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Amerikas Kino Nur den Schwarzen geht es besser

23.10.2008 ·  Beim Festival des amerikanischen Films in Deauville gab es wenig zu lachen: Gequält, verstört, zerrissen - so präsentiert sich das Land in den Filmen, die demnächst in unsere Kinos kommen. Mit Themen, die auch vor zwanzig Jahren schon aktuell waren.

Von Marco Schmidt
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Das ganze Jahr über kann man sich im Casino von Deauville der Spielsucht hingeben. Doch an zehn Herbsttagen konnte man in dem mondänen normannischen Seebad exzessiv einem anderen Laster frönen: dem amerikanischen Kino. Denn beim Festival des amerikanischen Films wurden in einem der drei Festspiel-Kinos 240 Stunden lang rund um die Uhr Leinwand-Klassiker aus den Vereinigten Staaten gezeigt.

Da ließ sich etwa die Entwicklung der Komödien von Buster Keaton über Billy Wilder bis zu den Farrelly-Brüdern nachvollziehen. Acht Jahrzehnte amerikanischer Geschichte, gesehen durch die Augen der Filmemacher: eine willkommene Ergänzung zum diesjährigen Wettbewerbsprogramm. Das war nämlich über weite Strecken sehr deprimierend.

Rückzug in die Religion

Allerdings lag dies keineswegs am Niveau der elf Beiträge, sondern an den behandelten Themen. Die Filme enthüllten die Wunden der amerikanischen Gesellschaft von heute - und zeigten ein Land im Krisenzustand: sozial, wirtschaftlich und politisch gequält, verstört, zerrissen. Einstimmig beklagten die angereisten Regisseure das Aussterben des Independent-Kinos: In den Vereinigten Staaten sei es nahezu unmöglich geworden, unabhängige Filme zu produzieren und zu vertreiben. Ebenso unisono setzten sie ihre Hoffnungen auf Barack Obama als Erlöser.

Gequält, verstört, zerrissen: Amerika im Kino

Dazu passte, dass zahlreiche Wettbewerbsbeiträge vom Rückzug ins Religiöse kündeten: So glaubt etwa in „Snow Angels“ (nach dem Roman von Stewart O'Nan) ein Mann, Gott habe ihn auserwählt. In „Sunshine Cleaning“ nimmt eine Frau mit einem Funkgerät Kontakt zu ihrer Mutter im Jenseits auf. Und in „All God's Children Can Dance“ lässt sich ein junger Mann von seiner Mutter einreden, er sei Gottes Sohn.

Der Gaube an die Macht der Kunst

In der Jurygunst lag ausgerechnet der zugänglichste unter all diesen Problemfilmen schließlich vorn: Der Grand Prix ging an „The Visitor“, ein intelligentes, sensibles Immigranten-Drama, das sein ernstes Thema packend aufbereitet und mit feinem Humor garniert. Hollywoods ewiger Nebendarsteller Richard Jenkins, derzeit in „Burn After Reading“ als Besitzer eines Fitnesszentrums zu sehen, der seine von Frances McDormand verkörperte Kollegin anschmachtet, darf hier endlich einen Film allein tragen: Er spielt einen verwelkten Uni-Professor, der nach seiner Rückkehr nach New York ein illegal eingewandertes Pärchen in seiner Wohnung vorfindet.

„Unter George W. Bush haben wir acht finstere Jahre erlebt - kein Wunder, dass unsere Filme immer finsterer werden“, sagte Regisseur Tom McCarthy, als ihm die Jurypräsidentin, Frankreichs Schauspiel-Heroine Carole Bouquet, den Preis überreichte. „Aber ich glaube fest an die Menschlichkeit. Und an die Macht der Kunst!“

Festival der Autogrammjäger

Der Reiz des Festivals von Deauville, das diesmal einen phänomenalen Anstieg der Zuschauerzahlen um dreißig Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichnen konnte, liegt zum einen in der intimen, entspannten Atmosphäre, zum anderen in der gelungenen Programmmischung: Neben den Indie-Entdeckungen im Wettbewerb laufen außer Konkurrenz auch hochkarätige Hollywoodproduktionen.

Bei Autogrammjägern hat es sich inzwischen herumgesprochen, dass man den Filmstars kaum irgendwo auf der Welt so nahe kommen kann wie hier. So präsentierte Ed Harris zusammen mit Viggo Mortensen seine zweite Regiearbeit, den Männerfreundschafts-Western „Appaloosa“, und Kevin Spacey stellte „Recount“ vor, ein brillantes, akribisch recherchiertes Drama über die skandalumwitterte Stimmenauszählung in Florida, die Bush im Jahr 2000 zum Wahlsieg verhalf - ein Film, der den Schluss nahelegt, die Vereinigten Staaten seien in Wahrheit eine Bananenrepublik.

Afroamerikanische Rassisten

Zwei amerikanische Stars parlierten auf der Bühne sogar minutenlang in elegantem und fast akzentfreiem Französisch über ihre neuen Filme: John Malkovich, der in Clint Eastwoods „Changeling“ als streitbarer Pfarrer an der Seite von Angelina Jolie gegen die Korruption der Polizei in Los Angeles kämpft, und William Hurt, der als entlassener Häftling im Südstaaten-Roadmovie „The Yellow Handkerchief“ die reifste, differenzierteste und berührendste Leistung seiner Karriere zeigt.

Für den höchsten Kreischfaktor am roten Teppich sorgte indes Samuel L. Jackson. Er spielt in Neil LaButes „Lakeview Terrace“ einen Cop, dem das gemischtrassige Ehepaar im Nachbarhaus ein Dorn im Auge ist. Ein afroamerikanischer Rassist auf der Leinwand: noch ein Schritt auf dem Weg zur ethnischen Emanzipation in Hollywood.

Manches wurde auch besser

Auch einer der Wettbewerbsbeiträge zeigte, dass Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Rassen im Schmelztiegel Amerikas noch immer ein großes Problem darstellen: In „Towelhead“, dem Regiedebüt des „American Beauty“-Autors Alan Ball, dreht ein libanesischer Vater durch, als er von der Affäre seiner Tochter mit einem Afroamerikaner erfährt. Vergleicht man „Lakeview Terrace“ und „Towelhead“ allerdings mit „Jungle Fever“, Spike Lees zutiefst pessimistischem Drama aus dem Jahr 1990 über die Liebe zwischen einem schwarzen Architekten und einer weißen Sekretärin, dann gewinnt man immerhin den Eindruck, dass sich in den Vereinigten Staaten in dieser Hinsicht mittlerweile manches zum Positiven verändert hat.

„Jungle Fever“ war in Deauville im Rahmen einer umfassenden Spike-Lee-Retrospektive zu sehen. Rund zwei Dutzend Filme des „New Black Cinema“- Vorreiters konnte man hier (wieder) entdecken, von der frechen Beziehungskomödie „She's Gotta Have It“ (1986) bis zum Thriller „Inside Man“ (2006), der en passant die Paranoia nach den Anschlägen des 11. September beleuchtet.

Aufdecken, was das System nicht preisgibt

Der bis heute einflussreichste schwarze Filmemacher bleibt ein Provokateur mit einer Vorliebe für Tabu-Themen - vom Rassenhass in New York („Do the Right Thing“) über kontroverse Bürgerrechtler-Thesen („Malcolm X“) bis zur Rolle der Schwarzen im amerikanischen Fernsehen („It's Showtime“). Seine Filme sind im schönsten Sinne paradox: Zugleich sinnlich und grausam, intellektuell und emotional, verbinden sie Lustgewinn mit Erkenntniszuwachs und analysieren, wie sich die vom Gesetz aufgehobene Rassentrennung in den Köpfen fortsetzt: Spike Lee ist selbst ein „Inside Man“, der sich im System versteckt hat, um aufzudecken, was das System nicht preisgeben will.

Auch sein neuestes Werk hatte er nach Frankreich mitgebracht: „Miracle at St. Anna“, ein ambitioniertes Kriegsepos über die von Hollywood bislang ignorierten 1,1 Millionen afroamerikanischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg in der amerikanischen Armee gekämpft hatten. Von diesem hemmungslos überladenen Melodram ließ sich nur ein Teil des Publikums zu Tränen rühren, während ein anderer entnervt aus dem Saal flüchtete.

Stehende Ovationen für den Altmeister

Am Nachmittag vor der Premiere war Spike Lee mit Obama-Mütze nach Omaha Beach gepilgert, zum amerikanischen Friedhof an den Landungsstränden der amerikanischen Truppen unweit westlich von Deauville. Abends erzählte er auf der Bühne, dass sich unter den knapp tausend dort beerdigten Soldaten auch rund hundertfünfzig Schwarze fänden - und dass er als Kind mit Hollywood-Kriegsfilmen und Western aufgewachsen sei: „Aber meine Brüder und ich waren nie auf der Seite von John Wayne, sondern immer auf der Seite der Indianer.“

Sichtlich bewegt zeigte er sich, als er vor der Vorführung seines neuen Films den Ehrenpreis des Festivals und minutenlange stehende Ovationen entgegennehmen durfte. „Langsam, Leute“, rief er den Autogrammjägern zu, verblüfft über den unerwartet massiven Ansturm, „ruhig Blut! Ich bin schließlich nicht Brad Pitt!“

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