13.10.2008 · Vergangene Woche hat Quentin Tarantino in der Sächsischen Schweiz mit den Dreharbeiten zu seinem neuen Film „Inglorious Bastards“ begonnen. Alexander Sternberg spielt zwar nicht mit, durfte sich aber mit dem Meister in einer Bar in Berlin unterhalten.
Von Sascha LehnartzVergangene Woche hat Quentin Tarantino in der Sächsischen Schweiz mit den Dreharbeiten zu seinem neuen Film „Inglorious Bastards“ begonnen. Am gestrigen Montag landete Hauptdarsteller Brad Pitt mit Gattin Angelina Jolie und den zahlreichen gemeinsamen Kindern auf dem Berliner Flughafen Tegel. Anschließend bezogen sie die zuvor angemietete Villa am Wannsee.
Seit Wochen schon befinden sich Filmfreunde und Glamourfixierte in Berlin in einem Zustand fiebriger Nervosität. Die Nachricht, dass Tarantino mit den Potsdamer Babelsberg-Studios ein Remake des Kriegsfilms „Ein Haufen verwegener Hunde“ des italienischen Regisseurs Enzo G. Castellari aus dem Jahre 1977 drehen würde, elektrisierte ehrgeizige Schauspieler und Boulevard-Reporter gleichermaßen.
Gewisse Vertrautheit mit einer Tresenkraft
Die Hysterie wurde auch dadurch gefördert, dass sich die Produktionsfirma mit konkreten Informationen zu dem Projekt zurückhielt, das anscheinend echte Drehbuch aber einige Tage lang im Internet zugänglich war. Von dem Moment an, da Tarantino im August erstmals seinen Fuß in die Ankunftshalle des Flughafens Tegels gesetzt hatte, wurde er kaum mehr aus den Augen gelassen. Erst wohnte er im Q-Hotel am Kurfürstendamm, dann im Mandala am Potsdamer Platz und schließlich in einer Wohnung in Kreuzberg. Aus Sachsen berichtete der Hausmeister des städtischen Museums Görlitz, ein ihm nicht näher bekannter Herr Tarantino habe den Turm als möglichen Drehort inspiziert. Eifrig protokolliert wurden die regelmäßigen Ausflüge des Regisseurs ins Berliner Nachtleben: Man sah ihn in der „Ankerklause“ und der „Pan Am Lounge“.
Mit Interesse wurde auch notiert, dass Tarantino eine gewisse Vertrautheit mit einer Tresenkraft des Lokals „Alt-Berlin“ entwickelte, die im Zweitberuf unter dem Namen Tallulah Freeway als Burlesque-Tänzerin tätig sein soll. Noch besser Informierte raunten sich die Titel der DVDs zu, die Tarantino von einem Assistenten namens Alex in der bestens sortierten Videothek „451“ auf der Torstraße ausleihen ließ: Darunter waren das Stummfilmdrama „Die weiße Hölle vom Piz Palü“ von Arnold Fanck und Georg Wilhelm Pabst mit Leni Riefenstahl in der Hauptrolle und „Salon Kitty“, ein haarsträubender Naziploitation-Film von Tinto Brass mit Ingrid Thulin und Helmut Berger.
2500 Bewerber bei Statisten-Casting in Babelsberg
Unter schärfster Beobachtung lag in den vergangenen Wochen die Casting-Agentur von Simone Bär in Wilmersdorf. Am Hohenzollerndamm entschied sich, welcher deutsche Schauspieler durch Tarantino die Chance erhielt, die nächste Triebwerksstufe seiner Karriere zu zünden. Ulrich Tukur wurde mit einem Rollkoffer vor der Agentur gesichtet, doch als die Namen der Glücklichen durchsickerten, die einen Part ergattert hatten, fehlte der des Einundfünfzigjährigen. Stattdessen besprachen Til Schweiger, Gedeon Burkhard und Daniel Brühl gemeinsam mit Brad Pitt und Diane Kruger bei einem feuchtfröhlichen Abend im Restaurant „Contadino sotto le stelle“ in Berlin-Mitte ihre Rollen mit dem Regisseur.
Mehr als dreißig weitere deutsche Schauspieler werden in dem Film spielen, darunter Christoph Waltz, Christoph Berkel, Jana Pallaske, Michael Fassbender, Sylvester Groth und Martin Wuttke. Ende September erschienen noch einmal zweitausendfünfhundert Bewerber zu einem Statisten-Casting in Babelsberg, danach wurde die Besetzungsliste geschlossen.
„Man, you gotta cook for me!“
Einer der Zahlreichen, deren Traum, einmal mit Tarantino zu drehen, nicht in Erfüllung ging, ist der Schauspieler Alexander Sternberg. Immerhin kann Sternberg sich glücklich schätzen, dem Kult-Regisseur wenigstens an einem Abend ganz nah gekommen zu sein, einen kleinen, aber feinen Tarantino-Moment erlebt zu haben. Sternberg ist fünfunddreißig Jahre alt, er hat unter anderen am Theater in Senftenberg gespielt und in Fernsehserien wie „Soko Leipzig“ und „Küstenwache“. Bekannt ist er vor allem durch seine Rolle als Max Petersen in der Telenovela „Verliebt in Berlin“. An einem Samstag vor sechs Wochen erhielt Sternberg einen Anruf von einem Freund, der Tarantinos Ziel an diesem Abend kannte: „Er will in der Haifischbar noch etwas trinken.“ Alexander Sternberg zögerte nicht. Gemeinsam mit seinem Schauspielerkollegen Lorenzo Patanè (“Sturm der Liebe“) machte er sich auf den Weg.
Gegen halb zwölf betreten die beiden die Cocktailbar in der Kreuzberger Arndtstraße. Tarantino sitzt bereits an einem Ende des kleinen Tresens und plaudert mit dem Barkeeper. Sternberg und Patanè stellen sich an die gegenüberliegende Seite, keine zwei Meter entfernt von ihrem Idol. Aber wie kommt man mit einem Star-Regisseur ins Gespräch, ohne aufdringlich zu erscheinen? Glücklicherweise erscheint der gemeinsame Bekannte. Händeschütteln. Es entsteht für ein paar Minuten, was Sternberg „eine typische Berlin-Situation“ nennt. Weil Lorenzo Patanè gebürtiger Italiener ist, entzündet sich ein Gespräch. „Tarantino begann sofort gestenreich über Rossellinis ,Rom, offene Stadt' zu sprechen“, erzählt Sternberg.
„Scheinbar ganz nah dran - und zugleich ganz weit weg“
Tarantino sei genauso gewesen, wie man sich Tarantino vorstellt: ein Film-Besessener. Als Patanè ihm eröffnet habe, dass er mit seiner Mutter in Stuttgart ein italienisches Restaurant besitze, sei Tarantino ganz aus dem Häuschen gewesen. „Mann, Du musst unbedingt für mich kochen“, habe er immer wieder zu Lorenzo gesagt: „Man, you gotta cook for me!“. Dass sie Schauspieler sind, erzählen Sternberg und Patanè nicht. „Irgendwie ging das nicht“, sagt Sternberg. Aber er ist sicher, dass Tarantino das ohnehin bereits erkannt hatte. „Man merkt ja schnell, wenn so jemand diesen Blick hat: ,Schon wieder zwei Schauspieler. Bitte erzählt mir jetzt nicht, wie toll ihr ,Pulp Fiction' gefunden habt.“
Sternberg und Patanè haben nicht erzählt, wie toll sie „Pulp Fiction“ fanden. Und auch nicht, dass sie es toll fänden, in „Inglorius Bastards“ mitspielen zu dürfen. Sternberg hat sich auch verkniffen, Tarantino darauf hinzuweisen, dass er längst seine Bewerbungsunterlagen im Hotel des Regisseurs abgegeben hatte. Man plauderte noch ein wenig, dann verabschiedete sich Tarantino und verschwand in die Kreuzberger Nacht. „Wir standen draußen vor der Bar, Lorenzo war auf Wolke sieben, sah sich schon gebackene sizilianische Auberginen für Tarantino zubereiten. Und ich war am Boden zerstört. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich habe doch gerade eine Chance verpasst. Denn natürlich denkt man als Schauspieler, wenn man vor Tarantino steht: ,Siehst du nicht, dass ich genau der bin, den du besetzen musst?'“
Doch das sah Quentin Tarantino im Dämmerlicht der Kreuzberger Bar nicht. Sternberg macht sich keine Illusionen: „Natürlich weiß man, dass das so nicht läuft. Man ist halt scheinbar ganz nah dran - und zugleich ganz weit weg.“ Seine Aussichten, über das offizielle Casting eine Rolle zu ergattern, hatte Sternberg von vornherein gering eingeschätzt. Als Telenovela-Darsteller stecke er leider oft in einer Schublade. „Mir war schon klar, dass ich da nicht besetzt werde. Aber gleichzeitig denkt man: ,So viele Rollen, da muss doch noch etwas drin sein.'“
Ohne Tarantinos Telefonnummer nach Hause
Bei jedem Casting bestünden jedoch bestimmte Erwartungen und Vorgaben der Produktionsfirma. Die Agentin Simone Bär, die als einflussreichste ihrer Zunft in Deutschland gilt und neben dem Tarantino-Film auch für die ebenfalls in Babelsberg mitproduzierte Hollywood-Verfilmung des „Vorlesers“ gecastet hat, sagt dazu nur freundlich, dass sie lieber nichts über ihre Arbeit erzählen will: „In meinem Geschäft arbeitet man besser heimlich, still und leise.“ Sonst sei hinterher nur wieder irgend jemand beleidigt.
So blieb Alexander Sternbergs Tarantino-Abend für den Schauspieler ohne konkretes Ergebnis. „Es wäre ja schön gewesen, wenn wenigstens eine Verbindung entstanden wäre, auf die man mal zurückkommen könnte“, sinniert der Schauspieler. „So dass man ihm vielleicht in einem halben Jahr mal eine DVD hätte schicken können, nach dem Motto: ,maybe you like it'“. Aber Sternberg ging ohne Tarantinos Telefonnummer nach Hause. „Und wir haben ihm nicht einmal unsere Karten gegeben.“ Wohl deshalb hat Tarantino bislang auch Lorenzo Patanè noch nicht anrufen können, um die Pasta-Dinner-Pläne zu konkretisieren.
„Was bleibt, ist die Inspiration“, tröstet sich Sternberg. „Irgendwie war das eine Bestätigung für das, was wir vorhaben.“ Gemeinsam mit Patanè schreibt er schon länger an einem Drehbuch, „eine Boy-meets-girl-Story“, erklärt Sternberg. „Wir versuchen, unsere eigenen Filme zu schreiben und irgendwo das Geld herzubekommen. Deshalb bedeutet so ein Moment mit einem Großen auch etwas, der irgendwann genauso angefangen hat. Der auch mal irgendwo mit einer Büchse Bier und einer Tüte Chips in seiner Bude gesessen hat, wo er die Miete gerade nicht zahlen konnte, nur mit einer Idee. Manche Leute verstehen ja gar nicht, dass wir unseren Beruf wirklich ernst nehmen.“
Nachdem Quentin Tarantino die Bar verlassen hatte, tranken die Freunde noch einen Wodka auf den verpassten Moment. „Der Abend hatte Charme“, sagt Alexander Sternberg.