Home
http://www.faz.net/-gs6-pzpk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

ARD-Reform Alles auf 22.15 Uhr

03.02.2005 ·  Die „Tagesthemen“ schon um 22.15 Uhr, weniger Sport und kürzere Politmagazine: Der ARD-Programmdirektor Günter Struve über die große Programmreform im Ersten.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Die „Tagesthemen“ schon um 22.15 Uhr, weniger Sport und kürzere Politmagazine: Der ARD-Programmdirektor Günter Struve über die große Reform für das Erste Programm.

Heute müssen Sie ein zufriedener Programmchef des Ersten sein. Vor dem Jahreswechsel haben Sie gesagt, die Reform des Ersten mit „Tagesthemen“ um 22.15 Uhr komme. Vielleicht. Irgendwann. 2006. Oder zum Ende ihrer Amtszeit und jetzt - geht alles viel schneller.

Ja, wir sind überraschend weit gekommen, die Reform wird im Laufe dieses Jahres vollzogen sein. Um den 15. September herum dürfte es so weit sein, daß wir von einer wesentlichen, grundlegenden Reform sprechen können und nicht bloß von einer Schönheitsoperation.

Wie ging das so schnell? Das ist für die ARD eine ziemliche Sensation.

Die ARD hat sich in Situationen, in denen es um etwas geht, immer als sehr flexibel erwiesen. Wir mögen nicht immer die Ersten sein, unsere föderative Struktur erfordert einen komplizierten Abstimmungsmodus, aber wenn es Entscheidungen gibt, können wir sie sehr schnell umsetzen, fast wie ein zentral geführtes Unternehmen.

Mit welchem Argument haben Sie die Intendanten überzeugt, die „Tagesthemen“ zu verlegen?

Ich habe an dieser Operation viel weniger Anteil, als es scheint, wobei ich den Plan seit langem verfolgt habe. Es war aber die Programmkonferenz - also der Programmdirektor als Vorsitzender und die Intendanten als Mitglieder -, die schnell gehandelt hat. Sie folgt dem Gedanken, die Reform des Programms 2005 nicht nur zu beginnen, sondern auch zu beenden. Die Intendanten haben innerhalb einer Stunde, nach einer intensiven Diskussion, sehr konsensual entschieden, daß man Das Erste verändern soll. Begonnen hat diese Konferenz jedoch mit der vordringlichen Frage: Was geschieht mit dem Freitag?

Warum der Freitag?

Alle Sender haben ihre Programme am Freitag umgestellt. Der Freitag wird inzwischen als der eigentliche Entspannungstag angesehen, jedenfalls nutzen die Fernsehzuschauer den Freitagabend so. Die dritten Programme haben sich darauf ein- und umgestellt, das ZDF bringt zwei Krimis, während wir in relativer Prinzipientreue mit dem „Bericht aus Berlin“ weiter Information anbieten. Doch der wurde leider nicht mehr angenommen.

Jedes Umtaufen, jede Veränderung, die wir vorgenommen haben, hat nicht geholfen, es bestand ein Handlungszwang, den niemand bezweifelt hat. Wir hatten einen Marktanteil von weniger als sieben Prozent, das ist nicht akzeptabel. Wir konnten es nicht schleifenlassen. Die Veränderung am Freitag wird jetzt schnell kommen, mit den „Tagesthemen“ um 22.15 Uhr wird es noch etwas dauern. Wir haben nämlich nicht wenige Dokumentationen und Reportagen von 45 Minuten Länge, die werden wir nicht ins Archiv legen und nicht rabiat kürzen, sondern senden, sehr konzentriert montags und mittwochs um 21.45 Uhr.

Wann kommt der neue Freitag?

Am 11. März. Wir wollten rasch handeln und vor allem das Leiden des „Berichts aus Berlin“ beenden, dieser läuft vom 13. März an sonntags um 18.30 Uhr.

Und wie sieht der neue Freitag aus?

Er beginnt um 20.15 Uhr mit einem Film der Degeto, nach dem bekannten Muster: Starke Frauen schlagen schwache Männer oder, um einen eingängigen Titel zu nennen: „Frauen, die Prosecco trinken“. Wir zeigen also ein frauenaffines Programm und stellen es gegen die Krimis des ZDF, weil wir es auch dort nach dem Grundsatz handeln, daß Genre gegen Genre sinnlos ist. Um 21.45 Uhr folgt eine Wiederholung des „Tatorts“, um 23.15 Uhr kommen die „Tagesthemen“ und um 23.30 Uhr Fernsehfilme. Das gilt vorübergehend, es wird kein Dauerzustand, sondern eine Zwischenlösung sein, weil wir uns um 21.45 Uhr eben nicht in eine Konkurrenz zum ZDF setzen wollen.

Aber Sie wollten die „Tagesthemen“ um 21.45 Uhr schon.

Mein Wunsch war es in der Tat, um 21.45 Uhr die „Tagesthemen“ zu senden, Das ging nicht, weil wir mit dem ZDF zwar manche Konkurrenz ausleben, aber nicht Nachrichtensendung gegen Nachrichtensendung stellen und das Nachrichtengerüst des Abends als Einheit sehen. Daß das auf 21.45 Uhr neu versetzte „heute journal“ Vorrang haben würde vor allen Wünschen der ARD, das war klar.

Was sieht Ihre endgültige Planung für den Freitagabend nun vor?

Wir wollen um 21.45 Uhr ein halbstündiges Unterhaltungsformat einsetzen. So daß auch am Freitag die „Tagesthemen“ um 22.15 Uhr beginnen können und damit die Leiste 22.15 Uhr an allen Wochentagen gegeben ist. Das neue Format liegt aber noch nicht vor, ob es Ende des Jahres da ist, kann ich noch nicht sagen. Wir müssen mit der Entwicklung sehr behutsam sein. Ansonsten gilt: Der „Bericht aus Berlin“ geht auf den Sonntag um 18.30 Uhr, der Sport am Sonntag wird halbiert, das „Sportschau-Telegramm“ entfällt, die „Lindenstraße“ beginnt um 18.50 Uhr.

Und was geschieht mit den politischen Magazinen, werden die alle auf eine halbe Stunde gekürzt?

Die Fragen nach den verschiedenen Modellen, die es für die Sendelänge der politischen Magazine gibt, und welche Häuser sich an unserem Wissenschaftsmagazin „W wie Wissen“ beteiligen - dessen Sendezeit sich mit achtundvierzig mal eine halbe Stunde pro Jahr verdoppeln wird -, sind noch offen. Sie werden auf der nächsten Programmkonferenz mit den Intendanten und Programmdirektoren am 23. Februar geklärt. Das ist der Tage der Tage, an dem diese Fragen geklärt werden. Was wirklich schmerzt, ist, daß die Programme, die dienstags sieben oder acht Millionen Zuschauer haben, um fünf Minuten gekürzt werden müssen.

Und die „Tagesthemen“ um 22.15 Uhr, wann kommen die?

Das wird im Herbst soweit sein. Das ZDF weiß Bescheid, insofern ist auch rechtlich alles in Ordnung.

Fühlen Sie sich vom ZDF abgefangen bei ihrer Programmreform?

Ich war der naiven Auffassung, daß ein Sendeplatz, der zwei Jahre lang nicht genutzt wird, verfügbar sei. Das hat sich als falsch erwiesen. Das ZDF wollte mit seinen Nachrichten zurück auf 21.45 Uhr. Und gefühlt und gelernt ist der Sendeplatz dort ja auch beim ZDF. Ich bin dennoch überrascht, daß das ZDF nach zwei Jahren mit dem „heute journal“ zurückgeht. Die Sendung war um 22 Uhr schließlich erfolgreich. Aber ich kann die Entscheidung des ZDF auch verstehen - dennoch kann man Verständnis haben und trotzdem überrascht sein. Wir versuchen nun, die Nachrichtenleiste um 22.15 Uhr zu komplettieren.

Ist das die Jahrhundertreform des Ersten, die Ihnen vorschwebte?

Strukturell: ja. Die zweite Hauptnachrichtensendung wird vorgezogen, und einige Formate, von denen ich überzeugt bin, daß sie im Halbstundenformat besser funktionieren als mit einer dreiviertel Stunde Länge, werden wir verändern. An diesen Punkten formen wir das Erste Programm, das ich mir vorstelle.

Die Frage stellte Michael Hanfeld.

Quelle:
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr