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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Berlinale Aufbrüche mit reichlich Leben im Gepäck

 ·  Starke Frauen in Berlin: „Gold“ mit einer statuarischen Nina Hoss reiht sich noch ins Mittelmaß des Wettbewerbs ein, „Vic + Flo ont vu un ours“ und „Gloria“ geben aber Hoffnung.

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Bevor das Filmfestival losging, hieß es, wir würden vielen Frauen begegnen in Berlin, Frauen, deren Rollen die Filme tragen, Regisseurinnen, die sie drehen. Als Regisseurin hatte im Wettbewerb die Polin Malgoska Szumowska mit ihrem Film über den Kampf eines schwulen Priesters mit sich selbst den Anfang gemacht („W Imie“), am Wochenende war es im Wettbewerb dann auch für die Frauenrollen so weit. In „Gold“ von Thomas Arslan, dem ersten der beiden deutschen Konkurrenten um einen Bären, hielt Nina Hoss mit ihrer statuarischen Erscheinung unser Interesse fast für die gesamte Filmlänge, in „Gloria“ von Sebastián Lelio gehört der Frau schon der Titel - wie auch den beiden ehemaligen Strafgefangenen in „Vic + Flo ont vu un ours“ (Vic und Flo haben einen Bären gesehen) von Denis Côté, in dem die zwei Außenseiterinnen unter Beobachtung eines Bewährungshelfers in den Wäldern Kanadas ihrem blutigen Schicksal entgegengehen. Wobei das Schicksal eine dritte Frau ist, deren Grausamkeit eine der Überraschungen des Films ist.

Fangen wir mit „Gold“ an, einem Western. Der Film spielt in den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts im Nordwesten Kanadas. Dort trifft sich eine Gruppe deutscher Auswanderer aus anderen Teilen Nordamerikas; Nina Hoss etwa, die hier Emily heißt, ist aus Chicago gekommen. Mit einem Planwagen, Packpferden und, wie es zunächst scheint, gut ausgerüstet bricht die Gruppe nach Dawson auf, wo riesige Goldfelder auf sie und andere Glückssucher warten sollen. Im Folgenden geschieht, was auf solchen Trecks im Kino immer geschieht, ein Rad bricht, der Anführer verliert die Orientierung und will sich mit dem Geld aus dem Staub machen, ein Pferd rutscht aus und mit seinem Reiter eine Böschung hinab, es gibt Verletzte, Tote, böse Verfolger.

Es bleibt nur Nina Hoss

Das alles ist aber so gefilmt, dass wir vor allem die Anstrengungen sehen, die es für diese Stadtmenschen bedeutet, in ihren Jacketts oder einer mit kleinen Knöpfen bis unters Kinn eng zusammengehaltenen Jacke im Fall von Nina Hoss tagelang, wochenlang auf dem Pferd zu sitzen und durch die Wildnis zu reiten. Die Dinge, die wir erwarten, lässt Arslan geschehen, ohne Spannung aufzubauen, und dann gehen die Reise, die Strapazen weiter, mit dezimierter Teilnehmerzahl.

Wenn man aufgehört hat, sich zu wundern, dass sich ein deutscher Regisseur, noch dazu einer, der aus Berlin kommt, so weit weg bewegt von zu Hause, beginnt man nachzudenken, aus welcher Perspektive er diese Geschichte erzählt. Es ist nicht die Perspektive der Indianer (von denen ab und zu mal einer auftaucht, die Hand aufhält und den Weg weist), die vermutlich aus den Weiten des wegelosen Landes beobachten, wie dieser seltsame Trupp sich durchschlägt. Es ist vielmehr der interesselose Blick der Landschaft selbst, den Arslan einnimmt. Und das ist schon ein Problem.

Wir folgen einerseits dieser Gruppe, wie sie reitet, absattelt, Trockenfutter isst und einem der Ihren nach einem Tritt in eine Bärenfalle das Bein absägt. Aber es geht uns nichts an, was mit diesen Figuren geschieht. Alle Emotion ist aus den Bildern gedrängt, alle Empathie versandet. Uns hätte zum Beispiel schon interessiert, was Müller (Uwe Bohm), der Trinker und Journalist, in sein Tagebuch geschrieben hat, das er seiner Zeitung in New York schicken will, also zu erfahren, wie einer, der da reitet, die Sache sieht. Uns hätte auch interessiert, was Emily sucht. Und ob es eine Gier ist, die sie alle antreibt - damit müssen wir rechnen, denn Arslan beginnt seinen Film mit dem Bild einer Handfläche, in der ein paar Nuggets liegen, ein visuelles Klischee, aber auch ein Bildverweis auf Erich von Stroheims legendären Film „Greed“, aus dem es sich gebildet hat -, aber das können wir nach knapp zwei Stunden immer noch nicht sagen. Die Not allein kann es auch nicht sein, nicht alle in diesem Treck sind bedürftig.

Bleibt also Nina Hoss, die Ikone auf dem Pferd - eine starke Frau, die es vermutlich nach Dawson schaffen wird. Was sie dort finden könnte, auch das hätte uns interessiert. Aber vorher ist der Film zu Ende.

Nicht mehr ganz so düster

Nur durch einen Trick der Illusionsmaschine Kino gelingt es Florence (Romane Bohringer) und Vic (Pierrette Robitaille) in Denis Côtés kanadischem Film „Vic + Flo“, an ein Ziel zu kommen, das möglicherweise Glück verspricht. Es war der bisher merkwürdigste Film des Wettbewerbs, was nach dem gerüttelt Mittelmaß der meisten Beiträge willkommen war - die beiden Frauen quartieren sich in dem abgelegenen Haus von Flos Onkel ein, den die Schlaganfälle offenbar dahinraffen, brausen mit einem gedopten Golfwägelchen durch die Landschaft, treffen einen Jungen mit einer Trompete und einen anderen, der einen Helikopter fernsteuert, lieben sich, streiten sich, gehen einander auf die Nerven. Bis schließlich die böse Frau mit einem großen schwarzen Mann auftaucht und sehr viel Krach macht: Das ist eine irre Frauengeschichte, verspielt, versponnen, unsentimental und nur am Schluss, auch das willkommen, ganz verträumt.

Gloria im gleichnamigen Film des Chilenen Sebastián Lelio ist eine selbständige Frau Ende fünfzig, Mutter zweier erwachsener Kinder, von deren Vater geschieden, eine Frau, zu jung, um alt zu sein, mit zu viel Leben auf dem Buckel, um noch mal von vorn anzufangen. Sie arbeitet, sie geht aus, sie besucht ihre Kinder, sie belegt einen Lachkurs, trinkt nicht wenig und raucht manchmal einen Joint, und sie singt mit, wenn die Popmusik der Siebziger bis Neunziger im Radio läuft. Sie trifft einen Mann, der deutlich älter ist und seinerseits einen Haufen früheres Leben mit sich herumschleppt, den er nicht in den Griff bekommt.

Paulina García spielt diese Gloria hinter einer großen Brille selbstbewusst nicht als Verlorene, nicht als Verzweifelte, sondern als sexuell und intellektuell aktive Frau, die einen Mann in ihr Leben ließe, wenn dieser den Abstand von seiner geschiedener Frau, seinen erwachsenen Kindern finden könnte, den sie gefunden hat. Doch man spürt in Paulina Garcías Spiel die Mutter, die Sorge um die Kinder, und bei einem Familienfest auch einmal die Erinnerungsselige. „Gloria“ heißt mit gutem Grund so - weil der Film sich ganz auf diese Frau konzentriert, die einen nicht sehr ungewöhnlichen Alltag hat und der nicht sehr ungewöhnliche Dinge zustoßen und die doch als derart komplex gezeichnete Filmfigur eine Ausnahmeerscheinung ist.

Am Samstag musste man fürchten, dies würde das Festival der annehmbaren Filme. Nachdem wir Flo und Vic und Gloria gesehen haben, sieht es nicht mehr ganz so düster aus.

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Jahrgang 1955, Redakteurin im Feuilleton.

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