10.01.2008 · Jörg Pöhler und Rüdiger Kleinke sind weder Schauspieler noch Regisseur, dennoch werden sie ausgezeichnet. Sie erhalten den „Technik-Oscar“, weil ihre Maschinen so schönen Filmnebel machen. Davon konnte man sich bereits in „Fluch der Karibik“ überzeugen.
Von Thomas JansenAls am 14. Dezember 2007 um kurz vor 10 Uhr ein Telefax im Büro von Jörg Pöhler und Rüdiger Kleinke in Ronnenberg-Empelde einging, war die elektronische Fanfare, die dessen Empfang wie gewohnt begleitete, durchaus passend. Denn der Absender war die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, mithin jene honorige Institution, die in Hollywood über die Verleihung der Oscars befindet. Nur die Adressaten schienen unpassend. Pöhler und Kleinke sind weder Schauspieler noch Regisseur oder Kameramann, sondern Unternehmer.
„Es ist uns eine große Ehre ihnen mitteilen zu können, dass die Academy sich entschieden hat, einen „Technical Achievement Award“ an Jörg Pöhler und Sie zu verleihen“, hieß es in diesem an Kleinke auf Englisch gerichteten Schreiben. In der linken oberen Ecke zierte es jener auf einem runden Podest stehende junge Mann mit vor der Brust verschränkten Händen, der gemeinhin als „Oscar“ bekannt ist. Ausgezeichnet würden die beiden für die Entwicklung und den Bau von batteriebetriebenen Nebelmaschinen der Reihe „Tiny Foggers“.
Smokingpflicht für die Nebelmaschinenhersteller
Den 9. Februar des kommenden Jahres sollten sie sich deshalb schon mal vormerken, denn an diesem Tag würde der Preis in Beverly Hills vergeben. Zum Schluss las das Duo schließlich noch den dezenten Hinweis, dass es sich hierbei um ein „black-tie-event“ handele. „Da mussten wir erst mal mal googeln, um zu gucken, was das heißt“, erinnert sich Kleinke. Das Ergebnis der Recherche: Smokingpflicht. Kurzum: Die beiden Geschäftsführer des Nebelmaschinenherstellers Ottec sollen in Hollywood mit dem „Technik-Oscar“, wie er umgangssprachlich nicht ganz korrekt genannt wird – es handelt sich nur um ein Zertifikat und nicht um die begehrte Trophäe – ausgezeichnet werden.
Aus heiterem Himmel kam diese Ehrung nicht. Denn ähnlich wie für die „normalen“ Oscars gibt es auch für den Technik-Oscar eine Nominierung. Vorgeschlagen worden war der Nebelmaschinenproduzent von einem Fachmann für Spezialeffekte. Anders jedoch als im Fall von Schauspielern und Regisseuren, denen ein nochmaliges persönliches Werben für ihre Künste vor der Jury bekanntlich nicht zugemutet wird, mussten die Nebelmaschinen der Jury im Oktober eigens vorgeführt werden. Sie haben offenkundig überzeugt. Womit?
Die kleinste Nebelmaschine passt auch in die Hosentasche
Pöhler und Kleinke sehen das Erfolgsgeheimnis ihrer Geräte vor allem in deren sofortiger Einsatzbereitschaft sowie ihrem handlichen Format. Normalerweise benötigen Nebelmaschinen eine Aufwärmzeit von etwa zehn Minuten, um ihre Betriebstemperatur von bis zu 300 Grad zu erreichen. Wenigstens die kleineren Ausführungen aus dem Hause Ottec sprühen hingegen schon wenige Augenblicke nach dem Einschalten den gewünschten Nebelschwaden ins Freie. Das kleinste Modell passt sogar in eine ausgebeulte Hosentasche oder einen weiten Ärmel. Das sei für manche Filme und Theaterstücke sehr praktisch, erläutert Kleinke.
Sonst funktionieren die Nebelmaschinen nach dem gleichen Grundprinzip wie andere auch: Ein Gemisch aus Wasser und Glykol, einer Alkoholsorte, wird auf bis zu 300 Grad erhitzt Der so erzeugte Dampf tritt durch eine Düse aus und verbindet sich mit der kalten Luft zu einem sogenannten Aerosol. Dieses bricht das auftreffende Licht und wird wegen dieser Eigenschaft umgangssprachlich als „Rauch“ oder „Nebel“ bezeichnet. Zwischen 500 und 4500 Euro kostet ein solches Gerät. Wie viele die Firma Ottec davon verkauft, wollen die Geschäftsführer nicht preisgeben. Es seien genug, sagen sie. Vor allem das Geschäft in den Vereinigten Staaten läuft gut.
Lieber Räume vernebeln, als Schüler aufklären
Zum Nebelmaschinenhersteller wird man nicht geboren. Jörg Pöhler wollte ursprünglich Grund- oder Hauptschullehrer werden. Doch nach dem Studium entschied er sich dafür, sein Geld lieber mit der Vernebelung von Räumen als mit der Aufklärung von Schülern zu verdienen. Auf diese Idee hatte ihn seine Arbeit für einen Diskothekenausstatter gebracht. Dass man einen ganzen Raum mit künstlichem Nebel ausstatten kann, habe ihn damals fasziniert, beschreibt der heute 53 Jahre alte Pöhler sein Damaskuserlebnis. Im Jahr 1989 machte er sich als Nebelmaschinenhersteller selbständig. Ein Einmannbetrieb mit Firmensitz in der Garage der Eltern.
Das zur Konstruktion von Nebelmaschinen nötige technische Einmaleins brachte er sich als Autodidakt bei. Später kam der heute 36 Jahre alte Elektromechaniker Kleinke als Geschäftsführer hinzu. Im Jahr 2000 schließlich zog das Unternehmen nach Ronnenberg-Empelde, ungefähr zehn Kilometer von Hannover entfernt, in den „Planetenring acht“, ein tristes Gewerbegebiet. Das Gebäude der Firma dort wirkt wie eine architektonische Reminiszenz an ihre ursprüngliche Unterbringung, auch wenn das Erdgeschoss mittlerweile mit gelben Klinkern verkleidet ist. Das Büro der Geschäftsführer liegt dort, wo in anderen Betrieben die Pforte untergebracht ist, neben dem Haupteingang, auch das Interieur hat nichts von einer Chefetage. Pöhler selbst als Arbeitgeber von mittlerweile zwölf Personen erweckt mit seinem blauen Kapuzenpullover und seinen Birkenstocksandalen eher den Eindruck eines Lehrers als den eines Unternehmers. Es geht familiär zu.
Jodie Foster als Glücksfee?
Die Geräte aus der niedersächsischen Provinz haben nichtsdestoweniger oder vielleicht gerade deswegen schon Filmgeschichte vernebelt. Sie sorgten unter anderem im jüngsten Star-Trek-Film sowie in „Spiderman III“, Mission Impossible III“ und „Fluch der Karibik“ für einen bisweilen getrübten Blick. Allerdings stets anonym. Eine Erwähnung im Abspann des Films trägt ihnen der Einsatz nicht ein. Auch an der Art des Nebels könne man nicht erkennen, ob eine Nebelmaschine aus Ronnenberg-Empelde oder eine der rund ein Dutzend Konkurrenten verwendet wurde. Da bleibe nur die Nachfrage bei der Filmproduktion. Üblicherweise reichten zwei bis drei Nebelmaschinen vollkommen aus, in Ausnahmefällen kämen auch schon mal mehr als zwanzig Maschinen zum Einsatz.
Wer ihnen den Preis am 9. Februar, gut zwei Wochen vor der „richtigen“ Oscarverleihung am 24. Februar, überreichen wird, wissen die Preisträger noch nicht. Wenn es nach Pöhler ginge, hätte Jodie Foster gute Chancen, die Glücksfee zu spielen. Fest steht bislang nur, dass sie dort Kollegen aus Deutschland von der bayerischen Firma Novaimages treffen werden, die für ihr System für komplexe Simulationen von Flüssigkeiten ebenfalls zu den insgesamt zehn Technik-Oscar-Preisträgern zählen. Während des Gesprächs ertönt schließlich ein weiteres Mal die elektronische Fanfare. Ein Glückwunsch. „Willkommen im Klub der Oskar-Preisträger“ schreibt Günther Schaidt. Er hatte im Jahr 1973 die moderne Nebelmaschine entwickelt und dafür den Technik-Oscar erhalten.