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Anke Engelke Bitte aufhören!

Bei Sat.1 kann man Anke Engelke fast täglich dabei zusehen, wie sie ihr Publikum nicht zum Lachen bringt. Ihre Zuschauerzahl schwindet genauso wie lustige Pointen. Sie muß bitte sofort aufhören damit.

© REUTERS Vergrößern Wo sind die Zuschauer?

Am schlimmsten ist die Stille. Diese Sekunde nach einer Pointe, wenn niemand lacht. Es dauert nie so lang wie in den Comedies, wo die Peinlichkeit dieser Situationen dadurch unterstrichen wird, daß sich einer im Publikum räuspert oder hinten ein Heuballen über die Bühne weht. Es ist nur so ein Moment, in dem man merkt: Oh Gott, das Publikum hat den Witz nicht verstanden. Oder nicht lustig gefunden. Und man sitzt da vor dem Fernseher mit zusammengerollten Zehen und fragt sich, erstens, wie Anke diese Situation nun retten wird und, zweitens, ob man dabei wirklich zugucken will.

Sie entsteht nicht mehr nur durch die im Sand verlaufenden Einzeiler im Stand-up, diese Stille. Manchmal dröhnt sie auch nach den "Engelkes", den Schwarzweiß-Filmchen mit den verschiedenen Frauen, ihren Paraderollen. Und Anke Engelke scheint inzwischen fast davon auszugehen, daß sie einen Witz zweimal erzählen muß oder dreimal, bis ihn die Zuschauer im Studio verstanden haben oder wenigstens über die Wiederholung und das Nicht-Zünden der Pointe lachen. Deshalb kommt es manchmal zu der absurden Situation, daß eine Pointe sofort funktioniert und das Publikum lacht, aber Anke Engelke wiederholt sie trotzdem noch mal und noch mal, und wenn sie fertig ist, steht sie wieder vor dieser Wand aus Schweigen.

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Geheimes Stichwort

Anke Engelke ist Deutschlands größte Komikerin. Bei Sat.1 kann man ihr fast täglich zusehen, wie sie ihr Publikum nicht zum Lachen bringt. Wow. Manchmal scheint sie mit den Leuten im Studio vorher ein geheimes Stichwort ausgemacht zu haben, zum Beispiel daß es gut ist, daß der Sommer vorbei ist, weil die Frauen jetzt keine Bikinis mehr tragen müssen, und das sagt sie dann ganz oft, und die Leute schütteln sich demonstrativ vor Lachen. Am Anfang, wenn sie auftritt, springen die Leute neuerdings alle immer in die Höhe und applaudieren stehend, was bestimmt vorher geprobt wird. Das haben die bei "Deutschland sucht den Superstar" auch gemacht, und schon da war es albern und irreal, aber das war auch eine alberne, irreale Sendung. Wenn die Leute nicht spontan und ungeprobt und sichtbar aus dem Häuschen geraten, wenn Anke Engelke, die einmalige, wunderbare Anke Engelke, die Bühne betritt und sie nur drei Meter entfernt sitzen, läuft irgendwas schief.

Tut es ja auch: Alles. Um den Kampf der beiden Schönheits-OP-Sendungen "The Swan" und "Beauty Queen" zu symbolisieren, hat sie zwei Frauen in einer Schlammschlacht gegeneinander antreten lassen. Zwei unbekannte, verkleidete Frauen im Schlamm. Tja. Das Publikum ließ sich weder überreden, eine von beiden anzufeuern, noch den Countdown der letzten Sekunden mitzubrüllen noch mit Leidenschaft eine Siegerin zu wählen. Warum auch? Als das Thema der Sendung "Der Herbst" war, wurden zwei junge Frauen aus dem Publikum gewogen, die dann eine Stunde eine Schlachteplatte aßen und dann wieder gewogen wurden. Das war nicht nur nicht witzig. Man saß ratlos davor und fragte sich, an welcher Stelle die Redaktion vorher dachte, daß es vielleicht witzig werden könnte. Das lustigste an der ganzen Sendung war, als Anke keinen Platz auf dem Sofa neben den beiden Frauen fand und eine spontane Einlage Körperakrobatik brachte. Eigentlich war auch das traurig, weil man sich plötzlich erinnerte, wie sehr diese Frau einen mit so kleinen Dingen zum Lachen bringen kann. Könnte.

C-Gäste

Im gleichen Maße, in dem die Zahl der Zuschauer immer noch weiter sinkt, steigt die Zahl der "lustigen" Ideen und Versuche. Anke macht eine Nachrichtenparodie. Sie liest den "Witz in der Mitte" vor. Sie trinkt Wasser aus einem Glas, auf das ein Portrait von Vera Int-Veen oder Roberto Blanco aufgerubbelt ist. Sie dreht an einem Rad, um zu bestimmen, wie sie den nächsten Gast begrüßt. Und dann begrüßt sie mit Knicks und Handkuß - Jessica Witte-Winter. Ja, die werden Sie jetzt nicht kennen, aber sie mußte früher gehen, weil sie noch was vorhatte. Entschuldigung: Wenn ich schon C-Gäste in der Sendung habe, haben die sich gefälligst den Abend freizuhalten; etwas Wichtigeres kann es für sie gar nicht geben, als neben Anke Engelke auf dem Sofa zu sitzen!

Sie sagt Gäste, die auf PR-Tour bei ihr vorbeikommen, mit den Worten an, daß sie sich besonders freue, daß sie vorbeikämen, denn eigentlich hätten sie ganz wenig Zeit, weil sie auf PR-Tour seien. Manchmal singt sie ein Duett mit einem Gast und hat nicht einmal dann einen großen Auftritt, sondern steht eingeklemmt zwischen der Band vor dem Schlagzeug. Und Sat.1 hat es wieder geschafft, ihren Herbsturlaub nicht rechtzeitig bekanntzugeben, so daß alle, wie schon im Sommer, spekulieren konnten, ob die "Ferien" das Ende der Show seien. Natürlich gibt es schlechtere Sendungen im Fernsehen. Aber kaum tragischere. Vor kurzem war Anke Engelke Deutschlands größte Fernsehfrau. Inzwischen ist sie nur noch "Anke Late Night". Mit jedem Tag, den sie weitermacht, und mit jedem weiteren Rettungsversuch der Sendung wird sie kleiner. Sie muß bitte sofort aufhören damit.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.09.2004, Nr. 39 / Seite 35

 
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Veröffentlicht: 27.09.2004, 17:33 Uhr

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Von Stefan Schulz

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