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ARD-Schleichwerbeskandal Unschuld im Ausverkauf

12.09.2005 ·  Im Schleichwerbeskandal gegen die ARD gibt es neue Vorwürfe. Der Bavaria-Chef Kleine sagt, daß die Haltung des ARD-Programmdirektors Struve heuchlerisch sei. Seine Erregung über die Vorfälle sei „gespielt“.

Von Michael Hanfeld
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Ganz in Ruhe wollten die ARD-Intendanten heute und morgen eine Bilanz der Schleichwerbeaffäre ziehen, die sich seit Monaten um die mehrheitlich von ARD-Sendern getragene Produktionsgesellschaft Bavaria hinzieht. Eine sogenannte „Clearingstelle“ hat eine Liste verfaßt, die alle bisher bekannten Fälle von Schleichwerbung aufführt, von der Vorabendserie „Marienhof“ bis zu den verschiedenen „Tatort“-Produktionen, die von versteckter Werbung betroffen sind.

Und sie hat, unter Federführung des Südwestrundfunks, Vorschläge erarbeitet, wie Schleichwerbung künftig verhindert werden kann - indem man entsprechende Verpflichtungen in Produktionsverträge aufnimmt. So soll ein für allemal Schluß sein mit jener Praxis, für welche die Sender die Bavaria und andere Produzenten haftbar machen. Wir sind die Betrogenen und haben von nichts gewußt - darauf lautet die Verteidigungslinie der Intendanten.

„Gespielte“ moralische Erregung Struves

Diese Linie aber hat über das Wochenende abermals Risse bekommen. Der fristlos gekündigte Bavaria-Chef Thilo Kleine plaudert in der „Süddeutschen Zeitung“ aus dem Nähkästchen und erläutert, daß insbesondere die Haltung des Programmdirektors des Ersten, Günter Struve, der von allem nichts gewußt haben will, heuchlerisch sei. Struves moralische Erregung über die Vorfälle, sagt Kleine, sei „gespielt“.

Eine Woche, nachdem der Fachdienst epd medien erstmals in Sachen Schleichwerbung recherchiert habe, habe ihn am 30. Mai 2003 ein leitender Mitarbeiter der ARD-Programmdirektion aufgesucht mit der Mitteilung: „Der Doktor will für Degeto-Movies Zusatzfinanzierung durch Product Placement haben.“ Der „Doktor“, so Kleine, das sei Struve. Als Partner für das Placement sei eine Firma namens Content AG auserkoren worden, die sich um das Thema für die Vorabendserie „Marienhof“ habe kümmern sollen. Damit belastet Kleine den ARD-Direktor Struve, dessen Rücktritt der CDU-Medienpolitiker Bernd Neumann zwischenzeitlich gefordert hatte, direkt. Kleine richtet zudem Vorwürfe gegen den SWR, der mit der Firma Placement Control Verträge abgeschlossen habe, damit beim „Tatort“ Mercedes gefahren werde.

„Durchsichtiges Ablenkungsmanöver“

Der ARD-Direktor Struve und der SWR haben die Vorwürfe übers Wochenende zurückgewiesen. Er habe niemals Product Placement angeordnet, sagte Struve, man werde sich notfalls auch juristisch gegen derartige Anschuldigungen zur Wehr setzen. „Es ist die Strategie der Bavaria von Anfang an, die Schuld außerhalb zu suchen“, sagte Struve. Der SWR-Sprecher Wolfgang Utz bezeichnete Kleines Vorwürfe als „durchsichtiges Ablenkungsmanöver eines gescheiterten Geschäftsführers, der die ARD in übelster Manier hinters Licht geführt hat“.

Kleine, so Utz, versuche, die Flucht nach vorne anzutreten. Bislang habe er von Schleichwerbung bei der Bavaria nichts wissen wollen, jetzt wolle er denen, „deren Vertrauen er mißbraucht hat, etwas anhängen und mit wirklich kleiner Münze zurückzahlen“. Die Überlassung von Autos im „Tatort“ sei eine „rechtlich völlig unproblematische Praxis“, auch gebe es im Zusammenhang mit Produktionen des SWR im Europapark Rust keine rechtlichen Probleme.

Ein allumfassender Skandal

Und schließlich habe auch die Reihe „Bühler Begegnung“, die der SWR für den Kultursender 3sat produziert, anders als Kleine in der SZ meine, mit Schleichwerbung nichts zu tun. Mit der Wahl des Hotels Bühler Höhe, in dem sich der Intendant des SWR, Peter Voß, mit seinen Gesprächspartnern für die Reihe trifft, sei keinerlei Einfluß auf die redaktionelle Gestaltung der Sendung verbunden. Der Schriftzug des Hotels werde nicht eigens hervorgehoben, man müsse sich eher bemühen, ihn überhaupt zu verdecken. Auch führe der SWR-Intendant Voß seine Gespräche dort nicht bei „freier Kost und Logis“. In diesem Punkt wirken Kleines Vorhaltungen an die Sender in der Tat sehr weit hergeholt.

Die Vorwürfe gegen Struve allerdings sind die vorerst letzte Volte in dem Skandal, dessen Aufklärung nicht zuletzt darunter leidet, daß er so allumfassend scheint und man leicht den Überblick verlieren kann: Angefangen hatte es bei der Vorabendserie „Marienhof“, bei der nachweislich jahrelang schleichgeworben wurde, dann tauchten Fälle von verdecktem Product Placement in „Tatorten“ und anderen Filmen auf, vor allem beim WDR, beim MDR, einige auch beim SWR und sogar beim Rundfunk Berlin Brandenburg.

Involviert sind in die Fälle jeweils die Tochterfirmen, welche die Sender mit der Bavaria gemeinsam gegründet haben, im Falle des WDR ist das die Firma Colonia, beim SWR ist es die Maran-Film, beim MDR die Saxonia. Einige führende Produzenten hat die Affäre den Kopf gekostet, bei den Sendern sind die Sanktionen milder ausgefallen, dort gab es ein paar Abmahnungen. Die Sender tragen sich nach wie vor mit dem Gedanken, die Bavaria, die mehrheitlich den Sendern WDR, MDR, SWR und BR gehört, für die Schleichwerbung in Regreß zu nehmen. Generell hat nach ihrem Verständnis zu gelten, daß sie nicht Mittäter, sondern Opfer des Schleichwerbeskandals sind.

„Content AG“ für rechtlich koscher befunden

Das jedoch ist nach wie vor die Frage ganz unabhängig von den Beschuldigungen, die jetzt der entlassene Bavaria-Chef Kleine vorbringt. Spätestens seit dem 10. Mai 2003 nämlich hätten einige in den Sendern der Frage nach Schleichwerbung stärker nachgehen müssen. An besagtem Tag traf sich Bavaria-Chef Kleine mit einem Abgesandten des Bayerischen Rundfunks und einem Vertreter der ARD-Programmdirektion um über die Recherchen des Journalisten Volker Lilienthal vom Fachdienst epd medien zu sprechen. Kleine gab damals Entwarnung und sagte es handele sich wenn, dann nur um einen Einzelfall. Das war, wie wir heute wissen, ganz und gar anders - die Schleichwerbung bei der Bavaria setze sich bis in diesen Jahr hinein fort.

Auch wenn Kleine selbst belastet ist, wird die ARD nicht umhinkommen, sich mit seinen Vorwürfen zu befassen. Man sehe zwar keine neuen Anhaltspunkte, heißt es ARD-intern. Auch sei das Wirken der von dem Bavaria-Chef Kleine erwähnten „Content AG“ bereits einmal überprüft und für rechtlich koscher befunden worden. Doch werde man all dies noch einmal gründlich diskutieren und dann die neue Linie für die Produktionsverträge beschließen.

Dabei treffen in der ARD zwei Denkschulen aufeinander: Die eine will zwischen verbotener Schleichwerbung und erlaubten „Beistellungen“ wie etwa den Luxuskarossen im „Tatort“ unterscheiden, die andere, die der ARD-Vorsitzende und BR-Intendant Thomas Gruber vertritt, will darüber hinaus auch die Praxis der „Beistellungen“ hinterfragen, nach dem Motto: Nicht alles, was legal ist, muß auch gut für uns sein. Nicht alles, was legal ist, kann im Interesse unserer Rundfunkanstalten liegen. Am Dienstag, wenn die Intendanten das Ergebnis ihrer Clearing-Stelle vorlegen und hoffentlich auch die Gesamtliste aller ermittelten Schleichwerbefälle herausgeben, werden wir wissen, welche Linie sich durchgesetzt hat. Wobei auch klar scheint, daß die Frage, was Schleichwerbung ist und was nicht, offen ist.

Quelle: F.A.Z., 12.09.2005, Nr. 212 / Seite 42
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