15.07.2005 · Bavaria-Chef Kleine ist gefeuert, doch es gibt neue Vorwürfe
Von Michael HanfeldEs ist ein Ende mit Schrecken, doch ob es wirklich der Schlußpunkt der Schleichwerbeaffäre um die Bavaria ist, das ist noch die Frage: Die Gesellschafter der Filmfirma haben den Geschäftsführer Thilo Kleine gestern fristlos entlassen. Das Vertrauensverhältnis sei "so nachhaltig gestört", daß eine weitere gedeihliche Zusammenarbeit nicht mehr gewährleistet werden könne, heißt es zur Begründung. Details würden nicht genannt, weil dies für ein etwaiges arbeitsrechtliches Verfahren besondere rechtliche Bedeutung haben könne.
Die fristlose Kündigung wurde von den Gesellschaftern (vor allem die Sender WDR, SWR und BR) einstimmig beschlossen, der Vertreter der Landesförderbank Bayern soll sich dem Vernehmen nach bei der Abstimmung enthalten haben. Kleine will, so ist zu hören, gegen seine Kündigung rechtlich vorgehen.
Neue Indizien
Ausschlaggebend für den jetzigen Schritt waren neue Unterlagen, die Kleine offenbar belasteten, und Aussagen von Mitarbeitern, die in den letzten Tagen eingeholt worden waren, seit sich der wegen der Schleichwerbeaffäre gekündigte "Marienhof"-Produzent Stephan Bechtle am Donnerstag der vergangenen Woche den Gesellschaftern offenbart hatte. Doch gekündigt ist und bleibt auch Bechtle, der seinen Chef Kleine schwer belastet hatte, um nicht als Hauptverantwortlicher des Skandals zu gelten. Die Geschäfte der Bavaria führt bis auf weiteres Dieter Frank.
Damit haben sich die in den Schleichwerbeskandal verwickelten Führungsleute der Bavaria - knapp zwei Wochen nachdem der Aufsichtsrat am 1. Juli die Geschichte mit drei Kündigungen eigentlich beendet sehen wollte - gegenseitig in den Abgrund gerissen. Sie haben sich zudem mit neuen Vorwürfen überzogen, die darauf hindeuten, daß die Sache noch längst nicht aufgeklärt ist. In 117 Fällen hatten die von den Gesellschaftern der Bavaria hinzugezogenen Wirtschaftsprüfer der KPMG und die Revisoren des Südwestrundfunks bei der Vorabendserie "Marienhof" und bei der für den Mitteldeutschen Rundfunk produzierten Krankenhausserie "In aller Freundschaft" Schleichwerbung - sogenannte "Placements" - ausfindig gemacht. 1,467 Millionen Euro waren dafür bei der Bavaria seit Anfang 2002 eingegangen. In der Folge wurde dann jedoch auch in anderen Produktionen von Bavaria-Tochterfirmen Schleichwerbung zuhauf ermittelt.
Betroffen sind auch „Tatorte“ des WDR
Für rund 98.000 Euro bei der SWR-Tochter Maran-Film etwa, an der wiederum knapp zur Hälfte die Bavaria beteiligt ist, unter anderem bei einigen "Tatort"-Filmen der "Bienzle"-Reihe, deren jüngste erst in zwei Wochen läuft und zur Zeit umgeschnitten wird, um die inzwischen erkannte Schleichwerbung auszumerzen. Betroffen sind auch "Tatorte" des WDR, wiederum produziert von einer Bavaria-Tochter, nämlich der Colonia-Media.
Doch dürfte das längst nicht alles sein. Denn nicht nur der gekündigte "Marienhof"-Produzent Bechtle hat in seiner Selbstverteidigung darauf verwiesen, daß er nicht aus eigener Kraft, sondern auf Veranlassung gehandelt habe. Auch der nunmehr gekündigte Kleine macht in einer Verteidigungsschrift, die dieser Zeitung vorliegt, ein paar neue Fässer auf. Nachdem die Gesellschafter in der vergangenen Woche den Produzenten Bechtle angehört hatten und es so schien, als werde dessen Kündigung in eine zeitweilige Beurlaubung umgewandelt, forderten sie Kleine auf, sich zu Vorhaltungen zu äußern, wonach der Bavaria-Chef von seinem Mitarbeiter in mehreren Besprechungen seit dem Jahr 2000 auf das Thema Schleichwerbung hingewiesen worden sei.
Eingespieltes Verfahren
Kleine hat vor der gestrigen Sitzung der Gesellschafter, die am frühen Morgen um acht begann und bis gegen Mittag ging, jedoch nicht nur diese Vorwürfe zurückgewiesen. Er schrieb, sein Mitarbeiter Bechtle sei "ausweislich der Liste ,Kooperationserlöse'", die bei dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Bavaria, Reinhard Grätz, hinterlegt sei, bereits 1997 im Zusammenhang mit der damaligen Produktion "Gegen den Wind" unmittelbar mit Product Placement befaßt gewesen. Die Firma "Circle Vision Espagna S.A.", die bei dieser Produktion eingeschaltet gewesen sei, gehöre Andreas Schnoor - dem Inhaber der Placement-Agenturen "H+S" und "K+W", die im Fall des "Marienhof"-Skandals eine Schlüsselrolle spielen. Dazu Kleine im O-Ton: "In der Produktion ,Gegen den Wind' realisierte Herr Bechtle Euro 143.161,73 Product-Placement-Umsatz." Der Produzent habe also nicht erst im Jahr 2000, als er von seinem Vorgänger Michael von Mossner den "Marienhof" übernahm, Informationen über "ein ,eingespieltes Verfahren' erhalten, sondern diese Kenntnisse schon zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt gehabt".
Doch woher weiß Kleine von diesen Vorgängen? Und welche Schlüsse zog er daraus mit Blick auf den "Marienhof", eine der wichtigsten Produktionen der Bavaria? Und was machte der Aufsichtsratschef Grätz mit der von Kleine erwähnten Liste "Kooperationserlöse"?
„Dann raus damit“
Zu dem bekannten Fall der Reisebürokulisse, die nach der Firma "L'tur" aussah, gibt Kleine an, daß es dazu eine Besprechung im Mai gegeben habe, die damit endete, daß er sagte: "Dann raus damit." Der Produzent Bechtle habe damals argumentiert, daß es sich hier nicht um Product Placement handele. Dies sei, so Kleine, im übrigen das erste Mal gewesen, daß er "konkret mit der Problematik ,Placement' im Marienhof zu tun hatte."
Ausgesprochen süffig liest sich, was Kleine über seine Telefonate mit Bechtle seit dem 1. Juli schreibt, dem Tag, an dem dieser gemeinsam mit seinem Produzentenkollegen von Mossner und den Chefdramaturgen Werner Lüder gekündigt worden war. Darin habe er Bechtle angeboten, "soweit als möglich, ihn beruflich abzufangen, sei es über Italien oder über andere Lösungsmöglichkeiten". Hierbei - und das ist weiterer Sprengstoff - habe er auf Ratschläge aus dem Gesellschafterkreis hin gehandelt: "Nach diesen Anregungen sollte ich versuchen, mit Herrn Bechtle einen Deal zu machen oder ihm auch in Aussicht zu stellen, daß er vielleicht nach einigen Jahren in die Bavaria zurückkehren könne." Konkrete Lösungen habe er jedoch nicht vorgeschlagen und auch nicht angeboten, Bechtle "unter der Hand" abzufinden. Doch habe all dies nicht gefruchtet: Bechtle, der bereits in der Vergangenheit "irrationale Überreaktionen" gezeigt habe, sei dies zuwenig gewesen. Dessen Lebensgefährtin habe am Telefon gar wörtlich gesagt, "daß ich Herrn Bechtle ,den Arsch vergolden' müßte".
Mauer des Schweigens
Das aber wollte Kleine nicht, und der unzufriedene Bechtle ging mit seinem Anwalt vor einer Woche vor die Gesellschafter und packte aus - mit den bekannten Folgen. Daß das für ihn nichts gebracht hat, enttäuscht den Produzenten selbstverständlich. "Da hat sich der Aufsichtsrat ja nett dafür bedankt, daß ich die Wahrheit gesagt habe", sagte Bechtle im Gespräch mit dieser Zeitung: "Ich bin sehr enttäuscht, daß der Aufsichtsrat es nicht honoriert hat, daß ich als einziger den Mut hatte, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen." Bis jetzt habe er noch keine Kündigung erhalten, sagte Bechtle, sollte sie eintreffen, werde es wohl zu einem Arbeitsgerichtsverfahren kommen. "Ich empfinde es als Unrecht, daß ich geopfert werde für ein System, das schon seit zwanzig Jahren Bestand hatte", sagte Bechtle weiter. "Dafür tragen sicher andere, nicht ich die Verantwortung. Wenn sie mich kündigen, müßten sie auch alle anderen Geschäftsführer der Tochterfirmen kündigen. Die Entscheidung des Aufsichtsrates ist sehr bitter."
Staatstragend gab sich hingegen der gekündigte Geschäftsführer der Bavaria, Thilo Kleine. In einer Erklärung dankte er gestern den Mitarbeitern und meinte: "Wir haben ein Stück Zukunft für die Bavaria gesichert." Zu dem Schleichwerbeskandal sagte er: "Ich habe die Angelegenheit in den vergangenen Wochen aufgeklärt und meine Haltung zu den Vorwürfen dargelegt. Aber in der Einschätzung meiner Position in dieser Angelegenheit gehen die Auffassungen offenbar auseinander." Mit der Trennung von Kleine, sagte der Intendant des Südwestrundfunks, Peter Voß, mache man "den Weg frei für einen Neuanfang bei der Bavaria".
Kündigung richtig und notwendig
Kleine habe sich als Geschäftsführer "zahlreiche Verdienste erworben. Doch obwohl mit seinem Namen große Erfolge verbunden seien, sei die Kündigung richtig und notwendig. Man habe aus den Schleichwerbefällen, so Voß im Namen der Bavaria-Gesellschafter, die richtigen Konsequenzen gezogen, die Fälle als solche aufgeklärt, herausgefunden, wie es dazu kommen konnte, und "Maßnahmen beschlossen, die Schleichwerbung in Zukunft verhindern sollen." Es sei ein erheblicher Schaden entstanden, doch sei ebenso klar, "daß wir uns dem Problem schnell gestellt und die Lehren daraus gezogen haben".
Ob das reicht? Die Selbstverteidigung Kleines, die ihm doch nichts nutzte, verheißt den ARD-Sendern nichts Gutes. Sie endet mit dem Hinweis: "Herr Bechtle hatte weiterhin über mindestens drei Jahre die gesamte Zusammenarbeit mit der ARD koordiniert sowie detaillierte Kenntnis über die Aktivitäten im Bereich Musik-Placement." Der größte Schaden für die ARD könnte durch Äußerungen zur DTM (Deutsche Tourenwagen Masters) entstehen. Daher habe, so Kleine, "unter allen Umständen" vermieden werden müssen, daß Bechtle rede: "Dieses Erfordernis besteht fort."
Das klingt doch, vor allem wenn man daran denkt, daß Kleine schreibt, er habe Bechtle nach Maßgabe der Gesellschafter angeboten, "einen Deal zu machen", als sei in diesem Skandal noch einiges an Musik drin.