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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Im Gespräch: Arnold Schwarzenegger Ich kann jeden beleidigen

 ·  Bodybuilder, Schauspieler, Gouverneur, Autor - und wieder Schauspieler. Mit dem Western „The Last Stand“ kehrt Arnie zurück ins Filmgeschäft. Wie war es in der Politik?

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© dpa Schwarzenegger bei der London-Premiere seines neuen Films

Köln im Schnee, das Hotel voller Journalisten, denn Arnold Schwarzenegger ist in der Stadt, um seinen neuen Film vorzustellen, „The Last Stand“, die erste Hauptrolle nach seiner Amtszeit als Gouverneur von Kalifornien, lustiger Quatsch über einen Sträfling auf der Flucht in einer Corvette ZR 1, mit der er die Grenze nach Mexiko durchbrechen will, aber dort stellt sich ihm Ray Owens in den Weg, der Sheriff von Sommerton. Arnold Schwarzenegger, Cowboystiefel, schwere Ringe, größer als erwartet, will das Interview auf Englisch führen. Zwanzig Minuten Zeit, ein Agent passt auf. Schwarzeneggers Steiermark-Twang ist einfach so wunderbar.

Müsste ich Sie nicht eigentlich mit Governor anreden?

Schon, aber Sie können auch einfach bei Arnold bleiben.

Mir wäre Sheriff noch lieber.

Sheriff?

Ja, weil es Ihnen großen Spaß macht im neuen Film, sich ständig so zu nennen. War das der erste Sheriff, den Sie gespielt haben?

Ich habe schon eine Menge Gesetzeshüter gespielt.

Klar, aber der Film ist ja eine Mischung aus „Too Fast Too Furious“ und „Zwölf Uhr mittags“, und ich habe mich gefragt, ob Western für Sie etwas Besonderes sind.

Der Sheriff war eine tolle Rolle, vor allem weil ich ihn verletzlich spielen wollte, nicht als Typ, der reinkommt und anderen in den Arsch tritt. Er fängt als Underdog an, das hat mir gefallen.

Und haben Sie sich dann zur Vorbereitung alte Filme mit Gary Cooper angeschaut?

Die habe ich so oft gesehen, das musste ich nicht mehr. John Wayne war ein großes Idol für mich, Clint Eastwood auch. Ich habe Western geliebt.

Sie haben zehn Jahre lang keinen Film mehr gemacht. Waren Sie da am ersten Drehtag nervös?

Ich war ja auch schon bei den „Expendables“ dabei. Sly Stallone und seine Crew hatten seit Wochen gedreht, ich platzte da rein, und die sagten zu mir: „Arnold, hier sind die Waffen, da wird geschossen, du rennst erst hier hin, dann wirfst du dich da auf die Knie, alles klar, Achtung, Klappe!“ Das war aber meine Rettung, ich hatte keine andere Wahl, sonst hätte ich die Produktion aufgehalten. Da waren Typen dabei, die älter sind als ich und besser in Form, Chuck Norris zum Beispiel ist 77! Danach bin ich direkt nach New Mexico zum Set von „The Last Stand“ geflogen, es war wie Aufwärmtraining.

Hat Ihnen das Filmen gefehlt, als Sie in der Politik waren?

Dazu hatte ich gar keine Zeit. Ich war so überwältigt von der Arbeit. Als Schauspieler hat man ein Drehbuch, das gibt es für Politiker nicht, jeder Tag war eine neue Überraschung, Stunde um Stunde, es ist irre, wie viele Probleme da auf einen zukommen, Sozialhilfe, Armut, überfüllte Gefängnisse - man wacht morgens mit 2.000 Waldbränden in Kalifornien auf, oder jemand sitzt in der Todeszelle und soll um Mitternacht hingerichtet werden, und man ruft Sie an und sagt: „Governor, Sie könnten das aufhalten.“ Plötzlich ist man verantwortlich für das Leben anderer Menschen.

Und da blieb keine Zeit, um an Filme zu denken.

Tatsächlich war ich froh, aus dem Business raus zu sein, weil das, was ich jetzt machte, viel aufregender war. Ich wollte dazulernen, ich wollte herausfinden, wie man mit Republikanern und Demokraten arbeitet, wenn beide Seiten so verfeindet sind. Und als meine Amtszeit vorbei war - es ist interessant, wie schnell es im Kopf dann geht. Ich bekam Drehbücher angeboten und sah mich plötzlich wieder als Schauspieler und nicht als Politiker, der für den Senat kandidiert oder für das Abgeordnetenhaus. Ich wollte zurück zum Film, wo ich viel Spaß hatte, wo ich auch sehr viel Geld verdient habe und ich machen konnte, was ich wollte.

Im Herbst ist Ihre Autobiographie erschienen. Alle Welt hat interessiert, was Sie aus Ihrem Privatleben erzählen. Das Buch ist aber seitenweise ein Aufruf, Ihre Partei zu reformieren, die Republikaner.

Stimmt genau.

Könnte es sein, dass Sie eines Tages noch mal die Seiten wechseln?

Deshalb haben wir ja das Schwarzenegger-Institut an der University of Southern California gegründet. Ich glaube fest daran, dass wir den Umweltschutz vorantreiben müssen und die Stammzellenforschung, dass wir von fossilen Brennstoffen wegkommen. Mit Universitäten kann man viel erreichen, Studenten sind ja die Elite von morgen. Wir können ihnen beibringen, nicht mehr in Lagern zu denken und wie man Entscheidungen trifft, die gut für die Menschen sind und nicht für Parteien.

In Ihrem neuen Film herrscht aber ein altmodisches Verständnis von Gut und Böse. Kompromisse werden in „The Last Stand“ nicht gemacht, Gefangene auch nicht.

Erinnern Sie sich, wie einer der Polizisten sagt: „Und was, wenn wir einfach wegschauen? Und die Gangster durchlassen? Kein Mensch würde das merken.“ Aber ich mache da nicht mit. Da könnte man gleich den Sheriffstern wegschmeißen. Das ist unser Job!

Dieses Sommerton, wo „The Last Stand“ spielt, ist die typische, mythische Westernstadt. Gibt es solche Orte überhaupt noch?

Oh ja. Klar. Überall. Einmal kam ich nach einem Erdbeben in so eine Stadt an der Grenze zu Mexiko. Es war unglaublich. So eine Stadt hatte ich noch zuvor gesehen, und jetzt stand ich drin.

Mit einem Dineran der Ecke ...

Total altmodisch, mit Gleisen, die quer über die Hauptstraße liefen, auf der man seine Pferde draußen anbinden konnte. Irre.

Also zeigt der Film nicht ein Idyll, das es gar nicht mehr gibt?

Nein, die Stadt, wo wir gedreht haben, gibt es ja, nur ein Gebäude musste renoviert werden.

Die schönste Diner-Idylle - und dann wird ständig „Fuck“ gesagt und ein Blutbad angerichtet.

Ja, weil Gangster in die Stadt kommen. Am Anfang gibt es eine Parade für das Football-Team, die Cheerleader tanzen, alle sind happy, und während alle beim Auswärtsspiel sind, bricht die Hölle los. Es stimmt schon, es wirkt wie eine friedliche Stadt für Familien, und dann geht es abwärts.

Es ist auch nicht unbedingt ein Film über Waffenkontrolle. Der Sheriff deckt sich gegen die Gangster mit Knarren ein, die beim Dorftrottel in der Scheune liegen. Es wirkt ein bisschen eigenartig, so mitten in der Debatte nach dem Amoklauf von Connecticut.

Es wird immer wieder über Waffenkontrolle geredet, nach dem Attentat auf John F. Kennedy war das so, nach dem auf Martin Luther King, auf Reagan - als sei Waffenkontrolle das Problem. Es hat nur gar nichts damit zu tun. Alle Waffen, die bei den Verbrechen benutzt wurden, über die jetzt geredet wird, sind legal erworben worden. Chicago hat die schärfsten Waffengesetze in ganz Amerika, aber die meisten Morde. Waffenkontrolle ist Quatsch. Es funktioniert nicht.

Was funktioniert denn dann?

Man braucht einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem Waffenkontrolle eine von zehn verschiedenen Maßnahmen ist. Man muss sich die Schulen anschauen. Beschützen wir unsere Kinder genug? Gehen wir mit Gemütskrankheiten richtig um, wenn wir das posttraumatische Stresssyndrom so lange ignoriert haben? Und was machen wir, wenn ein Typ vor einer Schule herumläuft und etwas plant? Kein Gesetz erlaubt, ihn zu verhaften, solange er nichts verbrochen hat. In Diktaturen kann man die Leute einfach wegsperren, die sich seltsam verhalten, aber macht das eine Demokratie aus? Und wer entscheidet, was seltsam ist? Man kann jetzt nach strengeren Waffengesetzen rufen, das ist Politik. Ich sage ja auch nicht, dass man sich diese Gesetze nicht anschauen sollte, aber alles andere eben auch.

Sind Sie seit Ihrer Zeit im Amt jetzt vorsichtiger geworden, was Ihre Filmstoffe angeht?

Nein, ich trage viele Hüte. Ich kann als Entertainer auf die Themen schauen, als Politiker - auf der einen Schulter sitzt der Österreicher und auf der anderen der Amerikaner, und sie streiten sich die ganze Zeit, da gibt es den liberalen Arnold und den konservativen.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Sie sich als Gouverneur mal bei einer Rede über einen Kontrahenten lustig machen und merken, dass es gar nicht gut ankommt. „Ich kann nicht mehr Arnold sein“, stellen Sie da fest. Hat sich dieser Arnold verändert?

Nein. Wenn du Arnold bist, kannst du jeden beleidigen, den du willst. Ich kann über jeden Witze machen, das ist Showbusiness. Aber wenn Sie die Menschen vertreten sollen als Governor, müssen Sie zweimal darüber nachdenken. Weil Sie gewählt wurden, um diese Leute zu repräsentieren. Und ist es das, was sie wollen: dass ihr Governor einen politischen Gegner „girlie man“ nennt? Das ist ein lustiger Spruch für Arnold, aber nicht für den Governor. Ich hatte immer ein loses Mundwerk, es hat mich in Schwierigkeiten gebracht und auch wieder raus, es ist mein Kapital, aber auch meine Bürde.

Wenn sich Arnold nicht verändert hat, wie haben Sie sich dann verändert durch die Politik?

Jetzt bin ich freier. Nicht freier als früher, weil ich immer noch der Governor bin und diese Vergangenheit mit mir trage - ich habe den Staat regiert, mit Präsidenten gearbeitet, also muss ich vorsichtiger auftreten. Aber jetzt fühle ich mich viel freier. Das ist das Glück, wenn man viele Hüte trägt.

Das Gespräch führte Tobias Rüther.

„The Last Stand“ kommt am Donnerstag, 31. Januar,  ins Kino.

Quelle: F.A.S.
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