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ARD-Werbeskandal : Auch gegen Bienzle wird ermittelt

Angeschlagen: Kommissar Bienzle Bild: SWR/Schweigert

Der Skandal um Schleichwerbung in der ARD ist nicht zu Ende. Beim SWR wurde, wie man jetzt weiß, auch im „Tatort“ mit Kommissar Bienzle schleichgeworben. Für 97.000 Euro sind „Placements“ nachgewiesen.

          Auf den ersten Blick war die Aufklärung, welche die Produktionsfirma Bavaria und mit ihr die beteiligten ARD-Sender am vergangenen Freitag in Sachen Schleichwerbeskandal geleistet haben, beeindruckend: Auf zehn Seiten wird aufgelistet, wer zwischen Anfang 2002 und Mai 2005 beim „Marienhof“ und in der MDR-Serie „In aller Freundschaft“ Schleichwerbung betrieb.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Auf 117 sogenannte „Placements“ im Geldwert von 1,46 Millionen Euro kamen die Prüfer der KPMG. Doch beleuchtet der Bericht auf den zweiten Blick nur die Spitze des Eisbergs. Nach den Worten des Bavaria-Aufsichtsratschefs Reinhard Grätz gab es beim „Marienhof“ nämlich schon seit 1998 „Placements“, die, wie er der Agentur epd sagte, jedes Jahr in etwa dieselbe Summe einbrachten, was sich für den gesamten Zeitraum auf rund 3,5 Millionen Euro hochrechnen läßt.

          Viel früher von den Vorgängen geahnt

          Doch das ist nur das eine. Das andere ist, daß man bei der ARD viel früher von den Vorgängen ahnte, als bislang offiziell zugegeben: Ein Umstand, der inzwischen zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen der Bavaria und der Programmdirektion der ARD in München führt. Denn mit der Frage, wer wußte wann was, verbindet sich die Frage nach den Konsequenzen. Bislang wurden drei direkt mit der Sache befaßte Mitarbeiter der Bavaria zur Verantwortung gezogen und gekündigt - die Produzenten und der Chefdramaturg des „Marienhofs“.

          Wie aber läßt sich erklären, daß sowohl der Bayerische Rundfunk als auch die Programmdirektion der ARD die Bavaria schon vor einem Jahr nach der Sache fragten - und Rechnungen über „Placements“ trotzdem bis ins Jahr 2005 reichen? Am 10. Mai 2004 hatten Ernst Testroet vom Justitiariats des BR und der für das Programm-Marketing des ARD-Vorabends verantwortliche Dietmar Pretzsch eine Aussprache mit dem Geschäftsführer der Bavaria, Thilo Kleine.

          Verfahren gegen den Rechercheur

          Es ging um den Fall des der Firma „L'Tur“ nachempfundenen Reisebüros im „Marienhof“ und um das Gerichtsverfahren, das die Placement-Agentur „K+W“ gegen den Journalisten Volker Lilienthal angestrengt hatte, um dessen Recherchen zu stoppen. Nach einer internen Einschätzung der BR-Justitiare war zu erwarten, daß das inzwischen gefällte Urteil, das Lilienthal seine Undercover-Recherche verbot und ihn am Weitermachen hinderte, in nächster Instanz aufgehoben würde. Und so kam es auch: Am 20. Januar 2005 entschied das Oberlandesgericht München zugunsten des Rechercheurs, der seine Arbeit wieder aufnahm und aus der Zwischenzeit neue Fälle von Schleichwerbung fand, welche der Prüfbericht der KPMG und die Revision des SWR offiziell bestätigt haben.

          Aufmerksam geworden auf den Prozeß gegen den Rechercheur Lilienthal war das Justitiariat des BR eigenständig und ohne die Bavaria, durch eine Internetrecherche, die mit den Stichworten „Schleichwerbung“ und „Marienhof“ zu den Anwälten führte, die den Journalisten gegen die Placement-Agentur „K+W“ vertraten. Man erkannte im Sender schon damals, und nicht, wie es zwischendurch reinmal hieß, erst im April dieses Jahres, daß Aufklärung not tat. Doch kamen die beiden ARD-Emissäre, wie sich Dietmar Pretzsch erinnert, mit leeren Händen von der Bavaria zurück.

          Nichtssagende Einlassungen

          „Das Gespräch war äußerst unfruchtbar“, ruft sich Pretzsch das Treffen mit Thilo Kleine wieder vors Auge; der Bavaria-Chef habe lediglich darauf verwiesen, daß es sich um einen Einzelfall von Schleichwerbung gehandelt habe und der verantwortliche Produzent Stephan Bechtle abgezogen und gen Italien versetzt worden sei. In der Sache selbst seien die Einlassungen nichtssagend gewesen. Auf den Fall „L'Tur“ hatte den Bavaria-Chef Kleine zudem bereits zuvor der Vertreter des WDR im Aufsichtsrat der Bavaria, Achim Rohnke, wie er dieser Zeitung im Gespräch bestätigte, hingewiesen und war ebenfalls mit dem Vermerk „Einzelfall“ abgefertigt worden.

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