23.02.2008 · Brad Pitt als müde Westernlegende, Casey Affleck als dessen verzweifelter Mörder, Tommy Lee Jones als pensionierter Soldat: „Die Ermordung des Jesse James ...“ und „In the Valley of Elah“ zeigen, dass etwas faul ist im Staat Amerika.
Von Michael Althen, VenedigBei den Filmfestepielen von Venedig rief die Leibhaftigkeit von Brad Pitt besonders spitze Schreie der am roten Teppich wartenden Fans hervor. Der Schauspieler münzt seinen Ruhm mittlerweile schauspielerisch in eine Müdigkeit um, an der er schwerer trägt, als seine Jahre es ahnen lassen. In „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ spielt er natürlich nicht den Feigling, sondern die Westernlegende, die auf Schritt und Tritt vom eigenen Ruhm verfolgt wird und darüber sehr, sehr melancholisch geworden ist.
Brad Pitt musste für diese Rolle wahrscheinlich keine lange Seelenforschung betreiben, um zu verstehen, was Jesse James fühlte, weswegen er den Film des Australiers Andrew Dominik auch selbst produzierte. Dieser setzt allerdings auch die Sehnsucht seines Stars nach größtmöglicher Gliederschwere und Lebensmüdigkeit geschickt ein und entringt dieser kinematographisch in- und auswendig erschlossenen Geschichte einen faszinierenden Spätwestern, eine Art Kammerspiel unter freiem Himmel, in dem man den Menschen beim schwerfälligen Denken zusehen kann. Es gibt grandiose Bilder von karger Landschaft, die immer schon so wirken, als seien sie einem alten Fotoalbum entnommen, und Menschen, in die sich die Anstrengungen, diese Weiten zu durchqueren, eingeschrieben zu haben scheinen - vor allem aber gibt es den grandiosen Casey Affleck, der den Robert Ford zwischen Begriffsstutzigkeit und Bauernschläue spielt und es schafft, dass man die Beziehung zu Jesse James als verzweifelt naive Liebesgeschichte begreift, die ihm am Ende einen zweifelhaften und genauso tödlichen Ruhm bringt.
Es ist was faul in Amerika
In einem Reich ähnlich erloschener Blicke spielt auch „In the Valley of Elah“ von Paul Haggis, die zweite Abrechnung mit dem Irak-Krieg auf diesem Festival, eine Art Fortsetzung von Brian De Palmas „Redacted“ an der Heimatfront (siehe auch: Lust, Schuld und melancholische Männer im Spiegel der Blicke). Wenn der eine Film roh war, ist dieser gekocht und schon deswegen viel verdaulicher, weil der Regisseur von „L. A. Crash“ und Autor von „Million Dollar Baby“ weiß, wie man so ein Thema verpackt, dass es alle zu Tränen rührt. Tommy Lee Jones spielt einen pensionierten und umso überzeugteren Soldaten, der bereits einen Sohn beim Militär verloren hat und nun dem Verlust des zweiten nachgeht, der nur Tage nach seiner Rückkehr aus dem Irak spurlos verschwunden ist.
Bei der Suche hilft ihm eine Polizistin (Charlize Theron), die sich in der Männerwelt die Zähne auszubeißen und am wortkargen Vater zu verzweifeln scheint, aber am Ende eben doch der traurigen Wahrheit auf die Spur kommt. Der Krieg kommt nur in Bildfetzen und Erinnerungen vor, aber er ist allgegenwärtig, und der Befund ist wie bei De Palma: Es ist etwas faul an diesem Krieg - und im Land, das ihn führt.