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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Amerikas Presse und der Krieg Lagen wir falsch?

 ·  Die „New York Times“ hat es vorgemacht: Amerikas Zeitungen werfen einen selbstkritischen Blick auf ihre Artikel zur Vorbereitung des Irak-Feldzuges. Die Diskussion über Irrtümer und Fehler belegt beachtlichen Mut.

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Mit einer Mischung aus öffentlicher Zerknirschung über Mängel in ihrer Vorkriegsberichterstattung und hehren Vorsätzen für die Zukunft hat die "New York Times" neuerlich den Ton in der amerikanischen Medienwelt diktiert.

Dem Beispiel des journalistischen Leitwolfs folgend, der vor einer Weile in einer Mitteilung an die Leserschaft Fehler eingeräumt hatte (F.A.Z. vom 27. Mai), werfen derzeit viele Blätter einen selbstkritischen Blick auf die Artikel, die sie über die Vorbereitung des Irak-Feldzuges publiziert haben. Nicht immer hält das Ergebnis hohen Maßstäben stand.

Mehrere Redaktionen mußten einräumen, zu wenig Zeit und Energie darauf verwendet zu haben, die Angaben der Regierung Bush über die vermeintliche Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen in unabhängigen Recherchen zu überprüfen, so schwierig das angesichts der Sensibilität der Materie auch immer gewesen sein mag. Zuletzt hat sich der Ombudsmann der einflußreichen "Washington Post", gedrängt von Leserfragen, ins Archiv seiner Zeitung gesetzt, um in alten Ausgaben aus den Wochen und Monaten vor Kriegsbeginn zu blättern. Auch er ist mit dem Resultat der Selbstprüfung nur leidlich zufrieden.

Die Debattentemperatur angeheizt

Die "Post", schrieb Michael Getler in seiner Kolumne am vergangenen Sonntag, habe nicht die "Sünden" der "New York Times" begangen, die sich selbst bezichtigt hatte, gelegentlich Sorgfalt durch Sensationsgier ersetzt zu haben. Doch habe auch die "Washington Post" mit einigen ihrer Geschichten, etwa über das Risiko irakischer Giftgasangriffe, die Temperatur der Vorkriegsdebatte angeheizt, und sich dabei mitunter auf anonyme Quellen innerhalb der amerikanischen Regierung verlassen.

Getler zögert nicht - darin ganz dem traditionellen Ethos des amerikanischen Journalismus verpflichtet -, die Autoren der von ihm bemängelten Texte samt Erscheinungsdatum beim Namen zu nennen. Sein Hauptvorwurf ans eigene Blatt aber ist ein anderer. Getler nennt die Berichterstattung seiner Zeitung "unausgewogen". Der Redaktion sei es nicht gelungen, eine Balance zwischen der Wiedergabe der Ansichten der Kriegsbefürworter und den Einwänden der Kriegsgegner herzustellen.

Zu weit hinten

Zu viele Artikel, die die Behauptungen der Regierung in Frage gestellt hätten, schreibt der Ombudsmann, seien auf hinteren Seiten statt auf dem Titelblatt erschienen. Und zu viele Veranstaltungen der Bush-Kritiker seien ignoriert oder allenfalls kurz, an versteckter Stelle, erwähnt worden. Getler zitiert einige der Schlagzeilen, die es nicht auf die erste Seite der "Post" geschafft haben. Im Rückblick lesen sie sich hellsichtig: "UN findet keine Hinweise auf ein irakisches Nuklearprogramm - IAEA kann amerikanische Behauptungen nicht bestätigen"; "Rechtmäßigkeit des Krieges umstritten - Rechtswissenschaftler bezweifeln Bushs Behauptungen"; oder: "Bush bleibt bei anfechtbaren Vorwürfen gegen den Irak".

Noch einen Schritt weiter als die Tageszeitungen geht die traditionsreiche Zeitschrift "The New Republic". Im jüngsten Heft, das den programmatischen Titel "Were we wrong?" trägt, fragt sich die Redaktion nicht nur, ob ihre Arbeit in den vergangenen beiden Jahren ihren eigenen journalistischen Maßstäben genügt hat. Sie debattiert vielmehr in aller Offenheit und Schärfe, ob ihr Eintreten für den Krieg ein Fehler war.

Ein wenig neblig

Die Antwort freilich fällt ein wenig neblig aus. "Mehr als ein Jahr nach dem Fall von Bagdad haben die Vereinigten Staaten keine Beweise für ein Nuklearprogramm des Irak gefunden. Irakische Wissenschaftler sagen, es habe keines gegeben. Damit scheint sich die entscheidende Annahme, die unserer Begründung für den Krieg zugrunde lag" - die Gefahr einer irakischen Atombombe -, "als falsch zu erweisen", heißt es im Editorial des neuen Heftes. "Wir bedauern, sind aber nicht beschämt."

Das ist augenscheinlich eine Kompromißformel. In den namentlich gezeichneten Debattenbeiträgen im Heft blitzen noch einmal die alten Konflikte innerhalb der Redaktion auf. Einige der ehemaligen Kriegsbefürworter sehen auch heute keinen Anlaß für eine Richtigstellung oder gar eine Entschuldigung.

Die Existenz von Massenvernichtungswaffen in irakischer Hand sei nicht der einzige Kriegsgrund gewesen, meint der Eigentümer der Zeitschrift, Martin Peretz, und verweist auf den Zugewinn an Freiheit im Irak. Die "New Republic" müsse niemandem um Vergebung bitten. Ähnlich unnachgiebig argumentieren einige der prominenten Gastautoren. Der republikanische Senator John McCain etwa schreibt: "Selbst wenn Saddam endgültig und unwiderruflich seine Ambitionen aufgegeben hätte, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln, wäre es doch richtig gewesen, den Diktator zu beseitigen."

„Vielleicht waren wir naiv“

Andere Redakteure hingegen lassen keinen Zweifel daran, daß sie die Blattpolitik vor Kriegsbeginn für falsch halten - und den Text des Editorials für halbherzig. Der Chefredakteur, Peter Beinhart, zum Beispiel schreibt, er sei "wütend" darüber, von der Regierung Bush in die Irre geführt worden zu sein. "Vielleicht waren wir naiv", heißt es in seiner Kolumne, "aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, in welchem Ausmaß die Regierung lügen würde." Auch der angesehene Literaturredakteur der Zeitschrift, Leon Wieseltier, formuliert drastischer als das Editorial, das, wie üblich, nur mit dem anonymen Autorenvermerk "The Editors" gezeichnet ist. "Wenn ich gewußt hätte, daß der Irak keine Massenvernichtungswaffen besitzt, hätte ich diesen Krieg nicht unterstützt", schreibt Wieseltier.

Gerade die Äußerungen von Wieseltier und Beinhart sind von Gewicht. Die beiden wurden vor dem Krieg zum Kreis der "liberal hawks", der "liberalen Falken" gezählt, zu dem auch Publizisten wie Michael Ignatieff und Christopher Hitchens gehörten. Die Parteinahme dieser durchweg ehedem linken Intellektuellen für den Einmarsch im Irak speiste sich aus unterschiedlichen Quellen. Solidarität mit Israel spielte eine Rolle, aber auch eine idealistische Begeisterung für die Beförderung von Menschenrechten und Demokratie im Nahen Osten, notfalls eben auch mit Waffengewalt.

Für die amerikanische Debatte war diese eigentümliche Verknüpfung von neokonservativem Gedankengut mit der Brillanz und Prominenz altlinker Autoren von entscheidender Bedeutung, weil sie die vertrauten Frontlinien durcheinanderwirbelte; für die Koalition der Kriegsgegner war sie schlicht eine Katastrophe. Um so eindrucksvoller, und beileibe nicht selbstverständlich, ist jetzt die Diskussion über Irrtümer und Fehler. Sie belegt einen beachtlichen Mut. Und sie beweist, in wie tiefe Zweifel der Irak-Krieg mit all seinen Folgen Amerika mittlerweile gestürzt hat.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.06.2004, Nr. 146 / Seite 41
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