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Berlinale: Perspektive Deutsches Kino Wo, bitte, geht’s zur inneren Zufriedenheit?

 ·  Bewegte Bilder von Bäumen, Menschen und Bäuchen: Mit der Reihe Perspektive Deutsches Kino blickt die Berlinale auf die Filmproduktion der Republik.

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© Berlinale Zwei Polizisten im Wald: Nahstudie aus Stephan Lacants „Freier Fall“

Elf Filme umfasst die von Linda Söffker getroffene Blütenlese junger deutscher Filmkunst. In vier Arbeiten davon fällt dem Wald eine auffällige Kulissenfunktion zu. Auf einem Waldweg treffen sich zum Beispiel Marc und Kay, zwei auf einen Lehrgang geschickte Bereitschaftspolizisten, zum gemeinsamen Lauf, und hier küssen sich die Männer zum ersten Mal. Der Wald schützt sie. Später werden Kays Wohnung und eine Schwulendisko zu den geheimen Treffpunkten.

Ans Licht kommt die Beziehung bei Marcs junger Frau Bettina (Katharina Schüttler) natürlich doch. Marc (Hanno Koffler) durchlebt eine dramatische Situation, weil er seine Familie nicht verlassen will und ihn die Männerliebe wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hat, Kay (Max Riemelt) dagegen eine noch schwierigere, weil er vor intoleranten Kollegen auf der Hut sein und ihretwegen den Standort wechseln muss. „Freier Fall“, Stephan Lacants erster Langfilm, beeindruckt mit seiner ausgespielten Körperlichkeit, der gekonnten Beiläufigkeit der Dialoge und einer vibrierenden Darstellungskraft bis in die Nebenrollen. Vor allem aber zeigt der Film, ohne das weitere Umfeld deutlich einzubeziehen, wie schwer es fallen kann, das eigene Leben und das der Familie durch alle Verunsicherungen und Versuchungen zu steuern und einen Fall ins Bodenlose zu stoppen, wenn er erst einmal begonnen hat.

Nur die Angst bleibt übrig

Doch zurück zum Wald. In der „postapokalyptischen Erzählung“, so die selbstgewählte Genrebezeichnung des Debütfilms „Endzeit“ von Sebastian Fritzsch, gibt es nur noch den Wald als Handlungsort. Ein Meteorit hat die Städte ausradiert, doch zum Glück die Kärntner Wälder verschont, wo eine junge Überlebende (Anne von Keller) auf Nahrungssuche umherstreift, von wilden Hunden bedroht. In einer Hütte stößt sie auf einen Altersgefährten. Gemeinsam finden sie in einem Bauernhaus freundliche Aufnahme, bis sie weiterziehen, dem Kamm des Gebirges entgegen, wo vermutlich neue Abenteuer auf das düster gestimmte Paar warten.

Vergeblich wartet aber der Zuschauer auf eine Erkenntnis, die diesen Ausflug auf postzivilisatorisches Gelände rechtfertigen würde. Andrej Tarkowskij („Stalker“) hat offenbar die junge Regiegeneration nie recht erreicht. Ohne philosophischen Hintergrund verpflanzt der Film, vereinfacht gesagt, die Orientierungssuche junger Menschen in Welt und Beruf auf ein spekulatives Terrain. Der Überlebenskampf bei schwindender Zukunftsgewissheit wird in einen rein physischen verwandelt, von der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt bleibt die Angst übrig. Dies gilt ähnlich für Andreas Bolms collagenartigen Versuch über Menschen am Vorabend einer angenommenen atomaren Katastrophe, „Die Wiedergänger“: Ein gealtertes Paar zieht in die Waldeinsamkeit, ein junger Mann errichtet einen Unterstand.

Eine Abrechnung mit dem Vater

In dem heiteren Dokumentarfilm „Die mit dem Bauch tanzen“ von Carolin Genreith wird der deutsche Wald kurzerhand auf seine schlichte Rolle als Erholungsstätte zurückverwiesen, als die redefreudige Autorin in einer eher beiläufigen Szene mit der Mutter auf dem Weg zu deren Freundinnen, die im fortgeschrittenen Alter beim Bauchtanz Freude und Entspannung finden, durch ein Waldstück radelt. Dies mag nur geringe Neugier erregen, doch der Disput zwischen der Tochter hinter und der Mutter vor der Kamera hat schon Bedeutung. Wie finde ich zu meiner inneren Zufriedenheit, lautet die Frage der Autorin, die auf die idyllische Gemächlichkeit in ihrem Kindheitsort in der Eifel plötzlich geheimen Neid empfindet.

Vielleicht ist diese unterdrückte Sehnsucht auch das Problem ihrer apokalyptisch gesinnten Kollegen. Kann denn keiner von der Trauer um das verlorene Paradies der Kindheit loskommen? Oder fand die in der Hölle statt, woran Sven Halfars hochgetrimmter Horrorfilm „DeAD“ mit seinen unverhohlenen Anleihen bei Aki Kaurismäkis „Leningrad Cowboys“ und Michael Hanekes „Funny Games“ keinen Zweifel lässt: Ein Gangstertyp hält blutige Abrechnung mit dem treulosen Vater, dem er die Schuld für das eigene Unglück und das Schicksal seiner im Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Mutter gibt. Mit der Figur des bildungsmächtigen, aber feigen und perversen Schuldirektor-Vaters könnte, mit einiger Phantasie, ein arrivierter Achtundsechziger gemeint sein.

Von den Opfer der Plutoniumproduktion

Wohl den Dokumentarfilmern, die nicht in Selbstzweifel verfallen, sondern ausziehen, ein Stück Welt sichtbar zu machen! Noch als Regiestudent an der Filmakademie in Ludwigsburg ist Sebastian Mez in die Welt hinausgefahren. Ursprünglich sollte es die Region Fukushima sein, aber Russland, genauer gesagt, ein Dorf nahe der verbotenen Stadt Majak in Westsibirien, bot die filmisch bessere Gelegenheit. „Metamorphosen“ ist ein großartiger Versuch geworden, weil er nicht redet, sondern zeigt: die Bewohner einer seit 1957 (als sich in der nahen Plutoniumfabrik eine starke, im Westen nicht registrierte Explosion ereignete) radioaktiv hochbelasteten Gegend, Gesichter, in die sich die Erinnerung an die dunkle Wolke über ihren Häusern, Gärten und dem bis heute verseuchten Fluss eingegraben hat, eine fahle Landschaft, über der ein dünner Schneeteppich wie ein Trauermantel liegt.

Die Entscheidung für Schwarzweiß war der richtige Weg, „eine emotionale Sichtbarkeit, eine Art Fühlbarkeit“ zu evozieren, wie es im Statement von Mez heißt, dem die Filmakademie ihren Segen gab, aber nicht das notwendige Geld. Dass der Regisseur den Rest selbst aufbringen musste, gehörte zu seinem eigenen, strahlenbelasteten Risiko.

Auf der Suche nach einem Samenspender

Ein Risiko anderer Art schloss Sandra Kaudelkas aus Archivaufnahmen und eigenen Interviews kompilierter Film „Einzelkämpfer“ ein: zwischen allen Stühlen zu sitzen. Mutig nimmt sie den Spitzensport der DDR vor dem Vorwurf in Schutz, die Weltrekorde wären allein dopingbedingt. Sie scheut sich nicht, den Rausch der inszenierten Sportgroßereignisse vor dem kritischen Auge vorüberziehen zu lassen. Den Ausschlag gaben Talent, Wille und hartes Training, sagen die Befragten - aber wehe dem Rekordhalter, der unerlaubte Fluchtpläne hegte. Die Sprinterin Ines Geipel musste bitter erfahren, wie Sportfunktionäre in einem solchen Fall verfuhren.

Ein ganz anderes Risiko nahm Anne Zohra Berrached mit ihrem halbdokumentarischen Versuch „Zwei Mütter“ auf sich: Ein von Schauspielerinnen verkörpertes lesbisches Paar geht auf die reale, von zahlreichen bürokratischen und finanziellen Hindernissen beschwerte Suche nach einem Samenspender für das gewünschte Kind. Als am Ende die Jüngere wie erwünscht schwanger wird, wendet die Ältere sich ab, weil nun doch ein Mann im Hintergrund steht.

Die List der Geschichte kann auch die List der Familie sein. Ohne Familie hätten die Sportgrößen Marita Koch, Brita Baldus, Ines Geipel und Udo Beyer ihre Erfolge nicht feiern können. Ohne Familie liefe der Polizist Marc neben der Spur, und ohne Familie würde kaum noch jemand im Dorf Musljumowo bleiben. Es ist immer die gleiche Sache.

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