Sie haben in den vergangenen zwanzig Jahren überwiegend in Amerika gelebt, zuerst in New York, dann in Austin, Texas. Wie kam es zu der Wiederannäherung an Griechenland?
Ich ging 2003 zum ersten Mal für längere Zeit zurück, weil ich bei den Olympischen Spielen mit dem Regisseur der Eröffnungsfeier zusammenarbeitete. Ich sollte die Videos für die Veranstaltung machen. Damit war ich ungefähr ein Jahr beschäftigt. Im Anschluss daran produzierte ich „Kinetta“, einen Film von Giorgos Lanthimos, der heute oft als der erste „neue griechische Film“ bezeichnet wird. Danach ging es wieder nach Austin, aber die Sache mit dem Kino war ins Rollen gekommen. 2008 kehrte ich nach Griechenland zurück, habe mit „Kynodontas“ einen weiteren Film von Giorgos produziert und schließlich bei „Attenberg“ selbst Regie geführt.
Woher kam die Idee für „Attenberg“?
Ich hatte nur die Idee für die erste Szene: eine weiße Wand, davor zwei Mädchen, ein Zungenkuss, die richtiggehende Lektion eines Kusses. Eines der Mädchen ekelt sich. Meine Arbeitsweise ist, dass ich von so einer Szene ausgehe. Manchmal träume ich Szenen, wache auf und notiere sie mir, und am Morgen lese ich die Notiz und denke: Wow, ich möchte gleich drehen.
Manchmal ist es aber auch komplett sinnlos, was mir da einfällt. Jedenfalls ging ich von hier aus weiter: Wer sind die beiden Mädchen? Ich befragte diese Szene und die Figuren darin. Dieses Interview dauerte ein paar Monate, und das war der Vorgang des Drehbuchschreibens. Im zweiten Monat schrieb ich auf: Françoise Hardy. Und davon ausgehend, kam unmittelbar das nächste Thema: Selbstmord. Es ist ein intuitiver, aber gleichzeitig sehr methodischer Prozess.
In „Attenberg“ steht ein Mädchen im Mittelpunkt, das sexuell spät dran ist und mit dem Sterben des Vaters zurechtkommen muss.
Ich wusste sofort: Was mich an Marina interessiert, war ihre Beziehung zu ihrem Vater Spiros. Das ist eine grundlegende Beziehung in jeder Gesellschaft, aber besonders in einer so tief patriarchalischen wie der griechischen. In Filmen hatte ich das so noch nicht gesehen, und meine persönliche Erfahrung war auch ganz gegensätzlich zu der von Marina: Mein Vater war ein ganz traditioneller Mann, griechisch-orthodox, über Persönliches sprachen wir nie. Mit dem Film konnte ich mit ihm in eine Diskussion eintreten, wie wir sie nie hatten. In meinem Alter beginnt man ja, sich allmählich Sorgen um die Eltern zu machen. Man bereitet sich darauf vor, dass man sie verlieren könnte.
Der Moment, in dem man unausweichlich erwachsen werden muss.
Ich hatte das Glück einer sehr, sehr verlängerten Adoleszenz, weil ich einen dafür gut geeigneten Beruf gewählt habe. Und auf eine gewisse Weise hoffe ich, für immer „pubertär“ bleiben zu können. Aber wenn man fünfunddreißig wird, passiert etwas. Dazu kommt meine eigene Sorge um den Tod. Ich will darüber Kontrolle haben, wie ich persönlich sterbe, oder zumindest, was mit mir nach dem Tod geschieht. In Griechenland ist Kremation nicht erlaubt, und auch das spielt in die Beziehung zwischen Marina und ihrem Vater wesentlich hinein. „Attenberg“ hat in dieser Hinsicht übrigens einiges bewegt. Es gab einen Antrag im Parlament, und anscheinend wird in Thessaloniki nun ein Krematorium gebaut.
Entscheidend für „Attenberg“ ist auch der Ort, an dem Sie gedreht haben: Aspra Spitia, eine Stadt mit bedeutsamer Geschichte.
Es war mir wichtig, dass die Geschichte an einem Schauplatz prononcierter Modernität spielt, und zwar nicht nur der griechischen Moderne, denn die war zu kurz. Es geht mir um die europäische Moderne seit der Aufklärung insgesamt. Was hat das mit dieser seltsamen Maschine gemacht, die Europa ist? Aspra Vitia ist das einzige wirklich autobiographische Motiv in „Attenberg“. Mein Vater war dort Ingenieur, und ich verbrachte dort die ersten Jahre meiner Kindheit in den frühen siebziger Jahren. Schon als kleines Kind war mir klar, dass ich in einem Sozialexperiment wohnte.
Der Film hat davon viel übernommen.
Es war eine seltsame Erfahrung, nach all den Jahren wieder nach Aspra Vitia zu kommen und den Verfall zu sehen, den Verlust dieser Utopie, die allmählich zerbröckelt. Heute ist das eine Geisterstadt, besser kann man nicht sehen, was in Griechenland passiert ist. Ohne Worte begreift man alles. Ich konnte dann nicht anders, als Spiros ein kleines Manifest in den Mund zu legen, Ich habe das tausendmal herausgeschnitten und dann wieder hineingetan. Was er sagt, klingt vielleicht ein wenig schwerfällig, aber ich wollte dieses Bekenntnis von ihm. In drei Sätzen ist das meine Quintessenz dessen, was mit meinem Land passiert ist: zehn Jahre Moderne zwischen Jahrtausenden agrarischer Gesellschaft und dann schon das große Danach, Posthistorie, Postmoderne, Post-Alles.
Große Sprünge enden häufig unsanft.
Eben. Wenn man sich überlegt, dass politische Systeme auch Lebensalter haben, dann ist Griechenland als unabhängiger, demokratischer Staat gerade einmal siebenunddreißig Jahre alt. Also eigentlich ein Kind, das erst erwachsen werden muss. Die Leute verwechseln das oft: Griechenland hat zwar vor mehr als zweitausend Jahren die Demokratie erfunden, aber später standen wir vierhundert Jahre unter der Herrschaft der Osmanen, dann hatten wir einen deutschen König, dann kam der Erste Weltkrieg und das ganze Fiasko mit Kleinasien, dann der Zweite Weltkrieg und die Besetzung durch Deutschland, danach ein verheerender Bürgerkrieg, und dann gab es zwischendurch einmal zehn Jahre, in denen Griechenland westlich wurde: Es gab plötzlich Industrie, Urbanisierung, Unternehmertum. Vergessen Sie nicht: Athen hatte Anfang der fünfziger Jahre nur 400 000 Einwohner.
Dann kamen die goldenen Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts für Griechenland, es entwickelte sich eine neue Identität, wir hatten große Dichter wie Giorgos Seferis und Odysseas Elytis, beide wurden Nobelpreisträger! Und dann kam die Unterbrechung durch die Diktatur, und darauf folgte eine Art Demokratie, die nicht wirklich wusste, was sie mit sich tun sollte. Also blieb nur der Populismus der Pasok. Griechenland ist geprägt durch ein bulimisches Begehren, alles sehr schnell haben zu wollen. Der Sprung von der dritten in die erste Welt war nicht zu verkraften, wir haben Moderne mit Konsum verwechselt. Wir wollten erste Welt werden, aber wussten nicht, wie das geht.
In „Attenberg“ steckt auch jede Menge Theorie über diese Modernisierungsprozesse. Dahinter lassen sich intensive persönliche Beschäftigungen vermuten.
Ob ich Theorie lese, wollen Sie wissen? Zu viel. Ich strenge mich sehr an, mein theoretisches Wissen zu unterdrücken, damit es nicht zu ausdrücklich wird und meine Filme nicht schwadronieren. Mein Hintergrund sind Theater, Philosophie, Phänomenologie. Ich war ein Nerd, bis ich drauf kam, dass Kino das perfekte Gefäß für all das ist, was mich interessierte.
Nennen Sie ein paar Namen. Wer hat Sie interessiert, beeinflusst?
Beckett war sehr wichtig. Ich habe ihn zu früh gelesen, aber da war etwas, was mich packte, ohne dass ich es begreifen konnte. Wie ich heute über Sprache denke, das kommt alles von da her. Auch seine Auffassung davon, was es heißt, ein Mensch zu sein, ohne das naturalistisch zu fassen, hat mich beschäftigt und sich dann auf meine Versuche ausgewirkt, auch auf eine nicht naturalistische Weise Erzählungen zu konstruieren. Dann kam Heidegger . . .
Heidegger? Gibt es von ihm eine gute griechische Übersetzung?
Eine phantastische Übersetzung. „Sein und Zeit“ kam gerade heraus, als ich die Schule abschloss. Von dort ging ich weiter in die Geschichte zurück. Die antike Tragödie, vor allem Euripides und Aischylos, ist in allen meinen Arbeiten gegenwärtig. Patriarchat gegen Matriarchat, die Gene und die Genealogie und diese Faszination für die Semiotik und die Biologie des menschlichen Körpers. Deswegen ist Science-Fiction für mich die ultimative griechische Tragödie.
Welche Autoren sind für Sie auf diesem Gebiet die wichtigsten?
Wahrscheinlich J. G. Ballard und natürlich Philip K. Dick. Damit habe ich mich zuletzt sehr beschäftigt, anlässlich eines Filmprojekts. Für mich ist es eine riesige Herausforderung, einen richtigen Science-Fiction-Film zu machen, keinen Meta-Science-Fiction-Film, sondern einen, der das Genre ernst nimmt. Es wird dauern, das zu finanzieren, denn ich brauche Animation und Special Effects. Wir haben das Projekt beim Rotterdam Cinemart präsentiert und den ersten Preis gewonnen. Aber es wird eine Weile herumgereicht werden müssen, und ob es jemals durchfinanziert werden kann, muss sich weisen.
Eine junge griechische Filmemacherin muss ich natürlich nach Theo Angelopoulos befragen. Er kam Anfang des Jahres bei einem Unfall ums Leben.
Seine ersten vier Filme haben mich sehr beeinflusst, und das gilt auch für Giorgos Lanthimos. Angelopoulos ist dieser riesige Schatten, man kann ihn nicht ignorieren, aber seine späteren Filme fand ich nicht mehr glaubwürdig. Man muss die Eltern töten, um selbst voranzukommen. Diese Ambivalenz hatten wir auch ihm gegenüber. Er hat uns allerdings extrem unterstützt und war auf eine sehr großzügige Weise bereit, den Stab weiterzugeben. So lange Zeit hat er das griechische Kino ganz allein repräsentiert! Und dann kamen all diese jungen Leute, die nicht kleine Angelopoulosse werden wollten. Es ist ungeheuer traurig und ironisch, wie er ums Leben kam - während der Arbeit an einem Film, einfach beim Überqueren einer Straße.
Sie wollen wieder nach Amerika zurückkehren. Was bedeutet Ihnen diese andere Welt?
Austin ist für mich gleichermaßen Daheim. Auf eine gewisse Weise fühle ich mich dort sogar wohler. In Griechenland hat man für so etwas wenig Sinn: eine Sache zu tun, mit geringen Mitteln, nicht zu jammern, zusammenzuarbeiten. Kleine Gruppe bilden, so läuft das in Amerika. So haben wir Mitte der neunziger Jahre Cinematexas gegründet, ein kleines Avantgarde-Festival. Es war wichtig zu verstehen, dass man Filme nicht machen kann, ohne Filme zu sehen.
Bilden die vielen interessanten Filme der letzten Jahre aus Griechenland nun schon eine Bewegung?
Da wäre ich vorsichtig. Ich ärgere mich oft über die heute Jungen in Griechenland. Sie kennen das Kino nicht und glauben, sie müssten nur an den Set gehen, um ein Meisterwerk zu machen. Das ist Arroganz aus Mangel an Kultur. Wissen Sie, was das Peinlichste an Griechenland ist? Wir sind das einzige Land in Europa, das keine Filmschule hat. Und die Athener Kinemathek ist im Grunde ein privates Unternehmen, hinter dem mehr oder weniger eine Frau steht. Und doch sind in den letzten zehn Jahren auch so viele gute junge Filme auf anarchische Weise entstanden. Das ist keine Bewegung, alles läuft eher chaotisch, doch darin erkenne ich Griechenland wieder: chaotisch-organisch. Diese Filme zeigen das wirkliche Griechenland, wie es heute ist: ein Land wie ein Monster des Dr. Frankenstein.
Zur Person
Athinas Rachel Tsangari, geboren am 2. April 1966 in Athen, geht nach einem Studium der Literatur in Saloniki Mitte der neunziger Jahre nach New York, um Theater und Performance zu studieren. Als sie von dort nach Austin, Texas, wechselt, wird sie buchstäblich von der Straße weg für einen Auftritt in Richard Linklaters „Slacker“ engagiert, der inzwischen als Klassiker des unabhängigen Low-Budget-Kinos gilt.
Sie wendet sich dem Filmemachen zu und gründet schließlich 2005 nach ihrer Rückkehr nach Athen die Produktionsfirma Haos Films, die unmittelbar mit dem Aufbruch eines jungen griechischen Kinos verbunden ist.
Ihren ersten eigenen Film „The Slow Business of Going“ bringt sie 2000 heraus, mit „Attenberg“ feiert sie nun Triumphe in zahlreichen Ländern. Bei „Alpen“ von Giorgos Lanthimos, der in zwei Wochen in Deutschland ins Kino kommt, ist sie Koproduzentin. Das Kino Arsenal in Berlin zeigt im Mai einen Überblick über den jungen griechischen Film.