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„Apocalypse Now“ auf DVD : Parsifals Fahrt ins Herz des Faschismus

  • -Aktualisiert am

Die vier DVDs umfassende „Full Disclosure“-Edition von „Apocalypse Now“ Bild: Arthaus

Die bislang umfangreichste DVD-Edition des Filmklassikers „Apocalypse Now“ bietet Wunder, Enthüllungen und Berge von Zusatzmaterial. Regisseur Francis Ford Coppola pendelt zwischen Stolz und Selbstironie.

          Nebelschwaden am Ufer eines schier endlosen Flusses. Als sie sich lichten, erkennt man eine Plantage. Captain Willard, Held, Killer und Unschuldsengel in diesem Film, unterbricht seine Reise mit ein paar Mann per Boot flussaufwärts und wird für einen Tag und eine Nacht Gast bei den französischen Plantagenbesitzern. Sie erhalten im Dschungel eine Art privates Kolonialreich aufrecht: Reiche zerfallen, Invasoren kommen und gehen - was bleibt, sind Luxus, Stil, Drogen und die Liebe, die Kultur eines behaglichen Salons, erfüllt von Nostalgie, Konversation und Debussy-Klängen.

          Unter diesen Franzosen werden die Amerikaner endgültig zu Barbaren, und der französische Aristokrat Hubert de Marais sagt es ihnen auf den Kopf zu: „Warum sind wir hier? Um unsere Familie zusammenzuhalten. Weil wir um das kämpfen wollen, was uns gehört. Ihr Amerikaner kämpft lediglich um das größte Nichts in der Geschichte der Menschheit.“

          Endgültige Gestalt eines Meisterwerks

          Diese Begegnung der alten und der vorübergehenden Herren, ein beklemmendes Dinner mit Silberbesteck und Smalltalk in der Wildnis, gehört zu den allerbesten Szenen dieses Films; sie zeigt das Herz der Zivilisation inmitten von Chaos und Barbarei des Dschungels. In der ursprünglichen „Work in Progress“-Fassung von „Apocalypse Now“, die nach dem Gewinn der Goldenen Palme weltweit verbreitet wurde, fehlte sie. Erst zwölf Jahre später schnitt sie Coppola wieder in den Film hinein, und die 2001 punktgenau zum beginnenden „Krieg gegen den Terror“ als „Apocalypse Now Redux“ erschienene Version hat längst alle anderen abgelöst.

          Sie ist die endgültige Gestalt eines Meisterwerks geworden, das zu den seltenen Filmen gehört, die nicht nur fester Bestandteil im kulturellen Kanon der Gegenwart geworden sind, sondern darüber hinaus Eingang ins kollektive Bewusstsein gefunden haben. Die Überblendung vom Ventilator zum Hubschrauberrotor, der Hubschrauberangriff zur Kavallerietrompete und Wagners Walkürenritt, die im Bombenhagel surfenden GIs am Strand, das Gesicht Marlon Brandos im Dschungel, „the horror, the horror!“ - jeder kennt diese Bilder und Töne.

          Grundsatzreflexion des modernen Filmemachens

          Es gibt auch Momente in der Filmgeschichte, die möchte man zu gerne selber erlebt haben - wobei man sich zugleich wahrscheinlich ziemlich unwohl fühlen würde, würde man wirklich plötzlich 35 Jahre zurückversetzt, an jenen philippinischen Strand, an dem Coppola seinerzeit „Apocalypse Now“ drehte. Die bekanntesten Fakten - unglaubliche 237 Drehtage; die Überschreitung des ursprünglichen Budgets um das Doppelte; Tropenstürme, die den Set zerstörten; der Austausch des Hauptdarstellers Harvey Keitel nach zehn Drehtagen; der Herzinfakt seines Ersatzes Martin Sheen, der den Dreh für zwei Monate lahmlegte - sind dabei nur wie die Spitze des Eisbergs. Mehr als nur eine Ahnung dieses einmaligen Drehs und der Zustände am Set gibt der 1991 entstandene Dokumentarfilm „Hearts of Darkness: A Filmmaker’s Apocalypse“.

          Gedreht wurde er von dem im vergangenen Jahr frühverstorbenen George Hickenlooper, der seinerzeit zum Umfeld von Coppolas Ziehvater George Corman gehörte, und so exklusiven Zugang zu den Beteiligten hatte, vor allem zu Coppolas Frau Eleanor die während der Dreharbeiten nicht nur ein später veröffentlichtes Tagebuch führte, sondern auch viele Stunden zum Teil sehr privater Bild- und Tonaufnahmen anfertigte, die sie Hickenlooper zur Verfügung stellte: „Hearts of Darkness“ ist ein intimer, sensationell enthüllungsreicher Film, gespickt mit vielen Anekdoten; zugleich eine Grundsatzreflexion des modernen Filmemachens.

          Die vier DVDs umfassende „Full Disclosure“-Edition von „Apocalypse Now“ enthält neben diesem Dokumentarfilm, der ein Kunstwerk für sich ist, noch diverses, bisher unveröffentlichtes Bonusmaterial. Zwischen diversen Interviews, Outtakes und zusätzlichen Szenen ragt der weise, zwischen Stolz und Selbstironie ausgewogene Audiokommentar Coppolas heraus. Eine Perle ist auch jene Radiosendung vom 6. November 1938, in der Orson Welles Joseph Conrads „Heart of Darkness“ liest - dieser Roman inspirierte bekanntlich bereits Anfang der sechziger Jahre Coppola und Drehbuchautor John Milius. Verdienstvoll ist aber vor allem, dass die Edition es jetzt möglich macht, beide Kinofassungen miteinander zu vergleichen. „The way we made it was very much like the Americans were in Vietnam.“ Diese Parallele zwischen Thema und Produktion ist das eine, was nachhaltig fasziniert.

          Wer Captain Willard auf seinen verschlungenen Pfaden durch den Dschungel folgt, entdeckt noch etwas anderes: Im Kern ist „Apocalypse Now“, der ursprünglich „Psychodelic Soldiers“ heißen sollte, eine Parsifalgeschichte, und der heilige Gral, den der tumbe Tor Willard schließlich findet, ist nichts anderes als der Faschismus, verkörpert von Colonel Kurtz. In diesem Sumpf aus Mythen, Zitaten und Gewalt fungiert Coppola weniger als Willards listenreiches, verschlagenes Ego, das sich wie Odysseus an den Mast seines Schiffs ketten lässt - denn auf die Sirenengesänge will er nicht verzichten. Wenn schon Apokalypse, dann möchte man doch wenigstens dabei gewesen sein.

          Francis Ford Coppola: „Apocalypse Now: Full Disclosure“. Studiocanal/Arthaus. 4 DVDs, 451 Min. Englisch, deutsch, UT. Extras: Dokumentationen, Kommentare.

          Quelle: F.A.Z.

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