20.03.2006 · Nach dem Erfolg mit „Ladykracher“ kam die Niederlage mit „Anke Late Night“. Nach kurzem Rückzug ins Private soll Anke Engelke mit „Ladyland“ jetzt Neuland betreten. Doch dort sieht es aus wie bei den „Heimatgeschichten“ im Ersten.
Von Stefan NiggemeierMaren steht im Hotel an der Rezeption, eine adrette junge Frau. Routiniert und ausdruckslos tippt sie die nötigen Dinge in den Computer, und kurz bevor sie aufschaut zu dem Gast vor ihr am Tresen, schaltet sie ein perfektes Rezeptionistinnenlächeln ein und sagt: „Schön, daß Sie da sind. Ich freue mich.“ Sie sagt diese Sätze so, daß der Gast für einen Moment ins wohlige Zweifeln kommt, ob diese Frau da an der Rezeption sich wirklich ganz besonders über ihn persönlich freut. Und sie sagt diese Sätze so, daß wir als Zuschauer wissen: Sie hat es so satt, diese Sätze zu sagen. Sie ist ein Profi, sie macht ihren Job gut, aber sie ist müde, und sie ist es leid, diese Routine, diesen Trott, diese Langeweile.
Wir erleben Maren bei unserer ersten Begegnung nur wenige Sekunden, bevor die Kamera weiterschwenkt. Aber diese kurze Zeit genügt, uns eine erstaunlich genaue Vorstellung davon zu geben, mit was für einer Frau wir es hier zu tun haben. Es ist eine dieser Miniaturen, die Anke Engelke beherrscht wie kaum jemand sonst. Mit großer Präzision spielt sie die Rituale unseres Alltags nach, die typischen Umgangsweisen und die Floskeln und übertreibt und parodiert sie dabei nur ein winziges bißchen. Mit kleinsten Gesten und Veränderungen des Gesichtsausdrucks zeigt sie die Risse in der Fassade ihrer Figuren, gibt uns eine Ahnung von den Abgründen, die dahinter liegen.
Das älteste Neuland des deutschen Fernsehens
Das war es, unter anderem, was „Ladykracher“ zu einer besonderen Comedyreihe machte: daß Anke Engelke auch in den kurzen Sketchen keine Witzfiguren spielte, sondern Menschen. Daß sie es schaffte, daß man die Prototypen, die Klischees sofort erkannte und gleichzeitig ahnte, daß da mehr war: eine Biographie, eine Tiefe, mehrere Dimensionen. Die Ulla zum Beispiel, die dumme Blonde, war natürlich zuallererst ein Blondinenwitz, aber gleichzeitig strahlte sie eine Wärme und Gutmütigkeit aus, war ihre Naivität nicht nur lächerlich, sondern auch liebenswert - ohne daß das je wirklich erzählt worden wäre. Engelke deutete es einfach an durch ihr Spiel. Diese Miniaturen hatten immer schon eine Geschichte, und in der neuen Reihe „Ladyland“ werden diese Geschichten nun auch erzählt. Und leider funktioniert das gar nicht.
Drei Frauengeschichten erzählt jede einstündige Folge, drei Episoden, die sich immer an irgendeinem Punkt berühren. Engelke verwandelt sich in die drei Hauptfiguren und spielt mit wechselnden Partnern wie Peter Lohmeyer, Bernd Michael Lade, Christian Tramitz oder Hilmi Sözer. Nicht mehr die schnelle Abfolge von Sketchen soll es sein, sondern kleine Erzählungen, die auch leise Töne zulassen. Sat.1 und Engelke verkaufen das als eine Art Weiterentwicklung von „Ladykracher“, als anspruchsvollere, reifere Form. Angesichts der Biographie Engelkes ist das logisch: Nach dem überwältigenden Erfolg mit „Ladykracher“ kam die auf breitestem Raum diskutierte Niederlage mit „Anke Late Night“.
Nach einem kurzen Rückzug ins Private wollte sie sicher nicht einfach wieder „Ladykracher“ machen, so als könne sie nichts anderes, sondern eine neue Herausforderung suchen. „Neuland“ betrete Engelke mit dem „Ladyland“-Konzept, behauptet Sat.1, dabei ist diese Art der Episodenreihe eines der etabliertesten Genres des deutschen Fernsehens. Im ZDF heißt sie zum Beispiel „Evelyn Hamanns Geschichten aus dem Leben“, in der ARD „Heimatgeschichten“, und „Ladyland“ hat von diesen öffentlich-rechtlichen Vorbildern - wenn man von ein paar modernen optischen und akustischen Effekten absieht - auch die Biederkeit übernommen.
Kein schlechter, aber ein langer Betrunkenenwitz
Da ist in der ersten Folge die Geschichte von der Schlagersängerin, die wegen ihrer Popularität von ein paar Marketingexperten zur Politikerin aufgebaut wurde. Die steile Karriere hat ihren Preis: Ohne vorgeschriebene Reden, vor allem aber ohne Tabletten und Alkohol steht Barbara Georgi keinen Tag durch. Am Tag, an dem sie zur Ministerpräsidentin gewählt wird, stürzt sie vollends ab, was Anke Engelke die Gelegenheit gibt, ausführlich ihre große Bandbreite an Besoffenendarstellungen zu zeigen: das Augenverdrehen, das Gestreckt-aufs-Bett-Zurückfallen, das Lallen und Jammern, das Mit-den-hohen-Absätzen-Umknicken. „Sag ihr mal, sie soll die Augen aufmachen“, sagt die Maskenbildnerin. - „Ich fürchte, die sind schon auf.“
Es ist kein schlechter, aber ein langer Betrunkenenwitz, der da zunächst erzählt wird. Die eigentliche Geschichte ist eher simpel gestrickt: Am Abend ihres Wahlsiegs sagt Barbara Georgi vor der versammelten Presse, daß sie nur eine alkoholabhängige Marionette ist und daß sie jetzt alle mal sonstwo lecken können. Als sie das nächste Mal aus dem Rausch aufwacht, ist sie trotzdem vom Landtag zur Ministerpräsidentin gewählt worden, mit überwältigender Mehrheit, und im Fernsehen wird berichtet, daß George Bush gratuliert und sie als Vorreiterin für Glaubwürdigkeit in der Politik weltweit rühmt. Und die verkaterte Barbara Georgi fällt zurück in ihr Bett und versucht, ihre Gedanken zu sortieren, und lächelt glücklich.
Die Moral ist immer die gleiche
Es sind moralische Geschichten, die „Ladyland“ erzählt, und die ersten drei haben alle die gleiche schlichte Moral: Wenn eine Frau mutig ist und sich die Zumutungen durch die Männer nicht mehr gefallen läßt, scheint erst alles auseinanderzubrechen, aber am Ende wird alles gut. Oder auch: Frauen, wehrt euch, das zahlt sich aus - sogar für die Männer. Dagegen wäre nichts zu sagen, wären nur die Geschichten, die diese Botschaft vermitteln wollen, ein klein wenig hintersinnig, abgründig, selbstironisch. Doch ihnen fehlt jede Komplexität, jede Leichtigkeit.
Ernsthafter als „Ladykracher“ soll „Ladyland“ sein -paradoxerweise ist das Gegenteil der Fall. Viele Frauenrollen in den „Ladykracher“-Sketchen hatten ein unausgesprochenes Geheimnis. Die Frauen in der ersten „Ladyland“-Folge hätten viel mehr Zeit, sich für den Zuschauer zu entfalten, doch da ist nichts zu entdecken. Und wenn sie doch einmal ein Rätsel darstellen, dekliniert Anke Engelke als Erzählerin aus dem Off das auch noch durch: „Sucht Maren vielleicht einen neuen Job? Oder eine neue Wohnung? Oder einen neuen Osteopathen?“
Wahrscheinlich muß „Ladyland“ etwas ganz Besonderes sein
Es ist schwer zu verstehen, warum die „Ladyland“-Geschichten trotz einiger gelungener Dialoge so harmlos, so uninspiriert daherkommen - Chefautor Chris Geletneky hat unter anderem bei „Ladykracher“ und „Pastewka“ gezeigt, daß er ganz anders kann. Aber diese Produktion wirkt schwer verkopft, angefangen bei der Konstruktion, daß alle drei Geschichten sich gleichzeitig abspielen und miteinander verknüpft werden, bis hin zum Ende jeder Folge, wenn nach der beliebten Chaostheorie (Schmetterling und Wirbelsturm) gezeigt wird, wie eine winzige, zufällige Veränderung schicksalhaft das Leben aller Beteiligten geändert hätte.
Irgend jemand scheint die Parole ausgegeben zu haben, daß „Ladyland“ etwas ganz Besonderes sein muß. Das Ergebnis ist entsprechend verkrampft. Die kleinen banalen Geschichten werden mit großer Geste präsentiert. „Auf der Erde leben ungefähr sechs Milliarden Menschen“, sagt Anke Engelke am Anfang als Erzählerin. „Und jeder von ihnen erlebt jeden Tag seine eigene kleine Geschichte. Irgendwo auf der Welt.“ Und dann fährt die Kamera in ihr Auge, und ihr Auge ist eine Weltkugel, und wir zoomen uns, Google Earth sei Dank, an den Ort des Geschehens. Am Ende steht Engelke wieder da und sagt: „Und denken Sie daran: Das Ende einer Geschichte ist der Anfang einer neuen.“ Und wenn schon.