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Auftakt in Venedig Welt am Draht

01.09.2005 ·  Bei den nächsten Olympischen Spielen dürfte China im Medaillenspiegel ganz vorne landen: Tsui Harks „Sieben Schwerter“, der Eröffnungsfilm des Festivals von Venedig, ist eine Luftnummer.

Von Dirk Schümer, Venedig
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Wie der Western, so ist auch der Kung-Fu-Film ein im besten Sinne reaktionäres Genre. In Amerika erklärte man im Zeitalter der Atombombe westwärts reitende Pistoleros zu Helden, in der chinesischen Kultur wurden, exakt nach dem Kollektivrausch der Kulturrevolution, durchtrainierte Schwertkämpfer zu individuellen Heilsbringern.

Der in Vietnam geborene und in Texas ausgebildete Hongkong-Chinese Tsui Hark hat das weltweit erfolgreiche Genre der akrobatischen Kampf-Epen Ende der siebziger Jahre recht eigentlich begründet - für Venedigs Festivaldirektor Marco Müller, der außer Cineast auch Sinologe ist, Grund genug, mit Tsui Harks monumentalem Epos „Sieben Schwerter“ die diesjährigen Filmfestspiele am Lido zu eröffnen. Doch was als Hommage an das asiatische Kino gedacht war, erweist sich als monumentale Beerdigung.

Altbekannte Geschichte

„Sieben Schwerter“ erzählt die altbekannte Geschichte von ebenso vielen Helden, die uneigennützig ein Bauerndorf vor der Aggression brutaler Gangsterbanden verteidigen und sich mit Todesverachtung der Übermacht stellen. Akira Kurosawa hat den Stoff für seine stilbildenden „Sieben Samurai“ japanisiert, John Sturges den Westernklassiker „Die glorreichen Sieben“ daraus abgeleitet. Tsui Hark hat jedoch alles Recht, sich der Thematik erneut anzunehmen, schließlich liegt allem ein chinesischer Romanklassiker über die Kämpfe zwischen zentralisierendem Kaiserreich und widerspenstigen Dorftruppen bald nach 1600 zugrunde.

Der Regisseur hat während der Dreharbeiten in der versteppten Nordwestprovinz Xingjiang und auf mehr als dreitausend Meter Seehöhe im mythenverhangenen Tian-Shan-Gebirge erklärt, sich fortwährend von seinem Meister Kurosawa entfernt zu haben; es handele sich eben um rein chinesische Geschichte. In Wahrheit aber trennt beide Meister nicht das Gelbe Meer, sondern die Erfindung des Digitalbildes. Das gemächliche Tempo der Samurai, Kurosawas geheimnisvolle Schattenbilder sind ersetzt durch einen Wirbelsturm an Kampfszenen, geschnitten im Zehntelsekundenrhythmus mit Strömen von Blut und Feuer.

Vom eigenen Genre niedergewalzt

Der Regisseur wird hier förmlich von seinem eigenen Genre niedergewalzt, denn die Ödnis der zahllosen Gefechte schreit nach einer wenigstens anekdotischen Auflockerung: Originelle Waffen wie fliegende Rasierscheiben, Bumerangmesser, Eisennetze und zuckende Hellebarden sind etwa das, was ähnliche Apparaturen für den Pornofilm bedeuten, der ja mit demselben Verhängnis des Immergleichen kämpft. Man darf Tsui Hark abnehmen, daß er alles versucht hat, um die „betäubende Wirkung der Spezialeffekte“ zu minimieren. Was sich an Kampfballett und Flugnummern mit verdrahteten Schauspielern längst verbraucht hat, soll durch penible Kostümierung und endlosen Funkenflug historisch eingeordnet und damit glaubhafter werden.

Doch die Ära des Kung-Fu-Films ist mindestens so passé wie die des Westerns. „Sieben Schwerter“ ist nichts anderes als der erwartbare Märchenfilm mit automobilen Waffen und bis zur Lächerlichkeit eindimensionalen Helden. Da nutzt der politisch korrekte Einbau zweier unterdrückter Koreaner und einer quirligen Kung-Fu-Meisterin für den panasiatischen Markt nichts. Was der Regisseur mit seiner Ankündigung meinte, „komplexe Gefühle“ rund ums Kampfgeschehen darzustellen, das bleibt bei edelmütigen Bauern, opferwilligen Greisen und sprungstarken Asketen wie aus dem Mao-Kino sein Geheimnis.

Leistungsschau von Gymnastik und Pferdedressur

Letzlich überzeugt der Film trotz einiger in China populärer Fernseh- und Schlagerstars nur als Leistungsschau von Gymnastik, Pferdedressur und Säbelfechterei. Sollten die Beteiligten in diesen Disziplinen bei den nächsten Olympischen Spielen antreten, dürfte China der erste Platz im Medaillenspiegel nicht zu nehmen sein. Vor allem aber die grotesk kitischige Synthesizermusik verrät, daß es hier überhaupt nicht um ein Zurück zu den altchinesischen Wurzeln ging, denn dann hätte man sich der wundervoll spröden Musiktradition mit Saiteninstrumenten und Flöten bedient.

Nein, hier wird - wie bei Fernost-Jeans oder China-Computern - ein amerikanisches Erfolgsmodell kopiert. Hier ist es der kalte Actionfilm, der in ostasiatische Gewänder verpackt und für den Videospiel-Weltmarkt der schnellen Bilder aufbereitet wird. Im Angesicht routiniert hingemähter Hekatomben rollender Köpfe und aufgeschlitzter Bäuche wirken das minutenlange weinerliche Lamento um ein ausgewildertes Pferd oder die romantische Feier erhabener Heimatlandschaft nur um so obszöner. Die große taoistische Kampfschule des Kung Fu hinterließ als obersten Lehrsatz: Die höchste Kunst des Kämpfens besteht darin, nicht zu kämpfen. Schade, daß diese fernöstlichste aller fernöstlichen Weisheiten noch nicht im Kino angekommen ist.

Quelle: F.A.Z., 01.09.2005, Nr. 203 / Seite 33
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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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