18.05.2004 · Die Standup-Comedy, mit der sie in Schmidt-Manier ihre Show eröffnen mußte, war ein einziger Krampf. Ein Ersatz für Harald Schmidt ist Anke Engelke nicht; gut war ihre erste Late-Night-Show trotzdem.
Von Michael HanfeldDaß über Anke Engelke und ihre neue Late-Night-Show bei Sat.1 schon alles gesagt sei, nur noch nicht von allen, das ist wohl richtig.
Man müßte als deutschsprachiger Fernsehzuschauer schon auf dem Mars leben, um der Nachricht entgangen zu sein, daß es für den neuen Geschäftsführer von Sat.1, Roger Schawinski, nur eine geben konnte, die Nachfolge von Harald Schmidt anzutreten - Anke Engelke. Und daß viele seither und vor der ersten Sendung schon wußten, daß es mit dieser Nachfolge nichts werden konnte, konnte ebenfalls niemandem verborgen bleiben, der sich auch nur ein bißchen für die Sache interessiert. Zudem wurde die Talkmasterin in spe, die bereits bis dato zu den bekanntesten Figuren der Branche gehört haben dürfte, vorgestellt, als handele es sich um eine große Unbekannte Marke Horst Köhler oder Gesine Schwan.
Rudi Carrell hat mit Olli Dittrich um zehntausend Euro gewettet, daß die Show nichts wird, der Sat.1-Chef Schawinski hat noch einmal zwanzigtausend Euro draufgesetzt. Und wir alle wissen um den Druck, den wir alle erzeugen, der zum Trommlergeschäft gehört und zugleich mit gespielter Nonchalance gleich wieder kleingeredet werden kann, nach dem Motto: bloß keine zu große Erwartungshaltung aufbauen.
Trotzdem eine gute Show
Doch siehe da - es ist trotzdem eine gute Show geworden. Es ist kein "Ersatz" für Harald Schmidt, den seine Jünger weiter schmerzlich missen werden, doch es ist endlich wenigstens eine Alternative im Spätabendfernsehen, in dem wir es sonst um diese Zeit mit den Kollegen Beckmann, Maischberger und Kerner zu tun haben. Die haben die Konkurrenz durchaus zu fürchten: 2,46 Millionen Zuschauer sahen "Anke Late Night" im Schnitt, das ist ein Auftakt nach Maß, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Reinhold Beckmann mußte sich an diesem Abend im Ersten mit 1,31 Millionen Zusehern zufriedengeben. "Der Druck", sagte der Sat.1-Chef Schawinski, "war riesig, die Erwartungen waren gigantisch und kaum erfüllbar, aber Anke hat auch dies geschafft. Wir sind glücklich über die großartige Premiere ihrere Show."
Schawinski hat Grund, sich zu freuen, gerade mit Blick auf die vermaledeite "werberelevante Zielgruppe" hat Anke Engelke die Mengenerwartungen erfüllt, 1,61 Millionen Zuschauer im Alter zwischen vierzehn und neunundvierzig Jahren bescherten ihr hier einen Markanteil von 27,8 Prozent. Wer zwanzig Prozent reißt, heißt es für gewöhnlich, der hat es geschafft. So rechnen die Sender und die Werbekunden, doch sagt das selbstverständlich noch gar nichts über die Sendung.
Riesiger Aufwand
Der Aufwand für diese war riesig, der Auftakt bescheiden. Wer sich Sting, Bastian Pastewka, Stefan Raab und Max Mutzke in die Sendung holt, setzt nicht nur auf Nummer sicher, sondern brennt ein Gäste-Feuerwerk ab, von dem andere Wochen leben. Ein internationaler Superstar, ein landesweit populärer Komödiant, der gerade seinen neuen Kinofilm "Der Wixxer" vorstellt, und die Sangesbrüder vom Schwestersender Pro Sieben, da kann man gar nicht mehr viel falsch machen. Und das tat Anke Engelke bei ihren Gesprächen auch nicht, sie ist sogar auf englisch witzig und muß nicht beweisen, daß sie mit den Leuten klarkommt.
Die Standup-Comedy aber, mit der sie in Schmidt-Manier ihre Show eröffnen mußte, war ein einziger Krampf. Die Besucher der Generalprobe haben schon beschrieben, daß ihr diese Art des Auftritts nicht gerade liegt, und das ist noch untertrieben. Der böse, polemische, politische Witz, der auf einem geschriebenen Gag beruht, wirkt halt erst dann, wenn er wie aus dem Stegreif wirkt, besser noch aus dem Stegreif für den Lacher danach verändert wird.
Jungs, ihr seid düüümer
Doch der stellt sich leider nicht ein, wenn Anke Engelke das Titelthema des "Spiegels" über "Sieger und Verlierer in der Schule" auf den Nenner herunterbricht, der bereits auf dem Zeitschriftencover prangt: "Schlaue Mädchen, dumme Jungen". Was im Tonfall von Anke Engelke noch ein bißchen deutlicher klingt ("Jungs, ihr seid düüüüümer als wir, düüüüümer"). Und selbst der gut vorbereitete Gag, der auf dem Satz beruhte, daß es Jungen auf ihrem Bildungsweg an männlichen Vorbildern fehle, und da lautete: "Die Vorbilder sind gar nicht weg, sie machen nur eine Kreativpause" - alles klar, Herr Schmidt? -, kam fast als Rohrkrepierer über die Bühne, und das, obwohl er zugleich eine andeutungsweise Hommage sein sollte.
Die Produzenten der Show von Anke Engelke täten wirklich gut daran, sie nicht exakt jenem Sendungsaufbau zu unterwerfen, dem sich Harald Schmidt verschrieben hatte. Sogar die Bierwerbung zwischendurch ist gleichgeblieben, nur haucht jetzt keine französische Frauenstimme hingebungsvoll, sondern setzt ein sonorer Baß den Reklamespruch ab. Es folgt der seltsame Telefonwerbespot, in dem Anke Engelke und Franz Beckenbauer aussehen, als ob sie in die Raelianer-Sekte eingetreten wären.
Wende dank Bastewka
Doch dann - nach dem müden Witz über die PKW-Maut, die Männern zu erklären sei als "Straßenstrich ohne Sex" - kommt Bastian Pastewka und wendet sich das Blatt zum Besseren. Schließlich weiß er sich so gekonnt zum Narren zu machen, daß man ihm verzeiht, daß seine Jojo-Tricks nur in seinem Kinofilm, nicht aber im Fernsehstudio funktionieren. Das hat schon vor zwei Wochen bei Günther Jauch nicht geklappt mit "dem Fenster", "der Leiter" und "der Zahnbürste", bei Anke Engelke ist es nicht anders.
Anders als Johannes B. Kerner aber muß sie offenbar auch gar nicht von hinten durch die Brust ins Auge des Betrachters nach dem Privatleben ihrer Gäste fragen. Die packen nämlich freiwillig aus. Sie hätten "gesunden Sex", sagt frei heraus Sting, der nicht gut bei Stimme, aber an seinem ohnehin freien Tag bester Laune ist, seine Frau verfüge zudem über einen gefürchteten Humor und sei auch nach fünfundzwanzig Jahren nicht von ihm gelangweilt.
Ohne Tataren-Leibchen
Der gefürchtete Humor von Stefan Raab wiederum, den er bekanntlich gar nicht hat, weil er von der natürlichen Schadenfreude seiner Mitmenschen profitiert, kommt glücklicherweise nicht zum Tragen, und Max Mutzke beweist mit einem kleinen Ständchen auf türkisch, daß er eine außergewöhnliche Soul-Stimme hat. Er hatte beim European-Song-Contest halt kein Tataren-Leibchen um. So landet man nur auf Platz acht.
Auf Platz eins bei weiblichen Zuschauern im alter zwischen dreißig und neununddreißig Jahren ist derweil Anke Engelke mit ihrer Late-Night-Show schon jetzt gelandet, wie der Quotendienst von Sat.1 errechnet hat. Das verdeutlicht, daß wir es hier in der Tat mit einer "kleinen" Sendung zu tun haben, deren Publikum sich auf die Dauer aus einer nicht allzu großen, recht genau definierbaren Gruppe rekrutieren dürfte. Ein Nischenprogramm ist das, welches die Fans des gepflegten Klamauks von Anke Engelke glücklich, diejenigen aber, die abends nach elf im Fernsehen nach einem Funken Esprit dürsten, nicht satt macht.
Doch man gibt sich heutzutage ja schon mit Brosamen zufrieden. An diesem ersten Abend gab es jedenfalls keinen Grund, wie Pastewka bei seiner Jojo-Panne witzelte, "zu Beckmann umzuschalten". Doch noch ist nicht alle Tage Abend, an dem Sting da ist und von seiner Frau erzählt.