15.12.2003 · Saddams Festnahme im arabischen Fernsehen, das sind jubelnde Iraker, Schröder, Bremers "We got him“. Es scheint, als habe auch eine kritischere Berichterstattung über den Ex-Diktator eingesetzt, als sie bis dato zu bezeugen war.
Von Souad MekhennetAls die ersten Meldungen über den Ticker liefen, die besagten, daß der ehemalige irakische Präsident Saddam Hussein festgenommen worden sei, reagierten die arabischen Nachrichtensender ohne Verzug. Sowohl Al Dschazira als auch Al Arabia unterbrachen ihr laufendes Programm. "Der ehemalige Präsident des Iraks soll gestern abend in der Nähe von Takrit festgenommen worden sein", sagte der Nachrichtensprecher von Al Arabia. Archivbilder zeigten Saddam Hussein, wie er einige Tage vor Ende des Krieges noch auf den Straßen Bagdads spazierte.
Wenngleich es noch keine offizielle Bestätigung gab, daß es sich bei dem Festgenommenen wirklich um Saddam Hussein handelte, stellten beide Sender an Experten die Frage, was das nun für den Widerstand im Irak bedeute. Und auf beiden Sendern gaben Experten von außerhalb des Iraks - die es in solchen Fällen auch im arabischen Fernsehen immer besser zu wissen scheinen und oft radikal-eindeutiger urteilen als die Betroffenen selbst - zum besten, daß sich "der Widerstand" im Land gegen die Besatzer richte und sich durch die Festnahme des Diktators nichts, aber auch gar nichts ändere.
"Gerhard Schröder gratulierte dem amerikanischen Präsidenten“
Der Sender Al Dschazira hatte an diesem Tag, an dem es wie an allen großen Nachrichtentagen um Tempo und dabei möglichst viel Hintergründe geht, einen klaren Vorteil, da Al Arabia vor einigen Wochen verboten wurde, aus dem Irak zu senden. Dennoch glichen sich die beiden arabischen Nachrichtensender in ihrer Berichterstattung sehr - Al Arabia bediente sich Agenturbildern aus dem Irak und telefonischer Schaltungen zu Korrespondenten und Experten in der arabischen Welt. Al Dschazira hatte die Reporter vor Ort.
Gegen 16.30 Uhr gab es am Sonntag bei Al Arabia folgendes zu sehen: Bilder von jubelnden Irakern, die - nicht unüblich - in die Luft schießen. Darauf folgte - der Hingucker - ein Foto des deutschen Bundeskanzlers, und die Nachrichtensprecherin verlas: "Gerhard Schröder gratulierte dem amerikanischen Präsidenten Bush zur Festnahme Saddam Husseins." Danach erst folgten Bilder der Pressekonferenz Paul Bremers in Bagdad und die Aufnahmen, die Saddam Hussein bei einer medizinischen Untersuchung zeigen. "Hier sehen Sie den ehemaligen Präsidenten in amerikanischem Gewahrsam," sagt die Sprecherin.
Diesen Film fänden viele Araber demütigend, erzählt anschließend eine Reporterin in Damaskus. Auch die Bilder der letzten Wohnstätte Saddams wirkten so: Ein ehemals machtvoller Herrscher lebt in einem winzigen Loch hinter einer Bauernhütte? Der Mann, der in prächtigen Palästen hauste, mit vergoldeten Wasserhähnen, schläft auf dem Boden? Diese Vorstellung müssen die arabischen Sender ihren Zuschauern erst einmal vermitteln.
"Ich glaube, der Terror wird jetzt endlich aufhören"
Eine halbe Stunde später hat Al Dschazira die von den Amerikanern freigegebenen Bilder im Programm; Saddam Husseins Leibesvisitation in voller Länge. Der Sender übt sich in Dramatisierung: aufwühlende Musik, Saddam als Pik-As des amerikanischen Fahndungskartenspiels, sein aufgedunsen scheinendes Gesicht nach der Festnahme, "Saddam Hussein al Takriti" lautet das Insert. "Acht Monate nach dem Fall Bagdads haben die Amerikaner den ehemaligen Präsidenten Saddam Hussein gefaßt. Er ergab sich, ohne eine Kugel zu verschießen, den Amerikanern."
Paul Bremers Pressekonferenz - "we got him", das ist die Botschaft, die ankommt, "ein besonderer Tag in der Geschichte des Iraks". Der Leiter der "Task Force", die Saddam Hussein festgesetzt hat, erklärt die näheren Umstände. Erst am Samstag habe man Hinweise auf den Ort erhalten und am Abend gegen zwanzig Uhr zugegriffen. Eine Schaltung zu einem Reporter nach Nadschaf, Umfrage unter jubelnden Männern auf der Straße. Wie, glauben sie, wird sich das Leben der Iraker verändern? Sich zum Besseren wenden? "Ich glaube, der Terror wird jetzt endlich aufhören", sagt einer, die anderen stimmen ihm nickend zu. Ein geistlicher Vertreter der Schiiten sagt, auf diesen Tag hätten die Iraker lange Jahre gewartet.
Film über das Leben Saddam Husseins
In Tikrit, Saddams Heimatort, wo Al Dschazira ebenfalls Stimmen einfängt, herrscht Skepsis, ob es sich wirklich um "den Präsidenten" handelt. "Er hat doch viele Doppelgänger", sagt ein Befragter. "Saddam ist ein Held, er hätte sich niemals freiwillig den Amerikanern ergeben. Das ist er bestimmt nicht", meint ein anderer. Zum Ende der Sondersendung strahlt Al Dschazira einen Film über das Leben Saddam Husseins aus. Die Bilder von Gefolterten und den durch Giftgas getöteten Kurden fehlen nicht.
Den arabischen Nachrichtenkanälen ist vielfach vorgeworfen worden, sie berichteten zu positiv über das alte Regime des Iraks. Al Arabia ist kürzlich sogar untersagt worden, aus dem Irak zu senden, weil der Sender angebliche Tonbänder Saddams veröffentlicht hatte, auf denen dieser zum "Widerstand" aufrief. Am Tag der Festnahme aber scheinen die beiden großen arabischen Nachrichtensender wie verwandelt. Zwar wird der Jubel über die Festnahme des Dikators hier nicht so reichlich dokumentiert oder ins Bild gerückt wie bei westlichen Sendern, CNN etwa. Doch es scheint, als habe mit diesem Tag auch der Rückblick auf Saddams Herrschaft und damit eine durchaus kritischere Berichterstattung über ihn eingesetzt, als sie bis dato zu bezeugen war.