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Filmkritik „Anonymus“ Nennt meine Liebe bloß nicht Götzendienst

 ·  Wer war das Genie hinter Shakespeares Werk? Roland Emmerichs „Anonymus“ sucht es in höchsten Kreisen. Aber man glaubt dem Film nicht, was er zeigt.

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© Sony Pictures Um Shakespears Dichterthron bewerben sich derzeit viele Kandidaten, aber der Königin Elisabeth, die hier von Vanessa Redgrave dargestellt wird, dürfte es egal gewesen sein, von wem die Stücke stammten: Hauptsache, sie wurden gespielt

Der Mann ist eitel, verfressen und geschäftstüchtig, linkisch mit der Feder und flink mit dem Schwert. Er hat Mühe, seinen eigenen Namen zu schreiben, aber als ein Kollege droht, sein Betriebsgeheimnis zu verraten, schneidet er ihm ohne Mühe die Kehle durch. Auf der Bühne des „Globe“ spielt er die Suffköpfe und Großredner, die Maul- und Weiberhelden, und hinter den Kulissen setzt er das Saufen und Prahlen ohne Übergang fort. Dass sein Talent mickrig und sein Ruhm erschlichen ist, steigert noch seine schlitzohrige Lust daran, sich für seine Betrügereien teuer bezahlen zu lassen. Er sieht aus wie jemand, den wir kennen, aber in verdrehter, verpatzter, apfelbäckiger Albtraumgestalt. Er heißt Will Shakespeare, und er ist nicht der Held von Roland Emmerichs „Anonymus“.

Dieser Held und damit die Hauptfigur des Films hört stattdessen auf den Namen Edward de Vere. De Vere, mit sensibler Bedächtigkeit von dem britisch-walisischen Schauspieler Rhys Ifans verkörpert, ist der siebzehnte Earl von Oxford, ein eleganter, melancholischer, bis in die Fingerspitzen durchgeistigter Ex-Lebemann, der in seiner Jugend sogar die Königin von England in sein Bett gezogen, inzwischen aber, in einer unglücklichen Ehe gefangen, die Gewohnheit angenommen hat, Theaterstücke zu schreiben: einen „Julius Cäsar“, einen „Hamlet“, einen „Heinrich V.“, einen „Macbeth“ und so fort. Als Angehöriger des Hochadels kann er es sich nicht leisten, seinen Ruf mit diesen Hervorbringungen zu beschmutzen, aber auf der Bühne sehen will er sie trotzdem.

Ein riesiger Anlauf

Deshalb holt er einen Komödiendichter namens Ben Jonson aus dem Tower, wohin dieser wegen politischer Anspielungen in seinen Dialogen gekommen ist, und macht ihn zu seinem Strohmann. Als Jonson allerdings merkt, dass die Schöpfungen seines adligen Auftraggebers politisch noch viel brisanter sind als seine eigenen Possen, zuckt er im entscheidenden Moment vor der Autorschaft zurück. Für ihn springt ein weniger skrupulöser Theaterkollege ein, den wir bereits kennengelernt haben: unser pausbäckiger Will.

Man sieht gleich, woran das Shakespeare-Projekt des mit Apokalypsespektakeln (“Independence Day“, „2012“) und Kostümfilmen (“Der Patriot“, „10.000 B.C.“) erfolgreichen deutschen Hollywoodregisseurs Roland Emmerich krankt: Es nimmt einen riesigen Anlauf, um am Ende auf einem Stück Schmierseife zu landen. Sein Shakespeare (Rafe Spall) mag ein Fake sein, aber er ist dem Porträt auf der Folio-Ausgabe von 1623, zu der Ben Jonson das Vorwort schrieb, aus dem Gesicht geschnitten, während Edward de Vere auch nach den gut zwei Kinostunden, die Emmerich ihm widmet, nur wie irgendein Höfling Elisabeths I. erscheint, ein Statist, ein Lückenbüßer, ein Anonymus fürwahr. Ein Hirtengedicht à la „Venus und Adonis“ traut man diesem alternden Stutzer zu, aber nicht das Jahrtausendwerk, für das der Name Shakespeare steht. Anstelle des wahren Barden präsentiert uns der Film „Anonymus“ ein leeres Blatt.

Ein Spiegelkabinett an Rückblenden

Umso angestrengter wirken seine Versuche, dieses Blatt zu beschreiben. In einem Spiegelkabinett ineinander geschachtelter Rückblenden zeigt uns Emmerich zunächst die Machtverhältnisse um 1600, dann die Kindheit und Jugend des künftigen Earl of Oxford und schließlich den Staatsstreich, den dieser mit seinen nebenher gedichteten Dramen munitionieren will. De Vere wächst, ganz wie es in den Büchern steht, als Waise bei William Cecil (David Thewlis) auf, dem Berater der Königin, und heiratet dessen Tochter; dann aber verlässt der Film das Parkett der historischen Tatsachen und beginnt zu träumen. Sein Edward ist nicht nur das uneheliche Kind, sondern auch der junge Lover Elisabeths, für sie schreibt er die Liebesschwüre Romeos und den „Sommernachtstraum“, bis er von der Monarchin, die mit seinem Sohn und Bruder schwanger geht, aufs Land verbannt wird.

Es ist der erzählerische Höhepunkt des Films. Kein Mainstreamregisseur mit intakten kommerziellen Instinkten hätte sich die Chance entgehen lassen, dieses Karussell aus Inzest, Intrige, Macht- und Lustspielen, das durch die Besetzung der Elisabeth-Doppelrolle mit der hinreißend verknitterten Vanessa Redgrave und ihrer Tochter Joely Richardson zusätzlichen Schwung bekommt, bis zur allseitigen Erschöpfung über die Leinwand zu jagen.

Emmerichs Blick aber ist von Shakespeare-Theorien so umnebelt, dass er den Schatz nicht sieht, der vor seinen Augen liegt. Statt dessen schickt er seinen Helden ins Theater, wo dieser sich von der demagogischen Wirkung szenischer Darbietungen überzeugt und gleich darangeht, diese Erfahrung schriftstellerisch umzusetzen. Robert Devereux, ein anderer heimlicher Spross der umtriebigen Königin, plant einen Putsch gegen die allmächtigen Cecils, an dem auch de Veres Sohn Henry beteiligt ist, weshalb der Vater seine Muse vor den Karren der Verschwörer spannen will. Weil Robert Cecil (William Hogg), der neue starke Mann am Hof, einen Buckel trägt, schreibt Edward ein Hetzdrama über einen Buckligen: „Richard III.“.

Emmerichs Strohmann

Interessanterweise haben Shakespeares Zeitgenossen nie Zweifel an seiner Autorschaft gehabt. Erst dem neunzehnten Jahrhundert kam es spanisch vor, dass ein Theatergenie der frühen Neuzeit seine Werke nicht signiert, die von ihm bedichteten fremden Länder nie gesehen, keine Universität besucht und keine Bibliothek hinterlassen hatte. Im zwanzigsten Jahrhundert wurde dieser Zweifel zum Gemeingut der populären Verschwörungsliteratur. Francis Bacon, Christopher Marlowe, Jakob I., sogar Elisabeth selbst sind inzwischen als Verfasser von Shakespeares Werken vorgeschlagen worden.

Aber der aussichtsreichste Schattenkandidat des digitalen Zeitalters ist der Aristokrat de Vere. Gegenüber anderen Bewerbern hat er den Vorzug, dass man ihm die Erfahrungen zuschreiben kann, die man aus Shakespeares Texten herausliest: Auslandsreisen, Studium, Fremdsprachen, intime Kenntnis des Hofadels. Zugleich verkörpert er die Distanzphantasien einer Epoche, die nicht mehr wahrhaben will, dass der Schwan aus Stratford durch den Schlamm gewatet ist, der an den Schuhen seiner Marktfrauen und Wachsoldaten klebt. In „Anonymus“ sieht man den Earl von Oxford hoch über dem Publikum des Rose und später des Globe Theatre in seiner Loge thronen. Vom Schmutz der Straße bleibt er unberührt. So stellt sich ein Herrenausstatter einen Großdichter vor. In Wahrheit ist de Vere bei Emmerich der Strohmann, der einen Autor sucht.

Eine Tragödie

Den undankbarsten Part des Films hat Sebastian Armesto als Ben Jonson. Weil er neben dem tumben Will der Einzige ist, der den wahren Urheber der Shakespeare-Stücke kennt, wird er nach dem Tod de Veres, der das Scheitern seines Staatsstreichs nicht lang überlebt, zu dessen Nachlassverwalter. Aus dem Brandschutt des Globe, das gleich zu Beginn des Films in Flammen aufgeht, birgt er die unversehrten Manuskripte. Der echte Jonson war zu seinen Lebzeiten als Dichter so bekannt wie Shakespeare, über dessen Wortklingeleien er gelegentlich sanft spottete. In „Anonymus“ dient er als Laufbursche der Story, aber Armesto gibt seiner Figur eine solche Würde, dass man ihr den Nachruhm, den sie ausschlägt, fast gegönnt hätte.

Der wahre Sieger des Films ist das Babelsberger Produktionsdesign. Gerade feierte das Studio vor den Toren von Berlin seinen hundertsten Geburtstag, aber ein Meisterstück wie das elisabethanische London aus „Anonymus“ ist selbst dieser bewährten Kulissenschmiede selten geglückt. Alles ist da, der Tower, Whitehall Palace, die Docks, die alte London Bridge, die zugefrorene Themse mit dem Leichenzug der Königin, so lebendig wie in einem Traum. Natürlich hat der Dichter diese Computerwunder längst vorausgeahnt: „Lasst uns, Nullen dieser großen Summe, / Auf eure einbildsamen Kräfte wirken!“ So spricht der Chor im Prolog zu „Heinrich V.“, einer Tragödie von Shakespeare oder einem anderen Autor gleichen Namens. Mit jener Privatheit, die unter der Herrschaft von Google und Facebook allenthalben bedroht ist, kannte der Mann sich jedenfalls aus.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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