die große Masse dieser Besucher schaute „Ziemlich beste Freunde“, „Skyfall“ und „Ice Age 4“. Dem gegenüber steht das langsame Kinosterben. Nur noch in 909 Städten und Gemeinden gibt es überhaupt ein Kino, und die Zahl der Leinwände nimmt weiter ab. 4617 waren es 2012 noch. Wenn der Prozess der Digitalisierung der Projektion endgültig abgeschlossen ist, werden es noch weniger sein.

Sie meinen nicht die Filmkunst, sondern das Geschäft

Als Keil in dieser Entwicklung, als Türöffner für die Digitalisierung der Kinos, diente vor einigen Jahren James Camerons 3D-Film „Avatar“. Weitere Upgrades folgten in den letzten Monaten mit Ang Lees „Life of Pi“ oder Peter Jacksons „Hobbit“. Wie einst der Ton, dann die Farbe hat die Technik von 3D die weitgehende Umrüstung der Projektionskabinen angeschoben. Noch ist die Projektion nicht immer perfekt, Verbesserungen gibt es beinahe im Minutentakt. Die Firmen, die damit werben, ihre Geräte sorgten dafür, dass wir 3D-Filme in der Form sehen könnten, die der Regisseur vor Augen hatte, mit angemessener Lichtstärke und Klarheit der Bilder und immer leichteren Brillen, sind auch auf der Berlinale vertreten und preisen bei den Kritikern ihre Technik mit den Worten an, sie sicherten die Zukunft von 3D „as a filmmaking necessity“. Aber wenn sie die Zukunft des Filmemachens im Blick haben, meinen sie nicht die Filmkunst, sondern das Geschäft.

Jenseits solcher Veranstaltungen ist 3D kein Thema auf der Berlinale, und möglicherweise wird es auch fürs Kino, wenn es sich nach dem Überfall dieses Trojanischen Pferdes endgültig vom Zelluloid verabschiedet haben wird, kein großes Thema mehr sein - erst recht nicht die Zukunft des Films, sondern nur eine Möglichkeit, deren sich der eine oder andere bedienen mag.

Ein Ort für Geschichten, die uns beim Träumen helfen

Die Berlinale ist auch ohne 3D - die Ausnahme im Programm ist der animierte „The Croods“, der außer Konkurrenz gezeigt wird - digital geworden. Weniger als zehn Prozent des Programms des diesjährigen Festivals werden noch auf Zelluloid präsentiert. Das Filmlager des Festivals, so erklärte der Festivaldirektor Dieter Kosslick kürzlich, heiße jetzt Film-Office, Filmkopien gibt es praktisch nicht mehr. Einerseits bedeutet das immense Investitionen in die Ausrüstung der annähernd fünfzig Kinos, die das Festival bespielen. Andererseits heißt es auf der Produktionsseite, dass billiger und schneller gedreht werden kann (eine Entwicklung, die schon seit vielen Jahren anhält) und dass auf diese Weise entstandene Filme ohne teures Umkopieren auf das Festival kommen können.

Wird der Zuschauer merken, dass er nicht mehr dem Licht zuschaut, wie es durch einen Filmstreifen fällt? Wir sehen ununterbrochen Filme, sehr knappe oder (im Fall von Serien) mit einer Dauer von mehreren Wochen, für manche bezahlen wir, für andere nicht. Das alles ist schon lange nicht mehr Kino. Was ist also eigentlich ein Filmfestival, das wie die Berlinale vierhundert Kinofilme aus vieler Herren Ländern auf großen Leinwänden zeigt und das bei fast jeder Vorstellung volle Säle vermelden kann? Ein Ereignis wie früher der Zirkus, der in die Stadt kam?

Sprechen wir also von Nostalgie - einer sehr weitgehenden Nostalgie in dem Sinn, dass wir für einige Tage zurückfallen können in den Zustand, als die Leinwand noch ein Ort war, der uns einer Illusion näherbrachte, einer Geschichte, die wir nicht fürs Leben hielten, sondern die uns beim Träumen half. Heute, so schreibt David Thomson in seiner wunderbaren Filmgeschichte „The Big Screen“, sind wir „misstrauischer, und wir vermuten, all die Leinwände und Bildschirme, die uns umgeben, seien das Eigentliche, großartige Werkzeuge, natürlich, aber subtile Barrieren zwischen uns und dem Leben“. Auf Filmfestivals fallen wir hinter dieses Misstrauen zurück. Schalten alles ab und versinken noch einmal vor der großen Leinwand, um zu schauen, was die Phantome da oben treiben und ob es mit uns noch etwas zu tun hat.

Transformationen sind Teil der Magie des Kinos

Wie der Buchmarkt, der immer in der Krise ist, so ist das Kino seit seinen Anfängen beständig in Veränderung begriffen - vom Jahrmarktszelt zum glamourösen Stummfilmpalast, vom billigen Grindhouse zum modernen Multiplex, vom Schachtelkino zum Luxusboudoir mit Bedienung. Die Filme, die dort spielten, häuteten sich ihrerseits, verkleideten sich immer aufs Neue und paradierten in immer neuen Variationen, schwarzweiß, in Farbe, in Technicolor, in Panavision und anderen Breitwandformaten, 2D, 3D, mit Gerüchen. Diese ständigen Transformationen sind ja Teil der Magie des Kinos und einer der Gründe, warum wir an all dem festhalten wollen, solange es geht.

Filmfestivals verändern sich nicht. Nicht prinzipiell. Sie erhalten am Leben, was das Kino einmal war, auch wenn die Bilder keine fotografischen mehr sind und der Film keinen Körper mehr hat. Die herrlichen Überraschungen, die das Medium Film immer noch zu bieten hat, hier auf dem Festival werden sie wieder zu dem Massenereignis, das Kino einst war. Eine eigene Kultur, gestützt auf die Erlaubnis, am helllichten Tag im Dunkeln zu sitzen, hingegeben an Phantasien. Eine gemeinsame Erfahrung, etwas, worüber man spricht.

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Jahrgang 1955, Redakteurin im Feuilleton.

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