09.02.2006 · Migrantenfilme, Islamismus und die deutsche Provinz: An diesem Donnerstag beginnen die Filmfestspiele von Berlin. Dem deutschen Kino beschert die Berlinale einen starken Auftritt.
Von Verena LuekenIn seiner langen Krisengeschichte erlebte der deutsche Film immer wieder Blütezeiten, die selten länger dauerten als ein Jahrzehnt. Die fünfziger Jahre, so lehrt die Berlinale-Retrospektive über Traumfrauen jener Zeit, gehörten nicht dazu. Die nuller Jahre des dritten Jahrtausends hingegen voraussichtlich schon.
Mit vier Wettbewerbsbeiträgen, weiteren drei oder vier, die ebenfalls wettbewerbsfähig gewesen wären, wie Festivaldirektor Dieter Kosslick nicht müde wird zu betonen, und noch einmal drei Dutzend im restlichen offiziellen Programm ist der deutsche Film bei den Berliner Filmfestspielen, die an diesem Donnerstag abend eröffnet werden, stark vertreten. Woran auch immer das liegen mag, eines ist es nicht, nicht nur: Protektion (die im übrigen auch nicht übermäßig beschämend wäre, laufen doch in Cannes selbstverständlich mehrere französische Wettbewerbsbeiträge und in Venedig möglichst viele italienische).
Ein Schaufenster fürs Kino
Der Zufall spielt sicher eine Rolle, aber auch bewußtes Timing der Produzenten auf das Festival hin, seit die Berlinale wieder ein Schaufenster fürs deutsche Kino geworden ist, beharrliche Förderung, bessere Ausbildung. Der wichtigste Grund aber ist ebenso überraschend wie naheliegend. Überraschend, denn im deutschen Kino hatte kaum noch jemand damit gerechnet, obwohl die Entwicklung der vergangenen Jahre deutlich in diese Richtung ging, naheliegend, denn jenseits des Kinos scheint es uns selbstverständlich: Es gibt in Deutschland eine Vielfalt an Stoffen, die endlich ins Gesichtsfeld der Filmemacher geraten ist, und sie gehen damit um, wie Künstler es tun - völlig unterschiedlich.
Mit Oskar Roehlers Houellebecq-Verfilmung „Elementarteilchen“ werden wir eine möglicherweise skandalöse Literaturverfilmung, mit Jan Stahlbergs „Bye, bye, Berlusconi“ eine wilde politische Klamotte, mit Dominik Grafs „Rotem Kakadu“ eine Geschichte von erster Liebe, Rock'n'Roll und Mauerbau, mit Matthias Glasners „Der freie Wille“ die Geschichte eines Triebtäters sehen. Zum Beispiel.
Hölle unter flachgrauem Himmel
Anderes läßt sich locker bündeln. Die deutsche Provinz etwa ist keine „Heimat“ mehr wie einst bei Edgar Reitz, sondern offenbart sich jenseits der Metapher als Hölle unter flachgrauem Himmel, unabhängig davon, ob sie im Osten liegt wie Potzlow in der Uckermark, wo im Sommer 2002 ein grauenvoller Mord geschah, den Andres Veiel als filmisches Protokoll für zwei Schauspieler rekonstruiert („Der Kick“ im Panorama), oder im Süden. Ebenfalls von tatsächlichen Ereignissen inspiriert, allerdings als Spielfilm inszeniert, geht Hans-Christian Schmid in seinem Wettbewerbsfilm „Requiem“ dem Fall einer Teufelsaustreibung in der Gegend von Tübingen nach, die in den siebziger Jahren ein junges Mädchen zu Tode brachte.
Die deutsche Provinz, das sind aber auch modernistische Siedlungen am Rand der türkischen Küstenstadt Mersin, kreisförmig um eine Art Park mit Pool herumgebaute Wohnblocks, in denen aus Deutschland zurückgekehrte Türken leben. „Am Rand der Städte“ heißt der Film, den Aysun Bademsoy über diese unheimlichen Orte gedreht hat, er läuft im Forum. Vanessa Jopp wiederum setzt dem mit „Komm näher“ (im Panorama) einen echten Großstadtfilm gegenüber, dunkel, schnell, abrupt, in dem Berlin all seine Gemütlichkeit endlich abgelegt hat. Und im Spannungsfeld zwischen Provinz und Stadt liegt Valeska Griesebachs Wettbewerbsfilm „Sehnsucht“, eine Liebes- und Verzweiflungsgeschichte.
Das Genre Migrationsfilm
Kein Land, sagte kürzlich Larry Kardish vom Museum of Modern Art, der die Entwicklung des deutschen Kinos seit langem aufmerksam verfolgt, beschäftigt sich in seinen Filmen ähnlich intensiv und in so komplexer Weise mit der Migration. Tatsächlich ist der Migrationsfilm, seit Fatih Akin mit „Gegen die Wand“ vor zwei Jahren den Goldenen Bären gewann, fast ein eigenes Genre geworden, zu dem ganz persönliche filmische Reportagen wie „Aus der Ferne“, die Thomas Arslan von einer Reise durch die Türkei mitgebracht hat, ebenso gehören wie die Videodoppelprojektion „Corridor X“ von Angela Melitopoulos, die in der Reihe „Forum Expanded“ zu sehen ist und in einer nichtlinearen Filmmontage die historische Migrations- und Transitroute behandelt, die Deutschland über Jugoslawien mit Griechenland und der Türkei verbindet. Und im weitesten Sinn ein Film zum Thema ist wohl auch Romuald Karmakars Dokumentarfilm „Hamburger Lektionen“.
Ähnlich karg und konzentriert wie in seinem „Himmler-Projekt“ präsentiert Karmakar vor einer Kamera den Schauspieler Manfred Zapatka, der die deutsche Übersetzung eines arabischsprachigen Dokuments liest, hundertdreiunddreißig Minuten lang. Es handelt sich um den Wortlaut zweier „Lektionen“, die der Prediger Mohammed Fazazi im Januar 2000 in der Al-Quds-Moschee in Hamburg gehalten hat, bei denen die Anwesenden Fragen stellen konnten, zumeist schriftlich. Wann beginnt der Ramadan, etwa, ist eine der romantischeren.
Terror und die Freiheit des Worts
Es geht hier um die Binnenlogik eines islamischen Denkers und Predigers, dem drei der vier Selbstmordpiloten des 11. September und weitere Angehörige der „Hamburger Gruppe“ regelmäßig zuhörten. Mohammed Fazazi kehrte im Oktober 2001 von Hamburg in seine marokkanische Heimat zurück. Noch hat den Film niemand gesehen, aber die Fragen, die sich hier auftun, werden keinem gefallen: Terror und die Freiheit des Worts, ein deutsches Problem.
Über „Snow Cake“, die britisch-kanadische Koproduktion im Wettbewerb, mit der am Donnerstag abend die Berliner Filmfestspiele festlich eröffnen werden, können wir nichts berichten. Niemand, der öffentlich zu sprechen berechtigt ist, hat den Film bisher gesehen. Im vergangenen Jahr hatte sich der schlechte Eindruck, den die Kritik an einem ansonsten schnell vergessenen europäischen Puddingfilm über Pygmäen und wie sie in unsere Zoos kamen, hinterließ, wie Mehltau über das Festival gelegt. Ähnliches wollte man in diesem Jahr offenbar vermeiden, zeigte „Snow Cake“ niemandem und hat den Mehltau vermutlich jetzt ohne Film. Aber vielleicht, hoffentlich, nicht während des gesamten Festivals.