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Dienstag, 14. Februar 2012
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ARD-Werbeskandal Auch gegen Bienzle wird ermittelt

06.07.2005 ·  Der Skandal um Schleichwerbung in der ARD ist nicht zu Ende. Beim SWR wurde, wie man jetzt weiß, auch im „Tatort“ mit Kommissar Bienzle schleichgeworben. Für 97.000 Euro sind „Placements“ nachgewiesen.

Von Michael Hanfeld
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Auf den ersten Blick war die Aufklärung, welche die Produktionsfirma Bavaria und mit ihr die beteiligten ARD-Sender am vergangenen Freitag in Sachen Schleichwerbeskandal geleistet haben, beeindruckend: Auf zehn Seiten wird aufgelistet, wer zwischen Anfang 2002 und Mai 2005 beim „Marienhof“ und in der MDR-Serie „In aller Freundschaft“ Schleichwerbung betrieb.

Auf 117 sogenannte „Placements“ im Geldwert von 1,46 Millionen Euro kamen die Prüfer der KPMG. Doch beleuchtet der Bericht auf den zweiten Blick nur die Spitze des Eisbergs. Nach den Worten des Bavaria-Aufsichtsratschefs Reinhard Grätz gab es beim „Marienhof“ nämlich schon seit 1998 „Placements“, die, wie er der Agentur epd sagte, jedes Jahr in etwa dieselbe Summe einbrachten, was sich für den gesamten Zeitraum auf rund 3,5 Millionen Euro hochrechnen läßt.

Viel früher von den Vorgängen geahnt

Doch das ist nur das eine. Das andere ist, daß man bei der ARD viel früher von den Vorgängen ahnte, als bislang offiziell zugegeben: Ein Umstand, der inzwischen zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen der Bavaria und der Programmdirektion der ARD in München führt. Denn mit der Frage, wer wußte wann was, verbindet sich die Frage nach den Konsequenzen. Bislang wurden drei direkt mit der Sache befaßte Mitarbeiter der Bavaria zur Verantwortung gezogen und gekündigt - die Produzenten und der Chefdramaturg des „Marienhofs“.

Wie aber läßt sich erklären, daß sowohl der Bayerische Rundfunk als auch die Programmdirektion der ARD die Bavaria schon vor einem Jahr nach der Sache fragten - und Rechnungen über „Placements“ trotzdem bis ins Jahr 2005 reichen? Am 10. Mai 2004 hatten Ernst Testroet vom Justitiariats des BR und der für das Programm-Marketing des ARD-Vorabends verantwortliche Dietmar Pretzsch eine Aussprache mit dem Geschäftsführer der Bavaria, Thilo Kleine.

Verfahren gegen den Rechercheur

Es ging um den Fall des der Firma „L'Tur“ nachempfundenen Reisebüros im „Marienhof“ und um das Gerichtsverfahren, das die Placement-Agentur „K+W“ gegen den Journalisten Volker Lilienthal angestrengt hatte, um dessen Recherchen zu stoppen. Nach einer internen Einschätzung der BR-Justitiare war zu erwarten, daß das inzwischen gefällte Urteil, das Lilienthal seine Undercover-Recherche verbot und ihn am Weitermachen hinderte, in nächster Instanz aufgehoben würde. Und so kam es auch: Am 20. Januar 2005 entschied das Oberlandesgericht München zugunsten des Rechercheurs, der seine Arbeit wieder aufnahm und aus der Zwischenzeit neue Fälle von Schleichwerbung fand, welche der Prüfbericht der KPMG und die Revision des SWR offiziell bestätigt haben.

Aufmerksam geworden auf den Prozeß gegen den Rechercheur Lilienthal war das Justitiariat des BR eigenständig und ohne die Bavaria, durch eine Internetrecherche, die mit den Stichworten „Schleichwerbung“ und „Marienhof“ zu den Anwälten führte, die den Journalisten gegen die Placement-Agentur „K+W“ vertraten. Man erkannte im Sender schon damals, und nicht, wie es zwischendurch reinmal hieß, erst im April dieses Jahres, daß Aufklärung not tat. Doch kamen die beiden ARD-Emissäre, wie sich Dietmar Pretzsch erinnert, mit leeren Händen von der Bavaria zurück.

Nichtssagende Einlassungen

„Das Gespräch war äußerst unfruchtbar“, ruft sich Pretzsch das Treffen mit Thilo Kleine wieder vors Auge; der Bavaria-Chef habe lediglich darauf verwiesen, daß es sich um einen Einzelfall von Schleichwerbung gehandelt habe und der verantwortliche Produzent Stephan Bechtle abgezogen und gen Italien versetzt worden sei. In der Sache selbst seien die Einlassungen nichtssagend gewesen. Auf den Fall „L'Tur“ hatte den Bavaria-Chef Kleine zudem bereits zuvor der Vertreter des WDR im Aufsichtsrat der Bavaria, Achim Rohnke, wie er dieser Zeitung im Gespräch bestätigte, hingewiesen und war ebenfalls mit dem Vermerk „Einzelfall“ abgefertigt worden.

Der Programmdirektor des Ersten, Struve, teilt dazu mit: „Nach Rücksprache mit Prof. Dr. Hesse, Justitiar des Bayerischen Rundfunks, fand am 10. Mai 2004 ein Gespräch mit Prof. Kleine statt, an dem von seiten des Bayerischen Rundfunks Herr Testroet und von seiten der ARD-Programmdirektion Herr Pretzsch teilnahmen. Herr Pretzsch berichtete mir nach dem Gespräch, so erinnere ich mich, daß Prof. Kleine bestätigte, von den Vorwürfen gehört zu haben. Er habe daraufhin personelle Konsequenzen gezogen und werde der Sache weiter nachgehen. Im Vertrauen auf die Glaubwürdigkeit der Aussagen von Prof. Kleine war die Angelegenheit dadurch für mich erledigt.“

„Eine positive Kenntnis“

Doch wie passen diese Geschichten zu dem Umstand, daß Thilo Kleine jetzt, am vergangenen, schwarzen Freitag, „eine positive Kenntnis“ von Durchführung, Organisation und Ausmaß der Schleichwerbung im „Marienhof“ und bei „In aller Freundschaft“ nicht nachgewiesen werden konnte? Und warum hat man bei der ARD nicht schon damals auf vollständiger Aufklärung der Sache bestanden? Dachte jemand, man könne den Ausgang des Verfahrens gegen die Recherche abwarten und dann weitersehen? Und zwischendurch einfach weitermachen - Kopf in den Sand und durch, bis zum Beweis des Gegenteils?

Jetzt scheint es sich zu rächen, daß der Schleichwerbeskandal nicht derart durchgreifend behandelt wird, wie es bei der Gesellschafterversammlung der Bavaria insbesondere die beiden Intendanten Peter Voß vom SWR und Fritz Pleitgen vom WDR gefordert haben. Voß soll dem Vernehmen nach sogar mit dem Austritt des SWR aus der Bavaria, an welcher der Sender 16,67 Prozent hält, gedroht haben. Und der Direktor des Ersten Programms, Günter Struve, würde der Bavaria angeblich am liebsten den Produktionsauftrag für die neue Telenovela entziehen, mit der das Erste von September an im geschundenen Nachmittagsprogramm dem ZDF Paroli bieten will. Es geht jetzt Mann gegen Mann und Sender gegen bayerische Landesregierung, die in Form der Bayerischen Landesbank ebenfalls an der Bavaria beteiligt ist und ihre Hand über Kleine hält.

Fünf Fälle von Schleichwerbung bei Maran

Der SWR hat unterdessen fünf Fälle von Schleichwerbung bei der Tochterfirma Maran aufgedeckt, an welcher der Sender mit 51 Prozent und die Bavaria mit 49 Prozent beteiligt sind. Die gezahlten Honorare belaufen sich auf insgesamt 97.652,90 Euro. In der Kinderserie „Fabrixx“ wurde demnach für 46.750 Euro für das Internetportal Lycos schleichgeworben, in dem Film „Ich will laufen - Der Fall Dieter Baumann“ für netto 20.000 Euro für den Sportartikelhersteller Ascis.

In dem „Tatort“-Film „Bienzle und der Sizilianer“ wurde für 21.750 Euro für das Energiesparen plädiert, in der Folge „Bienzle und der Taximord“ ging es für 17.000 Euro um einen Joghurt der Firma Bauer, für „Bienzle und der Tod im Teig“ wurde ein „Placement“ für 15.000 Euro abgerechnet, wofür, das konnte die Revision des SWR nicht sagen, deren Bericht der Intendant Voß am 29. Juni dem Aufsichtsrat der SWR-Holding (in welcher die Beteiligungen des Sender gehalten werden) vorlegte.

Entlassung und Abmahnung

Verantwortlich für die Schleichwerbung, so der SWR, sei der Produzent Michael von Mossner gewesen, die Rechnung habe auf dessen Veranlassung hin der kaufmännische Leiter der Maran, Wolfgang Krenz, gestellt. Mossner wurde bei der Bavaria entlassen, Krenz wurde abgemahnt. Eine Beteiligung der Redaktion konnte beim SWR genausowenig festgestellt werden wie zuvor beim BR, wo die für den „Marienhof“ zuständige Redakteurin im Gegenteil auf ihr suspekte Vorgänge wie das „L'tur“-artige Reisebüro hingewiesen und darauf gedrungen hatte, damit Schluß zu machen. Die Redakteurin wurde versetzt, die Schleichwerbung lief weiter.

Bei all dem verdienstvollen Stückwerk an Aufklärung dürfte sich wohl die These immer schwerer halten lassen, von der systematischen Schleichwerbung habe nur ein begrenzter Personenkreis gewußt - und vor allem kaum ein Verantwortlicher in den Sendern. Der Appell des Rundfunkratsvorsitzenden des Bayerischen Rundfunks, Bernd Lenze, der gestern in einer Erklärung ein senderübergreifendes „Bündnis gegen Schleichwerbung“ forderte, nimmt sich da - um es vorsichtig zu sagen - nur noch rührend naiv aus.

Quelle: F.A.Z., 07.07.2005, Nr. 155 / Seite 38
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