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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Anne Will Und dann zuckt sie mit der Augenbraue

 ·  Seit Monaten führt Anne Will in Serie die spannendsten Interviews im deutschen Nachrichtenfernsehen. Sogar den Kanzler brachte sie in Bedrängnis. Die „Tagesthemen“-Moderatorin im Porträt.

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Man darf sich Anne Will als einen fröhlichen Menschen vorstellen. Wenn sie in den „Tagesthemen“ moderiert, kommt das zwangsläufig nicht so zum Vorschein. Wenn man sie trifft, ist das etwas anders. Ganz anders.

Das Bleiern-Schwere deutschen Denkens, im Medienbetrieb gerne im Habitus des gehobenen Zynikers ausgelebt, der alles weiß und nirgendwo mitmacht, ist ihr fremd. Ein prätentiöses Auftreten sowieso. Dabei prägt sie mit ihrem Gesicht das Antlitz eines ganzen Sendesystems. Zu ihr, wie zu den anderen großen Nachrichtenerzählern des Fernsehens, bildet sich jeder ein Urteil, meint zu erkennen, ob sie an diesem Tag mit dem linken Bein aufgestanden oder an jenem besonders gut aufgelegt ist. Letzteres scheint seit Monaten der Fall zu sein, haben wir Anne Will doch die spannendsten Interviews in Serie im deutschen Nachrichtenfernsehen führen sehen, seit Gerhard Schröder Ende Mai Neuwahlen verkündete, die einen solch verblüffenden Ausgang nahmen und einen Kanzler sahen, der nun an eine große Medienverschwörung glaubt.

Schröder in Bedrängnis

Rufen wir uns dieses Gespräch in Erinnerung: Der Bundeskanzler war auf Reisen in Amerika und wollte über Außenpolitik sprechen, nichts sonst. Anne Will aber wollte eine Antwort auf die Frage haben, warum der Kanzler vorzeitige Wahlen für nötig befand. Im ZDF-„heute-journal“ verkniff sich Claus Kleber die Frage, die sich in jenen Tagen alle stellten. Anne Will tat das nicht. Sie fragte. Prompt eierte Schröder herum und wies schließlich - Todsünde im Politmedienbetrieb - darauf hin, daß man doch vorab vereinbart habe, es solle einzig und allein um Außenpolitik gehen. Applaus von den Rängen und den Kollegen für die mutige Moderatorin.

Eine solche Geschichte könnte sich Anne Will als Feder an den Hut stecken und es eitel fein finden. Tut sie aber nicht. Sie hat sich nach dem Gespräch vielmehr gefragt, ob das nicht doch übertrieben wirkte. Schließlich stand der Kanzler unter Streß, es war heiß, der Pressesprecher Bela Anda mußte ihn abtupfen, ein Reporter nach dem anderen kam an die Reihe, und die Leitung zur ARD stand nicht. Sie saß im Studio in Hamburg und hörte ihn, aber er in Washington hörte sie nicht. „Da tat er mir wirklich leid“, sagt Anne Will ohne wohlfeile Koketterie im nachhinein. Doch sie sagt auch: „Ich muß ein Interview führen, wie ich es führen will.“

Vor ihr muß man sich in acht nehmen

Um ihre Interviews führen zu können, wie sie es will, bereitet sich Anne Will akribisch vor. Ihre Fragen macht sie zunächst mit sich aus, dann geht sie das Gespräch mit einem Kollegen im Planspiel durch. Es ist wie bei einer Schachpartie, bei der es nicht nur darauf ankommt, selbst die richtigen Züge zu machen, sondern auch die des Gegenübers vorauszuberechnen. Wenn es klappt, läuft es so wie mit dem Kanzler. Vor ihr müsse man sich ja wohl echt in acht nehmen, sagte der Kanzlersprecher Anda später einmal.

Doch es ist nicht so, daß Anne Will partout darauf aus wäre, als Inquisitorin dazustehen. Den Spruch „Okay, Jungs, danach tritt er zurück“ hat man von ihr in der Redaktion - bei einer anderen Gelegenheit - zwar schon gehört, doch war das im Scherz. Sie macht einfach, was man von jemandem erwarten darf, der stellvertretend für Millionen Zuschauer (und Wähler) wissen will, was ist.

Nicht im Scherz hat Anne Will vor Jahren erst einmal das Angebot abgewiesen, überhaupt zum Fernsehen zu gehen. Ihr Mentor und Chef beim Sender Freies Berlin, Jochen Sprentzel, der sie einmal als das größte Moderationstalent bezeichnete, das ihm in dreißig Berufsjahren untergekommen sei, hatte gefragt. Doch hielt es Anne Will zunächst mit dem Hörfunk.

Zu Springer wollte sie nicht

Daß sie Journalistin werden wollte, das habe sie schon mit sechzehn gewußt, sagt sie, und man nimmt es ihr ab. Mit neunzehn fing sie als freie Mitarbeiterin bei der „Kölnischen Rundschau“ an und dachte: „Wow, das ist es. Ich bin eine gemachte Frau.“ Im grünen Käfer durch Stadt und Land zu fahren, von Schützenfest zu goldener Hochzeit und wieder zurück, das setzte den ersten Reiz aufs Geschichtenerzählen, der das Studium an der Uni begleitete. Sie studierte in ihrer Heimatstadt Köln und in Berlin Geschichte, Politik und Anglistik. In Berlin schrieb sie nebenher für das „Spandauer Volksblatt“. Und danach? Zu Springer wollte sie nicht, beim „Tagesspiegel“ landete sie nicht, dafür machte sie Anfang der neunziger Jahre ein Praktikum beim SFB. Daraus wurde ein Volontariat, in dem sie nur vier von achtzehn Monaten fürs Fernsehen übrig hatte, der Rest gehörte dem Radio.

„Das ist ja noch viel besser, als Zeitung zu machen“, dachte Anne Will damals. Und warum nicht Fernsehen? „Ich fand es schrecklich, weil mir das ganze Drumherum zuviel war“, sagt Anne Will. Sie überlegte es sich sechs Wochen lang. „Ich war sechsundzwanzig und hatte nicht den großen Plan für eine Karriere“, sagt sie. Dann stand sie als Fernsehreporterin doch beim Berlin-Marathon und machte eine ziemlich gute Figur.

Als erste Frau zur „Sportschau“

Es folgten acht Jahre beim SFB, in denen sie vor allem für den Sport und für die Politik arbeitete. Die beim Sport seien handwerklich am besten und schnellsten gewesen, sagt Anne Will. Sie kam 1999 als erste Frau zur „Sportschau“ der ARD, der ehemaligen Männerdomäne. Davor hatte sie beim SFB eine Talksendung namens „Mal ehrlich“, in der es nicht um den Sport, wohl aber um die Disziplin, kluge Fragen zu stellen, ging. Das sei nicht eine „superinvestigative“ Angelegenheit gewesen, es sei vielmehr darum gegangen, im Gespräch „die wesentliche Prägung eines Menschen herauszuarbeiten“. Drei Jahre lang moderierte sie die Medientalkshow des WDR „Parlazzo“.

Um die wesentliche Prägung von Menschen geht es Anne Will auch heute, trotz der Nachrichtenhektik. Und deshalb hat sie auch dem Drängen des NDR-Radiochefs Gernot Romann nachgegeben, der sie unbedingt für eine eigene Sendereihe haben wollte. Die Idee dafür hat sie selbst entwickelt - „auf einem Bierdeckel“. Die Reihe heißt offiziell „Klassik à la carte“. Ihre Stücke aber nennt Anne Will „Zwischentöne“. Und über solche hat sie wiederum mit dem noch amtierenden Bundeskanzler gesprochen. Genauer gesagt, über seine Stimme und was er damit in öffentlicher Rede anstellt. Oder mit Alice Schwarzer, von der sie wissen wollte, welche Tonlage sie wofür einsetzt. Verlangt ein Fernsehstreitgespräch mit Esther Vilar nach einer anderen Tonlage als eines mit Verona Feldbusch? Wie hat sich die Tonlage der Frauenrechtlerin im Laufe der Jahre verändert? So kann man - wenn man im Sendegebiet des NDR lebt - Anne Will im Radio beim Nachdenken über das Fernsehen zuhören.

Der Bombast der „Tagesthemen“

Daß es in diesem Medium zuvörderst um Eitelkeit geht und diese als Triebfeder unerläßlich ist, findet Anne Will indes nicht. Darin widerspreche sie ihrem Kollegen Frank Plasberg, der einmal gesagt habe, daß es in dem Job ein gewisses Maß an Eitelkeit gebe. „Was mich selbstbewußt Interviews führen läßt, das ist der Bombast der ,Tagesthemen', das bin nicht ich.“ Daß Leute gerne in ihre Radiosendung kommen und darin persönlich werden, das kann mit diesem „Bombast“ allerdings nichts zu tun haben.

Ihr Moderationsvertrag bei den „Tagesthemen“ endet 2006. Sie will weitermachen, und die ARD will das allen Anzeichen nach auch. Dann nicht mehr im Wechsel mit Ulrich Wickert, sondern mit dem Washington-Korrespondenten Tom Buhrow, den die Intendanten für den in Pension gehenden Wickert als Nachfolger ausgeguckt haben. Berufungen dieser Art hat die heute neununddreißig Jahre alte Anne Will mehrmals zur richtigen Zeit auf den richtigen Platz bekommen. Sie mußte sich nicht aufdrängen. Was jedoch nicht heiße, daß sie keinen Ehrgeiz besitze. „Ich stehe nicht an der Bushaltestelle und warte. Ich bin nicht mehr so verträumt wie damals. Und wenn sich mir eine Chance bot, habe ich es verstanden, das Beste daraus zu machen“, sagt sie.

Lob für „Live 8“

Das Beste will sie auch aus ihrer „Gesichtsbekanntheit“ machen. Deshalb engagiert sie sich für die Hilfsaktion „Gemeinsam für Afrika“, deshalb ist sie in diesem Frühsommer nach Sudan gereist und hat erfahren, wie klein die Probleme hierzulande im Vergleich doch immer noch sind. Und deshalb hat sie das „Live 8“-Konzert in Berlin moderiert, dessen überwiegend negatives Echo sie bekümmert. Das Engagement von Musikern und Popgrößen möge manchen kitschig oder oberflächlich erscheinen, aber es komme doch wohl vor allem darauf an, was es auslöse und was es bringe. Da dürfe man zwischen dem Ereignis selbst und den positiven Folgen unterscheiden. Daß „Live 8“ in Bausch und Bogen vornehmlich negativ gesehen wurde - „das finde ich schade für dieses Land“.

Man brauche „eine gewisse Selbstironie, das schützt davor, sich und andere zu wichtig zu nehmen“, sagt sie noch in ihrem schmucklosen Büro, das Plakat von „Gemeinsam für Afrika“ hinter sich an der Wand. Vier Kostüme hängen an einem Kleiderhaken neben dem Regal. In ihren Moderationen drückt Anne Will die Ironie bisweilen nonverbal aus - mit ihren Augenbrauen. So mächtig diejenigen Theo Waigels erscheinen, so beweglich sind die Brauen von Anne Will. „Ich weiß, daß ich das gezielt einsetzen kann. Manchmal rutscht es mir auch raus.“ Hauptsache sei, daß sie damit bei den Zuschauern nicht Irritation auslöse und es als Pose erscheine. Doch besteht die Irritation, die sie damit auslöst, nicht darin, daß man sich fragt, was sie gerade denkt? Und trägt das nicht gerade zum Reiz eines Gesprächs bei? Wer sich so wenig Schauspiel vor laufender Kamera erlaubt, der kann allzu eitel tatsächlich nicht sein (wozu Anne Will schon Grund hätte).

Der Traum der Kardinalin

Eine nachhaltige Irritation hat Anne Will allerdings einmal durch eine Geschichte ausgelöst, an der sie selber schuld ist. Für die „Zeit“ sollte sie die Rubrik „Ich habe einen Traum“ füllen. Ihr Traum-Vorschlag, einmal auf dem Prinzenwagen beim Kölner Karneval mitzufahren, kam bei der Redaktion nicht an. Es mußte dramatischer, pathetischer, größer sein. So kam auf Zuraten der „Traum“ einer jungen Frau zustande, die Kardinalin werden wollte. Und die es tatsächlich schaffte, Theologie zu studieren, Priesterin zu werden und im Klerus aufzusteigen, unterstützt von einem heimlichen Anrufer, der am Telefon seinen Namen nicht nannte, doch den sie - da wären wir wieder - irgendwann an seiner Stimme erkannte.

Diese Kardinalin in dieser nicht unkitschigen Geschichte, mußte Anne Will sich anschließend anhören, das könne ja wohl niemand anders als sie selbst sein. Doch Pustekuchen! Anne Will kommt zwar aus dem Rheinland und ist in Hürth bei Köln aufgewachsen, doch so katholisch ist sie nun auch wieder nicht. Man hätte sie beim Wort und das in diesem Fall nicht allzu ernst nehmen dürfen. Um den Ernst geht es bei ihr doch schon den übrigen langen Nachrichtentag. Der heimliche Unterstützer der „Kardinalin“ ist übrigens gerade wieder zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt worden.

Quelle: F.A.Z., 22.09.2005, Nr. 221 / Seite 40
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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